Raz Ohara & The Odd Orchestra

Erst Mid-Twenties Breakdown, dann Club-, dann Real Life. Raz Ohara ist zurück im Leben mit einem Odd Orchestra und äußerst zarter Pop-Elektronika.

Raz Ohara & The Odd Orchestra
Raz Ohara & The Odd Orchestra: Ohara (links) sieht gut dabei aus, wenn er bemerkt, er habe zwischenzeitlich »gelebt«.

Leider bringt es heute nicht viel, Raz Ohara nach dem Foto-Auftritt seines neuen Musikpartners zu fragen. Ohara ist alleine beim Interview, sein Odd Orchestra in Gestalt von Oliver Doerell verhindert. Doerell ist derjenige, der dieses Diven-, nein, Damen-Outfit trägt: Der taillierte Mantel wirkt auf den ersten Blick wie ein knappes Kostümchen. Farbe rot, Tendenzen gehen gegen rosa. Das bisschen zuviel geschminkt steht er im Raum, am Klavier sitzt Ohara und spielt. Oliver Doerell ist vor allem als Teil von Swod bekannt, das Berliner Duo produziert hochkomplexe, äußerst leicht und brüchig klingende Schwebe-Elektronika. Und auch wenn Swod Theatermusiken schreiben, wirkt Doerells Auftritt überraschend. »Er wollte sich halt mal wie eine Frau anziehen«. Mehr kann Ohara dazu gar nicht sagen.

    Auch der gebürtige Däne Ohara hat mal Frauenkleider getragen, allerdings nur im übertragenen Sinn. Zur Zeit um die Jahrtausendwende wurde er in Berlin bekannt, und zwar nicht nur für sein Songwriting, in dem sich Soul, Reggae und Folk trafen, nicht nur für diese traurige, warme Stimme. Raz Ohara galt als »Diva«. Berüchtigt war er, Konzerte abzubrechen und sein Publikum zu beschimpfen. Abgesehen davon, dass es unteroriginell ist, einen Mann mit einem Klischee für Frauen zu belegen – zumal das ja kein geschlechterverwirrendes Benutzen von Begriffen ist, im Gegenteil, das Klischee der »Diva« wird durch so eine Attribuierung hintterrücks wieder bekräftigt – sitze ich bei meiner ersten Begegnung mit Raz Ohara einer vollkommen entspannten Person gegenüber. Weg sind die Pickel und Knitter die von zuvielen schlechten Drogen oder anderen Essgewohnheiten kommen. Es tut immer gut zu sehen, wenn ein Gesicht dem Mid-Twenties-Breakdown entkommen ist.

»Mid-Twenties Breakdown: A period of mental collapse occurring in one’s twenties, often caused by inability to function outside of school or structured environments coupled with a realization of one’s essential aloneness in the world. Often marks induction into the ritual of pharmaceutical usage.«

Douglas Coupland, »Generation X«    Der Mid-Twenties-Breakdown gehört zu den treffenden Gesellschaftsdiagnosen Douglas Couplands, diese hier unternimmt Coupland sogar in seinem größten Hit überhaupt, »Generation X«. Der Midtwenties Breakdown gehört längst zu einem künstlerischen Leben wie die Frühzwanziger-WG und eine zwischenzeitliche, scheinbürgerliche Phase. Ohara wirkte früher immer so allein, wenn man ihn in Berlin so sah. Jetzt sieht er ziemlich gut dabei aus, wenn er bemerkt, er habe zwischenzeitlich »gelebt«. Damit meint er nicht seine zweite Identität als Stimme des Techno. »All I Got To Know« und »Hot Spot« hießen zum Beispiel die beiden großen Club-Hits, auf denen Alexander Kowalski mit Beats bolzte und Ohara deepe Soulgesänge reinkriechen ließ. »Sicher haben unsere massiven Bookings in Europa, Russland und auch Brasilien dazu beigetragen, dass ich so lange keine eigenen Songs veröffentlicht habe. Aber ich war auch einfach mit dem Leben beschäftigt.« Und so redet er weiter über sein Kind, über Fernbeziehungen, über Sachen, die alles immer umkrempeln, das ganze Leben. Die Ruhe habe er so nie gefunden, weiter an der eigenen Musik zu arbeiten.

    Die Ruhe kam erst mit einer Ausstellungseröffnung, auf der Doerell live spielte. Ohara gefiel das. Kurze Zeit später trafen sich die beiden zufällig auf der Straße wieder, sie verabredeten sich, alles passte zusammen. »Oliver hat die Stimmung meiner Songskizzen so verstärkt«. Vom Mid-Twenties Breakdown bleibt auf »Raz Ohara & The Odd Orchestra« die Agonie, das Getragene, das Zögern. Ohara will gar nicht auf diese Stimmungen hinaus. »Ich weiß noch nicht mal, ob ich das so mag. Aber das kommt dann halt einfach raus.«

STREAM: Raz Ohara & The Odd Orchestra

»Raz Ohara & The Odd Orchestra« ist bereits erschienen (Get Physical Music / RTD).

 

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