Redaktionscharts 2007: Alben

Ein Jahr und seine Alben. Wir haben uns als Redaktion dieses Jahr mit rund 5.000 CDs auseinandergesetzt – mit konservativ gezählt etwa 50.000 Songs. Wir befragten, wie schon unserer Vorgängerredaktionen es taten, uns selbst und unsere freien Autoren nach einer Auswahl der besten Alben; die folgenden 50 sind unserer Ansicht nach die wichtigsten des Jahres 2007. Kompiliert und kommentiert von Max Dax, Martin Hossbach, Jan Kedves und Walter Wacht.

MIA01 M.I.A.
»Kala« (XL / Beggars / Indigo)
M.I.A. cuttet rappende Aborigines, The Clash und Bollywood über Londoner Beat Science – die Welt schrumpft zur Handgranate. Bumm!

Justice 02 JUSTICE
»†« (Ed Banger / Warner)
Vorsprung durch ›technique‹ und immer gleich auf die Douze: this year’s konsensfähiger Bratzsound, protegé par Myspace.

KommandoSonne-nmilch 03 KOMMANDO SONNE-NMILCH
»Jamaica« (Buback / Indigo)
Jens Rachuts massives, Unabhängigkeit von allem und jedem behauptendes Punkmonument ist ein existentialistisch-kathartisches Werk.

Burial 04 BURIAL
»Untrue« (Hyperdub / Cargo)
Auf seinem melancholischen, vocal-geprägten Zweitwerk redefiniert der Brite Dubstep, die Neuerfindung von Drum’n’Bass und 2-Step.

AmyWinehouse 05 AMY WINEHOUSE
»Back To Black« (Island / Universal)
Like smack in my veins: Titelseiten, Trouble und Tranquilizer. Genial-stompendes Sixties-Soul-Album mit exakt 32:17 Minuten Laufzeit.

PanthaDuPrince 06 PANTHA DU PRINCE
»This Bliss« (Dial / Kompakt)
Poesie und Techno, hier ergibt die Fusion Sinn. Hendrik Weber produzierte zehn Tracks – wie das Schimmern der Unendlichkeit.

PandaBear 07 PANDA BEAR
»Person Pitch« (Paw Tracks / Cargo)
Solo noch besser als im Verbund mit Animal Collective: verhallter, zerschlierter Beach-Boys-Pop, durchwoben von wabernden Loops.

TheGoodTheBadAndTheQueen 08 THE GOOD, THE BAD & THE QUEEN
(titelloses Album) (Honest Jon’s / EMI)
Neue Richtung in Damon Albarns Karriere: ein London-Album mit Starbesetzung – geniale Reggae-Basslines, afrikanisches Drumming.

NinaNastasiaAndJimWhite 09 NINA NASTASIA & JIM WHITE
»You Follow Me« (Fat Cat / PIAS / RTD)
Das Fräuleinwunder: Nastasias delikat-traurige Stimme schwebt über dem jederzeit maximal minimalen Schlagzeugspiel Jim Whites.

ChromeHoof 10 CHROME HOOF
»Pre-Emptive False Rapture« (Southern Records / Soulfood)
Mosher, Ed-Banger-Fans und Exzentriker – sie alle konnten sich auf den brachialen Heavyfunk der tight lärmenden Chrome Hoof einigen.

Tocotronic 11 TOCOTRONIC
»Kapitulation« (Vertigo / Universal)
Tocotronic waren die Profiteure postmoderner Verdrossenheit – im selben Moment nahmen sie den vakant gewordenen Slot Blumfelds ein.

TheFall 12 THE FALL
»Reformation Post TLC« (Sequel / Sanctuary / RTD)
Auf dem 117. Album gelingt Mark E. Smith das Unerwartete: Im Akt der Dekonstruktion wandelt sich Wut zu Zartheit, Krach zu Wohlklang.

Cornelius 13 CORNELIUS
»Sensuous« (Warner Music Japan)
»La musique du 21° siècle«: brillanter Astro-Sound des Japaners, der unser gesammeltes Popgedächtnis in elliptische Orbits schießt.

KanyeWest 14 KANYE WEST
»Graduation« (Def Jam / Universal)
Der smarte Rapper mit dem gigantischen Ego bastardisiert den Rap in Sound, Ästhetik und Attitude. Der ganz große Hiphop-Progress.

JensFriebe 15 JENS FRIEBE
»Das mit dem Auto ist egal, hauptsache dir ist nichts passiert «(ZickZack / Indigo)
Der zukunftsweisendste deutschsprachige Popentwurf des Jahres bezieht sich deutlich auf die NDW. Jetzt fehlt nur noch der Erfolg, denn ohne ihn verkümmert jeder Sänger.

Chloe 16 CHLOÉ
»The Waiting Room« (Kill The DJ / Nocturne)
Porträt des weiblichen DJs als Sonntagmorgen: Chloé switcht von den Decks zur Gitarre und spukigem Sprechgesang. Rettet den Party-Comedown.

