Rebellen aller Sparten – 5 Filme über die Verhältnisse (damals, heute und morgen), die man gesehen haben sollte

Foto: Filmstill / Everyday Rebellion

Was kann Film? Die Dinge zeigen, wie sie waren, wie sie sind – und danach fragen, wie sie sein sollten. Fünf Besprechungen empfehlenswerter politischer Streifen zur Zeit, die man gesehen haben sollte – in willkürlicher und wertfreier Zusammenstellung.

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#1 Der Letzte der Ungerechten

Frankreich, Österreich 2013
Regie: Claude Lanzmann

Was kann Literatur? war der pointiert geniale Titel eines Rowohlt-Büchleins mit Reden und Interviews von Jean-Paul Sartre aus dem Jahr 1979. Was kann Film? wäre der passende Titel für ein noch zu schreibendes Buch über das filmische Gesamtwerk des französischen Publizisten und Regisseurs Claude Lanzmann, dessen Kino sich in einem Minenfeld bewegt: Es geht um den Versuch einer Rekonstruktion der Bedingungen und Implikationen jüdischer Identität im Angesicht des Versuchs der Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg. Nicht nur Lanzmanns Achteinhalb-Stunden-Monumentalfilm Shoah aus dem Jahr 1985, auch seine sechs weiteren um diesen herum gruppierten Filme changieren zwischen der Dokumentation und der Inszenierung von Dokumentation, sind zugleich Autorenfilme und Aktivierungen von Erinnerungen zentraler Zeitzeugen.

Stets behandelt Lanzmann mit seinen filmischen Schnittstellen nicht nur einen weiteren Aspekt der komplexen Problematik, er förderte in zeitintensiven Recherchen immer auch neue Fakten zutage. Der Letzte der Ungerechten, uraufgeführt 2013 beim Filmfestival in Cannes, behandelt die Rolle des »Judenältesten« Benjamin Murmelstein im sogenannten »Vorzeige-Konzentrationslager« Theresienstadt. Murmelsteins selbstgewählte Mission war es, kurz gefasst, so viele Juden wie möglich vor der Deportation zu bewahren – in engem Austausch mit den NS-Funktionären, darunter Adolf Eichmann, was ihm den Ruf eines Kollaborateurs einbrachte. Mehrfach hatte Murmelstein die Möglichkeit, sich selbst in Sicherheit zu bringen, stattdessen kehrte er immer wieder zurück, um weiter im Sinne seiner Mission wirken zu können. Er wusste Bescheid, er sah Menschen in die Todeszüge steigen, er verhandelte hinter den Kulissen. 1946 stellte er sich einem Prozess, in dem er vom tschechischen Volksgericht in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Die Skepsis gegenüber seinem ambivalenten Wirken war dennoch so tief, dass es Murmelstein nicht wagte, nach Israel zu emigrieren, wo ihm ein weiterer Prozess mit ungewissem Ausgang sicher gewesen wäre.

der letzte der ungerechten

Lanzmann bezeichnete sein Porträt über Murmelstein in einem Gespräch im Jahr 2013 für SPEX N°313 (siehe auch N°321 und N°325) als »Versuch, einen Helden zu Wort kommen zu lassen, der mit vielfältigsten Mitteln versuchte, den Mördern Menschenleben abzutrotzen.« Sein Film sei der Versuch einer »Ehrenrettung«. In Der Letzte der Ungerechten, wie sich Murmelstein mit bitterem Humor selbst bezeichnet, gibt es nur zwei Protagonisten: Murmelstein und Lanzmann. Ihre insgesamt elf Stunden auf Film gebannten gemeinsamen Gespräche von 1975 sind die Basis der im Film dreieinhalbstündigen Erzählung. Zudem besucht der um 37 Jahre ältere Lanzmann 2012 all jene Orte, die Murmelstein benennt, um gewissermaßen den Horror der Erzählung in sich und für den Zuschauer nachvollziehen zu können. Im besten filmischen Sinne ist Der Letzte der Ungerechten extrem konstruiert, poetisch, voller Empathie und zugleich verstörend. Wenn die Frage lautet: Was kann Film?, dann ist dieser Film, wie zuvor bereits Shoah, eine schockierende Antwort.

TEXT: Max Dax

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#2 Heli

Mexiko 2013
Regie: Amat Escalante
Mit Armando Espitia, Andrea Vergara, Juan Eduardo Palacios u. a.

