Auch in der Türkei dringt Hip-Hop unaufhaltsam in den Mainstream und wird dadurch zur Zielscheibe von Erdoğans repressiver Politik. Der sieht darin eine Möglichkeit, Kultur für seine Agenda zu instrumentalisieren – mit Verhaftungen, Repressalien und Zensur.

Hip-Hop erlebt goldene Zeiten, auch in der Türkei. In den konservativen muslimischen und kurdischen Communities ist türkischer Rap schon seit den späten Neunzigern beliebt, heute begeistert er die Mehrheit der jungen Hörer_innen im Land und ist  endgültig im Mainstream angekommen. Neben türkischem Pop entwickelt sich einheimischer Rap gerade zu einer der beliebtesten Musikrichtungen des Landes. Ein Name steht an der Spitze dieser Bewegung: der 27-jährige MC, Songschreiber und Produzent Ezhel aus der Hauptstadt Ankara. Sein von Trap-Beats durchzogenes Debütalbum Müptezhel wurde nicht nur vom traditionellen Rap-Publikum gefeiert, sondern fand auch in der alternativen Musikszene Anklang. Mit ihm traten eine ganze Reihe neuer türkischer Rapper_innen auf den Plan. Sie spielten an Orten, die ihnen zuvor verschlossen geblieben waren. Orte, die eigentlich den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten waren. Ein echter game changer.

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Mit der Machtübernahme der AKP drehte sich der Diskurs in der Türkei (Collage: SPEX).

Solche Aufmerksamkeit hat ihren Preis. Einige Rapper_innen stehen in der Türkei momentan unter enormem Druck der Regierung. Ezhel und ein weiterer MC aus Istanbul, Şam, wurden wegen ihrer Texte inhaftiert, andere Künstler wie Server Uraz und Ceg wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Das Timing ist frappierend. In den ärmeren Teilen des Landes war türkischer Rap schon immer ein gewaltiges Ding, eine der größten Underground-Kulturen, die das Land je gesehen hat. Dank billiger Ausrüstung und guter alter Sample-Tradition konnten junge Leute ohne viel Geld Beats kreieren, die den Boden für sie bereiten, um ihre Wahrheiten auszuspucken, ohne sich den ästhetischen Vorgaben des dominierenden Massengeschmacks unterwerfen zu müssen. Inspiriert wurden sie vom Hip-Hop der türkischen Einwandererjugend in Deutschland, die darin Anfang der Neunziger ihre Diskriminierungserfahrungen verarbeitete. Rap gab jungen Türk_innen eine Möglichkeit, sich selbst darzustellen und zu organisieren. Eine Möglichkeit, auf die sie umgebenden Lebensumstände zu reagieren. Doch abgesehen von wenigen Künstlern wie Ceza, der mit großen Popikonen wie Sezen Aksu kollaborierte, und Sagopa Kajmer, der als Symbol der konservativen türkischen Rap-Szene gilt, blieb türkischer Rap ein Underground-Phänomen.

Das hat sowohl mit dem Inhalt der Musik zu tun als auch mit der sozioökonomischen Klasse, aus der sie stammt. Ebenso wie bei der Arabeske-Tradition der Achtziger empfand die Oberschicht türkischen Rap als eine Kunstform von minderer Qualität. Eine Kunstform, in der sich alles um „Geld” (oder dessen Mangel) dreht, um familiäre Probleme und gesellschaftliches Außenseitertum, ein Wutanfall voller Schimpfwörter und frauenfeindlicher Lyrik. Themen, die die Oberschicht nicht interessierten.

Als Rapper_in braucht man keine musikalische Ausbildung und auch keine technischen Kenntnisse. Was außer Hip-Hop hätte also ein Werkzeug für die Ausgestoßenen sein können, um über sie zu sprechen und sich selbst zu verwirklichen?

„Der politische Druck hat sich intensiviert und wir sorgen uns, was da noch kommen wird”

– Server Uraz

Um zu verstehen, warum türkischer Rap gerade in muslimischen und kurdischen Communities in ländlichen Gegenden als Ausdrucksform der eigenen Identität so populär geworden ist, muss man mehr über den sozialpolitischen Hintergrund der Türkei erfahren. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich das Land zum Nationalstaat und durchlebte dabei drastische politische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen. Dem Vorbild des Westens folgend organisierte sich die Türkei als zentralistischer Staat um eine neu aufkeimende türkische Identität – und schob dabei ethnische und religiöse Minderheiten einfach beiseite. Auch die muslimische Mehrheit musste sich einer säkularen Staatsdoktrin unterwerfen, zu dem das Kopftuchverbot in Unternehmen und Schulen gehörte. Religiöse Menschen wurden als rückschrittlich angesehen, inkompatibel mit der Idee einer stetigen Verwestlichung des Landes. Davon profitierte vor allem die Oberschicht, die abgehängten Bevölkerungsschichten revoltierten auf ihre Weise, auch in Form von Musik.

Was hat sich geändert? Warum und wie wurde türkischer Rap zu einem der meistgehörten Genres des Landes? So einflussreich, dass die Regierung mit schwerer Zensur und sogar Inhaftierungen reagiert?

