„Ich kann keine Fiktion schreiben“ – Rapper View im Interview

Foto: Henri Juvonen

„Die Leute vergleichen mich mit Faithless“ – der finnische Rapper View hat den gesunden Schuss Größenwahn, den ein aufstrebender Hip-Hop-Künstler braucht, ohne den immergleichen hedonistischen Facetattoo-Rap zu machen. SPEX traf ihn zum exklusiven Interview.

Europäer, die auf Englisch rappen, sind irgendwie wie deutsche Theaterschauspieler, die lieber Hollywoodfilme drehen würden. Bei allem gesunden Größenwahn wünscht man ihnen nur das Beste für den unvermeidlich scheinenden Crash. Anders lief es bei View, der eigentlich Juuso Ruohonen heisst, und an einem kalten Tag im Februar suchend über den Rosenthaler Platz in Berlin blickt. Sein Gesicht ist eingewickelt in Schals, man erkennt ihn kaum. Das ist tatsächlich der Witterung geschuldet. Denn obwohl der Mittzwanziger bei einem deutschen Label unter Vertrag ist und regelmäßig zwischen Kiel und München spielt, kennt ihn hierzulande niemand – noch.

In Finnland, dem Heimatland des Künstlers, ist das anders. Dort hat der Musiker mit dem instrospektiven Newschool-Rap einen vertiablen Hype ausgelöst, spätestens mit seiner EP Avalon vom vergangenen Jahr. Zeitweise waren die Songs von Ruohonen und seinem Produzenten Jonas Laaksoharju die vierthäufigsten im finnischen Radio gespielten Titel. Nun soll die Welle auch nach Deutschland überschwappen, mit Views Debütalbum Leave A Comment klappte das schon Mal ganz gut. SPEX hat das Ausnahmetalent in Berlin zum Gespräch getroffen, um die eine Frage zu stellen, die wirklich zählt: Was ist sein Lieblingsalbum von Kanye West?

View, schön Sie zu treffen. Wie gefällt es Ihnen in Berlin?
Diese Stadt ist für mich ein Erwachsenenspielplatz. Das Bier ist billig, man kann überall rauchen, es gibt irres Nachtleben – der perfekte Urlaubsort, wenn man aufs Feiern steht.

Wie wichtig waren eigentlich Tanz- und Clubmusik für Ihr Album? Es gibt ja viele Passagen auf dem Album, die daran erinnern.
Mich inspiriert weniger der eigentliche Abend im Club, sondern die Nacht danach. Man hat eine großartige Zeit, von der man die Hälfte vergessen hat, der Techno hat gepumpt und nach einem verkaterten Tag kommt dann am Abend die Inspiration. Ich höre aber nicht wirklich EDM oder so. Die einzige Band, die ich da höre ist Jack Ü, weil die Produktion einfach so gut ist. Diese EDM-Parts sind oft die Idee von meinem Produzenten Jonas Laaksoharju, er steht sehr auf diese Art Musik.

Ihr Sound ist heute sehr stark von neuen Entwicklungen im Hip-Hop beeinflusst. War das schon immer so?
Früher war ich ein absoluter Oldschool-Head. Ich hörte nur Neunzigerjahre-Hip-Hop und mein Lieblingsalbum war Illmatic von Nas. Wenn ich das heute höre, inspiriert es mich nicht, weil diese Dinge schon so oft gemacht wurden.

Ich finde, diese Oldschool-Verbindung hört man trotzdem manchmal. Sie rappen auf moderne Beats, aber sind nun auch nicht das, was die Menschen einen Mumble-Rapper nennen. Ihnen scheint es nicht nur um diesen Mittelfinger-Gucci-Gang-Vibe zu gehen.
Ich wurde kürzlich in einem Interview gefragt, welche Rapper ich nicht leiden kann und Lil Pump ist definitiv einer davon (lacht). Jedes Mal wenn ich „Gucci Gang“ höre, denke ich mir what the fuck? Der Typ ist 17 und hält im Video riesige Grasbeutel in die Luft.

Sie legen viel Wert auf saubere, ausgearbeitete Produktion. Reizt es Sie, daraus auszubrechen?
Ich versuche immer, alles wirklich simpel zu machen und die Dinge zu tun, die man nicht von mir erwartet. Ich möchte Regeln brechen und immer ein wenig schockieren. Wenn dein zweites Album wie das erste klingt, machst du etwas falsch. Als Künstler sollte man konstant upgraden, neues ausprobieren.

Ist das auch etwas, was Sie sich von ihren musikalischen Idolen wünschen?
Eines meiner Idole ist Kanye West, der auf jedem Album und jedem Song etwas anderes gemacht hat und nebenbei irgendwelche Genres begründete.

Die alte Debatte: Was ist Ihr liebstes Kanye-Album?
808s And Heartbreaks, natürlich. Jedes Mal, wenn ich mir das anhöre, muss ich es mir komplett anhören, nicht nur einen Track.

Definieren Sie sich selbst als Rapper?
Wenn ich meine Musik beschreibe, ist Rap nicht das erste Wort, das mir einfällt. Ich würde eher sagen ich mache experimentelle Musik mit Hip-Hop-Einflüssen, Spoken Word vielleicht (lacht).

Wie würden Sie die finnische Hip-Hop-Szene einem Außenseiter beschreiben?
(Säufzt) Nun ja, in Finnland kennt sich jeder, so klein ist die Szene. Ich habe mittlerweile wirklich jeden finnischen Rapper persönlich getroffen. Wir sind auch nur zwei Typen, die auf Englisch rappen. Im ganzen Land wohnen 5 Millionen Menschen, 500.000 in Helsinki. Das ist nicht viel.

Können viele Rapper in Finnland von Rap leben?
Wir haben ziemlich großes Glück, dass wir so einen Erfolg in Finnland hatten und viele Menschen unsere Musik hören, sonst könnten wir heute nicht davon leben. Wenn man auf Finnisch rappt, hat man es da deutlich leichter, aber auch da gibt es nur eine Handvoll Leute, die ihre Miete davon zahlen können.

Wie kam es eigentlich, dass Sie anfingen, auf Englisch zu rappen?
Als ich so knapp 10 Jahre alt war, lebte ich in Pori, einer kleinen Stadt. Da zogen ein paar afghanische Geflüchtete in meine Gegend. Wir konnten uns nur auf Englisch verständigen, sie wollten rappen, ich wollte rappen. So fingen wir an, zusammen zu rappen – es ging nur auf Englisch.

Werden Sie eigentlich hin und wieder mit Yung Lean verglichen?
Nee, die Leute vergleichen mich eher mit Faithless.

Leave A Comment wird dafür gelobt, dass es so ehrlich sei. Wie viel ist Fakt, wie viel Fiktion?
Ich kann keine fiction schreiben. Meine Musik ist wie mein Tagebuch, mir fällt es leichter über echte Emotionen zu schreiben, als über Ausgedachtes.

Das wäre doch Mal eine Herausforderung: Ein positives Sommer-Anthem von View.
Views From The Summer kommt vielleicht früher als man denkt.

Eine Rezension von Views Debüt Leave A Comment ist in unserer Printausgabe SPEX No. 378 erschienen, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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