Ein junger Mann, der fast noch ein Kind ist, schlurft vor die Tür seines bescheidenen Heims. Plötzlich steht ihm ein gigantisches Militärfahrzeug gegenüber, das eine Panzerfaust auf ihn gerichtet hat. Es vergehen einige stumme Sekunden, dann verschwindet das bedrohliche Gefährt wieder – nur einer von mehreren seltsamen Augenblicken, die den harten, mitleidslosen Realismus, der einem in Heli um die Ohren gehauen wird, für kurze Zeit brechen. Doch dieser Moment verdichtet in einem einzigen Bild, worum es im Film geht: Der 17-jährige Titelheld ist in die Mühlen eines zerstörerischen Systems geraten, das so mächtig ist, dass man sich dagegen gar nicht erst aufzulehnen braucht. Eigentlich führt Heli ein unscheinbares Leben in der kargen Wüstenlandschaft Zentralmexikos. Doch nachdem seine jüngere Schwester mit einem zwielichtigen Kadetten anbandelt, kommt es zu einer Verkettung unglücklicher Ereignisse. Zwischen den Fronten von Drogenkartellen und Polizei droht Helis Familie schließlich zu zerbrechen.

Gelernt hat Regisseur Amat Escalante bei Carlos Reygadas (Battle In Heaven, 2005), mit dem er auch eine Vorliebe für Grenzüberschreitungen teilt. In seinem dritten Spielfilm begibt Escalante sich dorthin, wo die Wunde seiner Heimat am stärksten blutet. Korruption, entmenschlichte Fabrikarbeit und patriarchale Familienstrukturen stellt er in streng komponierten, sehr schön fotografierten Einstellungen wie in einem Schaukasten aus. So stilisiert die Filmsprache ist, so unmissverständlich stellt Heli klar, dass wir es nicht mit einem finsteren Märchen zu tun haben, sondern mit der traurigen Wirklichkeit. Die Gewalt besitzt etwas Rohes und Authentisches, etwa in einer besonders brutalen Szene, in der Gangster einem Gefolterten fast beiläufig und gelangweilt den Penis anzünden. Als Zuschauer wird man davon unmittelbar getroffen, auch weil man nicht so recht glauben mag, wie man so etwas derart realistisch darstellen kann.

Heli hat durchaus seine Makel. Die kühle, distanzierte Perspektive, mit der der Film auf das Leid blickt, wirkt wie eine kalkulierte Provokation, und die Verbindungen, die er zwischen der Gewalt und dem Sexleben seines Protagonisten zieht, geraten streckenweise etwas krude. Doch Escalante legt dabei mit bemerkenswerter Reduktion eine Welt offen, die von ungleichen Machtverhältnissen bestimmt ist. Gerade weil Heli nicht mit Sentimentalität oder falschem Optimismus tröstet, muss das Publikum selbst einen Weg finden, mit dem Gezeigten umzugehen.

TEXT: Michael Kienzl

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#3 Taxi Teheran
Iran 2015
Regie: Jafar Panahi
Mit Jafar Panahi, Hana Saeidi u. a.

Stellen wir uns vor: Der 2010 zu 20-jährigem Arbeitsverbot verurteilte und mit einem Ausreiseverbot belegte iranische Filmemacher Jafar Panahi muss jetzt tatsächlich sein Geld als Taxifahrer verdienen. Während er durch Teheran kutschiert, steigen wechselnde Fahrgäste ein, es entspinnen sich Unterhaltungen: über das Für und Wider der Todesstrafe für Diebe, über den Schwarzhandel mit Raubkopien verbotener Filme, über die Diskriminierung von Frauen. Panahis Taxi wird nacheinander zum Schauplatz für einen Krimi, ein Drama, einen Thriller, eine Komödie.

Ein Mann, der nach einem Motorradunfall blutend ins Taxi geschleift wird, will unbedingt sein Testament machen, damit seine Brüder seiner Frau nicht das Erbe streitig machen können. Eine Menschenrechtsanwältin erzählt von einer Klientin, die wie die Heldin von Panahis Film Offside ein Fußballspiel besuchen wollte. Die Nichte des Regisseurs soll im Rahmen eines Schulprojekts einen Film drehen und hadert mit der Absurdität des ihr auferlegten staatlichen Regelwerks. Es passieren also lauter Dinge, die auf die Missstände im Iran anspielen und die Situation Panahis reflektieren. Dabei wird das Taxi zu einer Blase der Freiheit, in der alles möglich scheint. Oder doch nicht? Ist das nur ein gewieftes Arrangement des Regisseurs? Sind die Fahrgäste in Wirklichkeit Schauspieler, die ihre Existenz riskieren?