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Einer der talentiertesten Rapper seiner Generation: Ezhel (Foto: Deniz Ezgi Surek).

Als der Rapper Ezhel im Mai 2017 sein Debütalbum veröffentlichte, hatte Trap bereits die Welt erobert. Travis Scott und Migos waren everybody’s darlings, Kendrick Lamar hatte gerade Damn herausgebracht und auch in der elektronischen Musik adaptierten Künstler wie Kuedo schonungslos die Produktionstechniken des Trap. Optimale Voraussetzungen für Ezhel, der in seiner Heimatstadt Ankara und den inneren Kreisen des türkischen Rap schon länger als einer der talentiertesten Rapper seiner Generation gehandelt wurde. Sein Debüt war das Ergebnis eines Jahres voller harter Arbeit und vereinte in fein gearbeiteten Songs Genres von Reggae bis Trap.

Müptezhel war – anders als klassische türkische Rap-Alben – keine unmittelbare politische Kampfansage, sondern erzählte aus dem Alltag eines jungen Mannes: Verliebtsein, Gras rauchen und es sich mit der Freundin in der Badewanne gemütlich machen. Bemerkenswert war jedoch seine Fähigkeit, die Probleme und Ängste einer Generation clever und geschickt in Worte zu packen. So erwähnt Ezhel in einem seiner Tracks den ehemaligen Gemeindepräsidenten von Ankara, Melih Gökçek, und kritisiert dessen Politik auf subtile Weise. Überhaupt spricht Ezhel viel über seine Heimat und wie ihn die schmutzige Politik in der Hauptstadt betrifft. Ankara ist ein prominentes und immer wiederkehrendes Thema in seinen Songs, das es ihm ermöglicht, sich mit anderen Menschen in der Stadt zu identifizieren, die ähnliche Erfahrungen machen.

Die Kombination aus spitzfindigen Texten und eingängigen Melodien hat es Ezhel möglich gemacht, seine Musik für junge Menschen aus verschiedenen Klassen zu öffnen. Jugendliche aus der oberen Mittelschicht, sexuell befreit und offen im Umgang mit Drogen, fanden einen Platz in Ezhels Musik und in der neu entstandenen türkischen Trap-Szene. Der klassenübergreifende Erfolg des türkischen Rap mag auch darin begründet liegen, dass sich junge Türk_innen aufgrund einer regressiven Bildungspolitik, einer sich verschärfenden Wirtschaftskrise und allgemein düsteren Zukunftsaussichten zunehmend vom Staat entfremdet fühlen – wenn auch je nach individuellen Privilegien und kulturellem Kapital in unterschiedlichem Ausmaß. Den Erfolg, ihre ohnehin schon große Fangemeinde um Menschen aus höheren sozialen Schichten erweitert zu haben, verdanken diese Rapper_innen eben diesem politisierten Alltagsverständnis. Er zeigt, dass Persönliches tatsächlich politisch ist. Die neue Generation von Rapper_innen spricht über Sex und Politik fast so, als wären die beiden untrennbar miteinander verbunden; Freud hätte daran seine Freude gehabt.

„Es geht hier gegen alle, die über brisante Themen sprechen”

– Khontkar

Aber in der Türkei dieser Tage bleiben progressive Strömungen nicht lange unentdeckt. Vergangenen Sommer wurden Ezhel und sein Kollege Khontkar mit der Begründung festgenommen, ihre Lyrics würden Drogenkonsum fördern. Die beiden Rapper kamen nach mehreren Tagen im Gefängnis auch deshalb frei, weil der öffentliche Druck auf die Regierung zu groß wurde. Ein paar Monate später wurde Ezhel erneut angeklagt, im Februar vergangenen Jahres aber freigesprochen. Die Anschuldigungen gegen Khontkar bestehen bis heute. Im Januar wurden ein MC namens Ceg und sein Produzent Server Uraz aus demselben Grund wie Ezhel und Khontkar zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

In einer Zeit, in der Zensur ein Merkmal von Erdoğans Türkei ist, ist der Druck auf die Künstler_innen des Landes besonders groß. Der türkische Präsident verfolgt eine gefährliche Strategie: Er attackiert kritische Künstler_innen und zieht andere, die er konform findet, auf seine Seite. Damit polarisiert er die Gesellschaft und spaltet die Kunstszene, indem er einen Teil marginalisiert und als „moralisch minderwertig” abstempelt.

Als ein Staat, dessen Ursprung zwar säkular, dessen Hintergrund aber auch religiös war, hatte die Türkei schon immer ein Repräsentationsproblem. In den Jahren vor Erdoğans AKP war der türkische Staatsapparat, und damit auch Medien und Kunst, strikt säkular organisiert, religiöse Gruppen hatten keine Teilhabe. Mit der Machtübernahme der AKP drehte sich der Diskurs, ausgeschlossen wurden nun andere Lebensweisen.

