Redaktionscharts 2010: Alben

Die wichtigsten Songs des Jahres 2010 aus Sicht der Spex-Redaktion, kompiliert und kommentiert von Daniel Fersch, Lutz Happel, Jan Kedves, Kristina Schilke, Anne Waak und Wibke Wetzker.

1. DEERHUNTER »Halcyon Digest« (4AD / Beggars / Indigo)
Manches braucht Zeit, so auch Deerhunter. Klangen die ersten drei Alben nach recht austauschbarem Indie-Sound, finden die Jungs aus Georgia nun zu wahrer Größe: leise gesungene Zeilen über fragiler, rührender Gitarrenmusik.

2. MUTTER »Trinken Singen Schiessen« (Die eigene Gesellschaft 005)
Für gleich mehrere Generationen deutscher Bands, die sich unter ›Neue Dringlichkeit‹ subsumieren lassen, sind Mutter die großen Ahnen. Selten wurden Anliegen in deutschsprachiger Popmusik direkter und freier von Pathos formuliert.

3. CARIBOU »Swim« (City Slang / Universal)
Ganz schön smart, was der Mathematiker Daniel Victor Snaith da zusammengetüftelt hat. Ein Album von klarer, schlichter Schönheit, das gleichzeitig eine Sammlung von Tracks ist, die, jeder für sich genommen, süchtig machen.

4. PANTHA DU PRINCE »Black Noise« (Beggars / Indigo)
Naturbetrachtung trifft auf Hyper-Künstlichkeit: Konzeptualist Hendrik Weber weiß, wie man den Geist der Romantik in gespenstisch alpinen Kristalltechno verwandelt und macht auf seinem Rough-Trade-Debüt schwarzes Rauschen hörbar.

5. KRISTOF SCHREUF »Bourgeois with Guitar« (Buback / Indigo)
Die geglückte Aneignung der eigenen Geschichte: Kristof Schreuf interpretiert und vermischt altes und neues Material in Form eines Palimpsests. Heraus kommt eine erstaunlich eingängige Verdichtung mit Popappeal.

6. TORO Y MOI »Causers of This« (Carpark / Indigo)
Für die Neudefinition des Pop im Zeichen von Chillwave zeichnet der Amerikaner Chaz Bundick zwar nicht allein verantwortlich, aber selten klang eine Reise durch die Dekaden und Genres so reflektiert und geradezu zärtlich.

7. DIE ANTWOORD »$O$« (Universal)
Aufgepasst Bitches und Pimps! Euch gibt es auf diesem Hiphop-Album aus Südafrika gar nicht richtig. Stattdessen werdet ihr durch Muttersöhnchen, gemeine Frauen und Eurodance-Zitate ersetzt. Wie das ist? Verdammt gut.

8. MOUNT KIMBIE »Crooks & Lovers« (99999 / Alive)
Ein Feldmikrofon, einen Sampler und eine Gitarre – mehr braucht das Duo Mount Kimbie nicht für seine impressionistischen Klangpassagen, die einfach nicht in enge Schubladen wie Post-Dubstep oder Indie-Electronica passen.

9. BEACH HOUSE »Teen Dream« (Bella Union / Coop / Universal)
Auch auf seinem dritten Album ruft das Duo flirrende Hippie-Referenzen an. Nostalgischer Zeitlupenpop, den man dank (oder trotz) sakralen Orgelsounds und der somnambulen Stimme von Victoria Legrand nicht leid wird.

10. BRYAN FERRY »Olympia« (Virgin Records / EMI)
Ohne größere Brüche ist Bryan Ferry seit 37 Jahren im Geschäft. Sein Konzept, Arrangements mit einiger Ironie auf Hochglanz zu trimmen, geht hier auf: Für Überproduziertes wird man entlohnt mit verführerischen Balladen.

11. ARCADE FIRE »The Suburbs« (City Slang / Universal)
Als Verschrobenheiten deklarierte Besonderheiten waren gestern. Heute treten Arcade Fire in Smoking und Goldlamé auf, um musikalisch opulent den Weg ins Stadion einzuschlagen und dort lässig Bands wie U2 zuzuwinken.

12. GONJASUFI »A Sufi and a Killer« (Warp / RTD)
Früher war er Rapper und auf Drogen, heute orgelt Sumach Valentine, Mystiker mit dem Nebenberuf Yogalehrer, unter dem Namen Gonjasufi in der Wüste Nevadas toll überdrehten, eklektischen Klangirrsinn zusammen.

13. HANS UNSTERN »Kratz dich Raus« (Staatsakt / RTD)
Spex-Autor Thomas Hübener erkannte bereits im Frühjahr in diesem Debüt nicht nur einen dem Zeitgeist hingeworfenen Fehdehandschuh und ein queeres Bekenntnis, sondern auch das große deutschsprachige Album des Jahres.

14. LCD SOUNDSYSTEM »This Is Happening« (Parlophone / EMI)
Auch wenn es vorerst das letzte Album sein soll, James Murphy dementiert das Ende von LCD Soundsystem: »I just need to get away from it being a big thing.« Ein Gefühl des Abschieds von einem großen Künstler schwingt trotzdem mit.

15. BIG BOI »Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty« (Def Jam / Universal)
Mit Eleganz, Funk-Futurismus und Sprachwitz zeigte der Hiphop-Veteran aus Atlanta dem Nachwuchs noch einmal, wie’s geht und trat zudem endgültig aus dem Schatten seines glamourösen Outkast-Partners André 3000.