Caribou 17 CARIBOU
»Andorra« (City Slang / Universal)
Überdrehte One-Man-Band, die noch am ehesten wie Panda Bear klingt – wie Brian Wilson auf Prozac, aber ohne Schlieren.

LCDSoundsystem18 LCD SOUNDSYSTEM
»45:33« (DFA / EMI)
Jogging Music: Warm-Up, Fettverbrennung, Endspurt, alles zu knackigem Disco-Funk – besser als das Album »Sound Of Silver« …

Bishi 19 BISHI
»Nights At The Circus« (Gryphon)
So einfach kann Neuland betreten werden: Die Newcomerin Bishi hängt sich die (traditionell im Sitzen gespielte) Sitar um wie eine Gitarre und zeigt dem englischen Pop neue Topoi und Klangwelten auf.

Gravenhurst 20 GRAVENHURST
»The Western Lands« (Warp / RTD)
Nick Talbots raumgreifende Engelsstimme wird kontrapunktiert von monströs-krachigen, in die Musik eingearbeiteten Feedbacks.

Studio 21 STUDIO
»West Coast« (Information / PIAS / RTD)
Atmosphärische Trance-Überraschungstüte zweier blutjunger Schweden. Ihr Inhalt: Gezügelt-schleppender Slow-Rave mit Kongas, Bongos und Wah-Wah-Gitarren.

KIZ 22 K.I.Z.
»Hahnenkampf« (Royal Bunker / Universal)
Wer das liest ist doof: Berliner Sprücheklopfer metzeln sich von Kreuzberg bis Neuruppin. Wenn es nicht so entsetzlich komisch wäre …!

PJHarvey 23 PJ HARVEY
»White Chalk« (Island / Universal)
Sie mutet ihren Hörern die Leiden ihres lyrischen Ichs zu – Trennung, Todes fälle, Kindsverlust. Kammermusikalisch adäquat instrumentiert mit Piano, Banjo und Stimme.

DizzeeRascal 24 DIZZEE RASCAL
»Maths & English« (XL / Beggars / Indigo)
Auf seinem neuen Album verquirlt Dizzy Rascal sämtliche britischen Dancestile der letzten zwanzig Jahre, dazu gibt’s wie immer gepfefferte Spuckreime.

PublicEnemy 25 PUBLIC ENEMY
»How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul???« (SlamJamz / Cargo)
Public Enemy hatte keiner mehr auf der Umhängeuhr. 25 Jahre nach ihrem Debüt wollen sie den jungen Wilden noch einmal den Weg weisen: mit ungemindertem Zorn.

AnimalCollective 26 ANIMAL COLLECTIVE
»Strawberry Jam« (Domino / Indigo)
Mmmmh, lecker! Mit Acid und Marihuana versetzte Klangmarmelade, die sich süß auf ein Brot mit gesunden Kakophoniekörnern legt.

Feist 27 FEIST
»The Reminder« (Universal)
Mutti mag’s gern heiß: Feist eroberte sich ein Massenpublikum mit porentief arrangierten Traditionals und astreinen Popsongs.

PatrickWolf 28 PATRICK WOLF
»The Magic Position« (Loog / Universal)
Ein bisschen schwul, ein bisschen cool, immer ein bisschen dazwischen: Noisepop, opulente Streicher und bouncende Beats – Borderline Pop.

EinstuerzendeNeubauten 29 EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
»Alles wieder offen« (Potomak / Indigo)
Triumph des Wollens: Auf ihrem besten Album seit zwei Jahrzehnten beziehen sich die Dadaisten des Pop labyrinthisch auf sich selbst.

BatForLashes 30 BAT FOR LASHES
»Fur And Gold« (She Bear / EMI)
Hirschgeweih und Pfauenfeder: Inspiriert von Lynch, peitscht Natasha Khan R&B, Electro und kühle Kinderchöre in Richtung Popmusik.

MaximoPark 31 MAXÏMO PARK
»Our Earthly Pleasures« (Warp / RTD)
Ausdauernder Power-Britpop: Mit ihrem zweiten Album knacken Maxïmo Park die Indie-Disco, unschlagbar kraftvoll und leidenschaftlich.

RicardoVillalobos 32 RICARDO VILLALOBOS
»Fabric 36« (Fabric / RTD)
Exodus zu Geblitzel und Geplöckel: Der Prophet der Minimal-Gemeinde findet selten ein Ende, diesmal aber außerdem die Erlösung.

JensLekman 33 JENS LEKMAN
»Night Falls Over Kortedala« (Secretly Canadian / Cargo)
Gebrochenes Herz auf Kreuzfahrt: Der schwedische Jungcrooner gießt sein Leiden an der Liebe in schmalzigen Sample-Pop.

RoisinMurphy 34 RÓISÍN MURPHY
»Overpowered« (EMI)
Surprise aus der Discokugel: Die Moloko-Stimme legt ihren Majorlabelvorschuss in schicken Dancefloor-Outfits an und geht Camping mit Divine. Selten hatte Trash mehr Glamour.