Die letzten Filme, die Panahi aus seinem Heimatland schmuggeln konnte, This Is Not A Film und Closed Curtain, illustrierten vor allem den beklemmenden Zustand der Gefangenschaft. Im Vergleich dazu ist Taxi Teheran sehr viel freier und frecher, ein vitaler Akt des Widerstands. Sicher, Panahi musste heimlich drehen, mit einer auf dem Armaturenbrett befestigten Minikamera. Doch statt sich hinter verschlossenen Türen zu verstecken, drängt Panahi jetzt ans Licht des Tages, statt von Starre erzählt er von Bewegung, mit viel subversivem Witz und ironischen Brechungen. So wie in den Filmen seines Landsmannes Abbas Kiarostami erlebt man auch hier den iranischen Alltag im Vorüberfahren, en passant wird man Zeuge der hanebüchenen Restriktionen, sieht aber auch, wie diese an jeder Straßenecke unterwandert werden. Der Regisseur, dem man da bei der Arbeit zuschaut, wirkt jedenfalls gar nicht verbittert oder gebrochen, sondern ziemlich gelassen, nur ein wenig nachdenklich. Er hat ein weises Lächeln auf den Lippen und ein kämpferisches Funkeln in den Augen.

TEXT: Anke Sterneborg

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#4 Everyday Rebellion

Österreich, Schweiz 2013
Regie: Arash und Arman Riahi

Es ist eine Mammutaufgabe, der sich das in Österreich lebende iranische Brüderpaar Arash und Arman Riahi mit seinem ersten gemeinsamen Film gestellt hat. In Everyday Rebellion versuchen sie nicht weniger, als die weltweiten Protestbewegungen der vergangenen Jahre zusammenzufassen und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Von New York bis Damaskus, Madrid, Teheran und Kiew sprechen sie mit Menschen, die mit den in ihrem jeweiligen Land herrschenden Verhältnissen unzufrieden sind. Der Film dokumentiert, wie dieser Unmut im öffentlichen Raum auf Straßen und Plätzen sowie im virtuellen Raum an die Öffentlichkeit getragen wird. So ist ein vielfältiges Geflecht aus Kommentaren, Aktionen und Diskussionen entstanden, dessen Ziel es ist, sowohl die regionalen Unterschiede als auch die transglobalen Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Dem Film gelingt diese Gratwanderung vor allem aufgrund des hervorragenden Schnitts. Ohne dass Hektik aufkommt, werden die verschiedenen Schauplätze und Akteure miteinander verwebt; akustische Überblendungen von Protestrufen verdeutlichen etwa, dass die amerikanischen Occupy-Aktivisten und die iranische Grüne Bewegung sich zumindest in einigen Punkten durchaus einig sind. Everyday Rebellion transportiert ein unbestimmtes, aber starkes Gefühl von grenzübergreifender Aufbruchstimmung, eine Hoffnung, dass gewaltloser ziviler Ungehorsam die Welt zum Besseren verändert.

Klar ist aber auch, dass so ein emotionaler Anspruch nicht ohne reichlich Vereinfachung und Dekontextualisierung gelingt. Um ihre positive Botschaft zu senden, verzichten die Riahi-Brüder größtenteils darauf, Widersprüche innerhalb der Bewegungen sowie zwischen den Ländern einzufangen. Diese Widersprüche gerade in hochkomplexen Konflikten wie in Syrien oder Iran zu verschweigen, riecht gefährlich nach reiner Stimmungsmache. In einer Szene bei einem Protest gegen Zwangsräumungen in Madrid etwa fordert ein Protestler die Ausweisung aller Ausländer aus dem Land. Sofort wird sein Einwurf von den Umstehenden kritisiert, er verschwindet schnell aus dem Bild. Dass sich Frustration angesichts übermächtiger staatlicher und ökonomischer Strukturen nicht nur in kreativ reflektierter Empörung äußert, verdrängt der Film erfolgreich. Der Zweck, junge Menschen für eine Ästhetik und ein Gefühl des gewaltlosen Widerstands zu begeistern, mag teilweise die Mittel heiligen, gerade aber wegen seiner handwerklichen Raffinesse und seines Appells ans Bauchgefühl sollte man Everyday Rebellion auch kritisch begegnen.

TEXT: Tim Lindemann

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#5 Als wir träumten

D 2015
Regie: Andreas Dresen
Mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Ruby O. Fee u. a.