Als die Polizei Khontkars Haus nach Drogen durchsuchte, diskreditierte sie ihn, indem sie sagte, er sei kein Künstler. Überhaupt bekomme Hip-Hop in der Türkei nicht den Respekt, den er verdiene, sagt der Rapper: „Ich habe einen TV-Moderator gesehen, der zu einem Hip-Hop-Künstler gesagt hat, dass seine Musik zwar gut, seine Texte aber eher schwach seien. Das hätte er sich bei einem Musiker eines anderen Genres niemals getraut.” Zum laufenden Gerichtsprozess gegen ihn sagt Khontkar: „Ich versuche mich auf das Schlimmste einzustellen. Wenn ich schuldig gesprochen werde, muss ich meine Familie und meinen Job zurücklassen.” Für ihn haben die Repressalien nichts mit Trap zu tun, sondern mit den Themen, die darin verhandelt werden. „Es geht hier gegen alle, die über brisante Themen sprechen.”

„Sie versuchen sie uns zum Schweigen zu bringen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten”

– Server Uraz

Server Uraz, der zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er einen Song von Ceg produziert hatte (der ebenfalls wegen der Lyrics des Songs verurteilt wurde), berichtet, dass er seit 2006 mehrmals vor Gericht stand, aber bis dato nie verurteilt wurde. „Dieses Mal ist es anders”, sagt er, „was zeigt, dass sich der politische Druck intensiviert hat und wir uns sorgen, was da noch kommen wird.” Er findet den von oben verordneten Konformismus besorgniserregend: „Die Regierung verschließt ihre Ohren nicht nur vor unterschiedlichen Stimmen, sie versucht darüber hinaus, jede_n zum Schweigen zu bringen, der oder die eine andere Meinung vertritt als sie selbst.” Die Türkei befinde sich auf dem direkten Weg in den Faschismus und demokratische Rechte würden nur noch für die Wähler der Partei gelten. „Und da wir Rapper jeden Tag mehr und mehr Menschen erreichen, versuchen sie uns zum Schweigen zu bringen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten.”

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„Ich versuche mich auf das Schlimmste einzustellen” – Khontkar (Foto: Promo).

Server Uraz hat recht. Weil die Bekanntheit von Künstler_innen wie ihm zunehmend wächst und sie dabei immer mehr Menschen erreichen, die nicht Angehörige ihrer Klasse sind, haben sie mittlerweile einen gesellschaftlichen Einfluss, der sie für die Regierung potenziell gefährlich macht. Ezhels Publikum beispielsweise passt in keinen durchschnittlichen Konzertsaal mehr, er spielt vor ausverkauften Stadien, auf großen Festivals und tourt durch Europa. Dass diese Künstler_innen nun von den Randgebieten in die Zentren der Städte vorgedrungen sind, führt aber auch zu Ärger im elitären Teil der Musikszene. Denn Zensur durch Moralismus wird nun nicht mehr nur von den Oberen ausgeübt, sondern auch von unten.

Im konkreten Fall zeigte sich das in einer Rufmordkampagne in den Sozialen Medien, in der prominente Köpfe der alternativen Musikszene die Musik der Rapper als „keinen echten Hip-Hop“, „voll von Auto-Tune“ und „durchzogen von Sexismus“ diskreditierten. Das zeigt natürlich, wie tief die türkische Gesellschaft in Bezug auf Moral-, Status- und Geschmacksvorstellungen gespalten ist. Es zeigt aber auch, wie die aus den privilegierten Schichten stammenden Protagonist_innen Newcomern aus den sozialschwachen Milieus den Zugang zu ihren Szenen erschweren, weil sie ihre eigenen Positionen verteidigen möchten.

Die aktuelle Türkei im Kleinen, könnte man sagen. Die herrschende Klasse, die bis dato die Ausbildung von kulturellen Normen bestimmte, sieht sich mit dem drohenden Verlust ihrer gewohnten Vormachtstellung konfrontiert. Die Idee, dass diese Musik keine „richtige” Musik sei, unterstreicht deren deterministische und totalitäre Vorstellung, zu der gehört, dass ein kleiner Kreis Auserwählter darüber entscheidet, was gut ist und was nicht – und dass jene, die keinen Zugang zu diesem Kreis haben, draußen bleiben müssen. In Bezug auf die Musikszene scheint die zugrundeliegende Angst dieselbe zu sein, die auch den Staat umtreibt: Dass diese Künstler_innen eine Grenze überschreiten, dass sie das System unterwandern, andere Realitäten sichtbar machen, Staub aufwirbeln und zu Aufruhr führen.

Diese Polarisierung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen führt zu einem Klima, das der Regierung in die Hände spielt. Angesichts der Ähnlichkeit der Situation zu der Zeit nach dem Militärputsch von 1980, als Musiker_innen wie Cem Karaca und Selda aus Angst vor Verhaftungen das Land verlassen mussten, bleibt abzuwarten, ob die bisherigen Versuche einer Einhegung der Kunst nur ein Vorgeschmack auf weitere Verhaftungen, Repressalien und Zensur sind. Die vehementen Versuche der Regierung, mithilfe der Kultur Sittenwächter für ein ganzes Land zu spielen, zeigt indes vor allem eins: Wie mächtig Kultur als politisches Instrument weiterhin ist.