BondeDoRole 35 BONDE DO ROLE
»With Lasers« (Domino / RTD)
Eigentlich ungerecht: Drei brasilianische Mittelstandskids kapern Baile Funk, den Booty-Sound aus den Ghettos von Rio – und haben damit mehr Spaß als alle Originators.

ScoutNiblett 36 SCOUT NIBLETT
»This Fool Can Die Now« (Too Pure / Indigo)
Alles wird schwarz: Vierzehn grungige Selbstzerfleischungen – unterstützt vom Seelenverwandten Bonnie »Prince« Billy.

Efdemin 37 EFDEMIN
»Efdemin« (Dial / Kompakt)
So amtlich kann es bei Dial werden: funktionaler Minimal Techno von Philip Sollmann – mit Trance, aber ohne Käse.

TheDirtyProjectors 38 THE DIRTY PROJECTORS
»Rise Above« (Rough Trade / RTD)
Henry Rollins mit Östrogenspritze: »Damaged« von Black Flag – genial schrullig nachgespielt von den New Yorker Indie-Darlings.

DieTueren 39 DIE TÜREN
»Popo« (Staatsakt / Indigo)
Die Digitale Bohème kriegt Schiss: Die Türen witzeln über das Ende der Laptop-Lockerheit und schunkeln zum Showband-Sound.

AJHolmes40 A.J. HOLMES
»The King Of The New Electric Hi-Life« (Pingipung / Kompakt)
Ein englischer Pantoffelheld auf dem Weg in den Süden: Holmes adaptiert den westafrikanischen Hi-Life-Sound. Locker, flockig, elegant.

Grinderman41 GRINDERMAN
»Grinderman« (Mute / EMI)
Von der Bigband zum Quartett geschrumpft, erinnert der vom Balladeer zum Bandleader bekehrte Nick Cave an seine Sekundärtugenden – Power, Power und Potenz.

Robyn42 ROBYN
»Robyn« (Konichiwa Records / Ministry Of Sound)
Repeat, Repeat, Repeat: Eine kesse Schwedin knallt mit inspiriertem Synthiepop und »With Every Heartbeat« um die Ecke. Selten war ein Sommerhit melancholischer.

VonSuedenfed43 VON SÜDENFED
»Tromatic Reflexxions« (Domino / RTD)
Die lang angekündigte Kollaboration von Mouse On Marse und Mark E. Smith verspricht viel und hält alles: feinknusprige Digitalsounds und leiernd-unverständliche Monologe.

LadySaw44 LADY SAW
»Walk Out« (VP / Groove Attack)
Riddims, so heiß wie glühendes Cannabis. Die Königin des jamaikanischen Dancehall mit einem rastlosen Album ohne Füller.

Kassin+245 KASSIN +2
»Futurismo« (Luaka Bop / V2)
Mit Störgeräuschen angeschmutze Soundperlen, die sich mit Kennerschaft elegant durch die brasilianische Pophistorie schlängeln.

RhythmKingAndHerFriends46 RHYTHM KING AND HER FRIENDS
»The Front Of Luxury« (Kitty-Yo Digital / Finetunes)
Sirenengesang und heiße Groovebox-Kicks versöhnen Party mit Politik – die B-52’s landen im Berliner Queer-Aktivisten-Camp.

Boxcutter47 BOXCUTTER
»Glyphic« (Planet Mu / Neuton / NTT)
Geiler Braindance mit schwerer Dubstep-Schlagseite: herb, morbide, glasklar und kompromisslos verrückt. Wenn einem Burial zu poppig ist….

TheGoTeam48 THE GO! TEAM
»Proof Of Youth« (Memphis Industries / Cooperative Music / RTD)
Pop will eat itself: So klingt Hyperventilation im Jahr 2007. Abgezockt, auf die Zwölf, wo haben die bloß die gute Laune her?

WareikaHillSounds49 WAREIKA HILL SOUNDS
»Wareika Hill Sounds« (Honest Jon’s)
Melancholischer, meist instrumentaler und herrlich bläserlastiger Roots Reggae des Posaunisten Calvin Cameron vom Label Honest Jon’s, gemastert von Moritz von Oswald.

Radiohead50 RADIOHEAD
»In Rainbows« (Radiohead / XL / Beggars)
Das Vertriebsgedöns war interessanter als das Album selbst. Aber immerhin: Das Download-Spätwerk schließt passgenau an den Klassiker »OK Computer« von 1997 an.

Die 50 wichtigsten Songs des Jahres findest du hier. In Kürze folgen auf Spex.de die Leser- und Autorencharts. Wie immer gilt auch hier: Rückmeldung ist herzlich willkommen. Welche Alben haben wir vergessen? Welche tauchen zu Unrecht in der Liste auf? Für was konnten wir dich interessieren? Sag es uns!

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