16. LADY GAGA »The Fame Monster« (Interscope / Universal)
Noch als erweiterte Wiederveröffentlichung ihres 2008 erschienenen Debüts das Überpop-Album des Jahres. GaGa flutete die Welt mit Multifunktions-Hits, epischen Videos und ihrem Fleischkleid. That girl is a monster!

17. GIL SCOTT-HERON »I‘m New Here« (XL / Beggars / Indigo)
Nach 13 Jahren Stille kehrt eine große Soul- und Spoken-Word-Legende zurück und breitet ihr abgründiges Musiker leben zwischen Kunst und Verzweiflung auf dem Teppich düsterer analog-digitaler Arrangements aus.

18. BONAPARTE »My Horse Likes You« (Staatsakt / RTD)
Laut Sänger und Alleinherrscher Tobias Jundt geht es um wilden und animalischen Sex, deshalb singt er auch »The secret language between my thighs is out of control«. Dass ihm dabei die Pferde durchgehen, ist beabsichtigt.

19. OWEN PALLETT »Heartland« (Domino / Indigo)
Junger Mann mit Knopfaugen und nie ohne Geige macht seit Jahren nur die allerschönste Feine-Menschen-Musik im besten Sinn des Wortes: aus den uralten Fängen des Folk entrissen, drängend und zärtlich instrumentalisiert.

20. JANELLE MONÁE »The ArchAndroid« (Atlantic / Warner)
Wenn sie ihre Elvis-Tolle schüttelt und ihren ganzen Körper gleich mit, kann sich Willow Smith noch was abschauen. Nebenbei entstaubt Monáe auch das Metier der Konzeptalbenproduktion als Heldin ihrer eigenen Parallelwelt.

21. TOCOTRONIC »Schall & Wahn« (Vertigo / Universal)
17 Jahre Bandgeschichte haben Tocotronic nicht träge werden lassen, sondern die Freundschaft gestärkt und das Sloganizing perfektioniert. Auf dem Cover fassten sie sich fürsorglich an den Händen, dazu hieß es: »Die Folter endet nie«.

22. FOUR TET »There Is Love in You« (Domino / Indigo)
Alles geschieht ganz subtil auf diesem Album: der Aufbau der Spannungsbögen, die kleinen Rhythmus-Verschiebungen und der Einsatz der Samples. Mit Abstand die leichtfüssigste Platte, die Kieran Hebden je gemacht hat.

23. JOANNA NEWSOM »Have One on Me« (Drag City / RTD)
Newsoms transzendenter Gesang schien noch im letzten Jahr durch eine Stimmbandverletzung existenziell bedroht. Um so größer die Erleichterung: Die Künstlerin entdeckt ganz neue Facetten und kostet sie auf zwei Stunden Spielzeit aus.

24. JOHN ROBERTS »Glass Eights« (Dial / RTD)
Selten haben House-Alben bahnbrechend Neues zu bieten, doch die Art und Weise, wie Roberts klassische Kompositionstechniken mit Loop-basierter Tanzmusik verschmelzen lässt, klang in unseren Ohren tatsächlich ungehört.

25. THOMAS MEINECKE & MOVE D »Work« (Intermedium / RTD)
Thomas Meinecke und David Moufang arbeiten sich sprachlich und musikalisch durch den Referenzrahmen des Wortes ›work‹. Es entsteht ein Kaleidoskop aus House, Oral History, queerer Dance- und Partykultur und Ghettotech.

26. JJ »JJ No 3« (Secretly Canadian / Cargo)
Das schwedische Girl-Boy-Duo überzieht seine liebsten Versatzstücke aus Eurodance und Gangsta-Hiphop mit Calypso-Flavour und windschiefem Gesang. Dank Mundharmonika und Synthie-Geflüster wird daraus schönster Dream-Pop.

27. DARWIN DEEZ »Darwin Deez« (Lucky Number / RTD)
Wer die Außenseiterhymnen dieses Schlaks aus dem Dunstkreis des New Yorker Sidewalk Cafés hört, weiß, wie »happy music for sad people« funktioniert. Die Unzulänglichkeiten des Lebens verpackt Deez in Songs, die sitzen.

28. CHLOÉ »One in Other« (Kill The DJ / Broken Silence)
Songwriter-Techno für die ganz späten Stunden im Club, wenn der gespenstische Sound durch trockeneiskalte Nebelschwaden gleiten kann. Dann entwickeln die ins Halbdunkel gedimmten Tracks ihren hypnotischen Sog.

29. ERYKAH BADU »New Amerykah, Pt. 2 (Return of the Ankh)« (Motown / Universal)
Während die Erz-Androidin Janelle Monáe die R&BMetropolis regiert, beweist Madame Badu mit diesem zeitlos erdigen Album, dass sie weiterhin die souveräne Herrscherin über den bio-dynamischen Soulkosmos bleibt.

30. THE DRUMS »The Drums« (Coop / Universal)
Die idiosynkratische Begeisterung der New Yorker Band für Surf-Pop umschifft hier dank elektronischer Unterfütterungen ein muffiges Rockabilly-Revival und liebäugelt stattdessen mit Factory-Bands, The Smiths und Orange Juice.

Die 30 wichtigsten Songs des Jahres 2010 findest du hier.

7 KOMMENTARE

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