Wenn Andreas Dresen den Roman eines Leipziger Schriftstellers verfilmt, der vom Coming of Age vor und nach der Wende handelt, sind zunächst alle Zeichen auf »Ost« gestellt. Die Rede von »Ost-Schriftstellern« und »Ost-Regisseuren« erscheint zwar nicht mehr zeitgemäß, doch die Haltung dahinter, die DDR als putzig-bizarres historisches Phänomen betrachten zu wollen, hat sich in den letzten Jahren sogar noch weiter verfestigt. Clemens Meyer bot dieser Haltung schon 2006, als sein viel gepriesener Debütroman Als wir träumten erschien, mit seinem Erzählstil explizit die Stirn, besser gesagt: zeigte ihr den Stinkefinger. Auch Andreas Dresen wehrte sich in seinen Filmen stets hartnäckig, wenn auch weniger trotzig gegen die Sichtweise, in der DDR Geborene als mäßig interessante Außerirdische zu betrachten. Beide aber bestehen gleichzeitig auch auf der Eigenart ihrer Herkunft und Biografie. Wie ihre unterschiedlichen Strategien, mit dieser Tatsache umzugehen, nun bei der Verfilmung zusammenspielen, ist ebenso spannend wie sehenswert, sorgt teilweise aber auch für Frustration.

Meyer unterlief die Konventionen des »Ossi-Romans«, indem er die Marginalisierung der »Ost-Biografie« mit weiterer Marginalisierung konterte. Sein Buch handelt vom Gegenteil einer Jeunesse dorée: von einer Jugend, die sich im Genuss von Leipziger Premium Pils, Drogen und Straßenkeilereien verschwendet. Sein Schreiben, das, auf Augenhöhe mit seinen saufenden, prügelnden, stolpernden Protagonisten, auf Selbstreflexion verzichtete, verlieh einer tief empfundenen Melancholie Ausdruck. »Sicher, wir hatten eine Menge Spaß damals, und doch war bei dem, was wir taten, eine Verlorenheit in uns, die ich schwer erklären kann«, lautet das wohl bekannteste Zitat aus dem Roman. Dresen setzt in seinem Film, für den der 83-jährige Drehbuchtitan Wolfgang Kohlhaase die Adaption verfasste, genau mit diesem Gefühl unbestimmter Verlorenheit ein. Protagonist Dani sitzt mit seinem alten Freund Mark in der Ruine des Palast-Theaters, jenes Kinos, in dem sie einst zusammen Winnetou 3 und später Fickfilme schauten. Oder sitzt Dani doch alleine hier? Der Film entfaltet sich als ein Erinnerungspanoptikum, das assoziativ zwischen verschiedenen Zeiteneben hin und her springt: zwischen Kindheit und Jugend, Vorbestimmung und Desillusioniertheit, dem Leben vor dem Fall der Mauer und dem danach.

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Da ist die Zeit kurz vor dem Herbst 1989, in der der zwölfjährige Dani und seine Freunde Mark, Rico und Paul noch brav mit roten Pioniertüchern um den Hals zur Schule gehen. Noch sind die sozialistischen Parolen maßgebend, aber Rico weigert sich eines Tages, weiter sowjetische Soldatenliteratur zu lesen, und verlässt den Klassenraum. Es gibt die Zeit nach der Wende, in der die Jungs »Kontakt aufnahmen«, wie es in Meyers Roman heißt. Bei Dresen sieht man, wie die Freunde betrunken in den Straßen randalieren, vor Schlägereien mit Nazi-Gangs fliehen, Erfahrungen im Jugendarrest sammeln und zwischendurch, als glorreichstes, alles überstrahlendes Ereignis dieser Jahre, einen Technoclub eröffnen. Frauen beziehungsweise Mädchen spielen nur am Rande eine Rolle, auch wenn der begehrliche Blick auf die eine oder andere zu mancher Verheerung führt. Wie das Buch ist auch der Film durchdrungen von Trauer und Schuldgefühlen, die vor allem der Jungsclique gilt.

Dresen hat wunderbare Darsteller gefunden für diese Figuren, Wolfgang Kohlhaase hat in seinem Drehbuch ein weiteres Mal wunderbar den Ton getroffen. Und doch leidet der Film ein wenig darunter, dass er gerade das Chaos, das im Nachhinein die schönste Zeit war, in eine Erzählordnung bringt, die es in der Vorlage so nicht gab.

TEXT: Barbara Schweizerhof

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