Ramblin’ Jack Elliott

Als Christoph Schlingensief einmal in Alexander Kluges »Mitternachtsmagazin« den an der Gitarre sitzenden Helge Schneider aufforderte, über ein Weihnachtslied zu improvisieren, weigerte sich der weise Musikant mit den Worten: »Über Weihnachtslieder kann man nicht improvisieren. Die sind einfach da.« Nicht anders verhält es sich mit jenen zehn Songs, die der 77-jährige Ramblin’ Jack Elliott auf seiner wer-weiß-wievielten Platte versammelt hat. Sie atmen Geschichte, die Aura des Unverrückbaren. »Rising High Water Blues«, »The New Stranger Blues« – sie alle stammen aus der Zeit der Great Depression, also aus jenem von der Wirtschaftskrise geprägten Jahrzehnt, das erst durch den ökonomisch beflügelnden Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg beendet wurde. Dreißig Jahre später galt Elliott mit und neben Woody Guthrie, dank seines unerschöpflichen, kundigen Repertoires und seines Talents als Performer als einer der wichtigsten Protagonisten des New Yorker Folk Revivals und avancierte zu einer der vielen Blaupausen des jungen Bob Dylan. Womit wir im Jahr 2007 wären, beim »I’m Not There«-Soundtrack, den unter anderem der singende, komponierende Madonna-Schwager Joe Henry produziert hat, inklusive Elliotts gebrechlicher Version von »Just Like Tom Thumb’s Blues«. Damals entstand der Plan zum gemeinsamen Album, das nun, wie schon Henrys letztes Album »Civilians«, beim gleichermaßen traditionsbewussten und geschmackssicheren Label ANTI- erscheint.

    Was aber sagen uns heute diese alten Lieder von im Blues stilprägenden aber oft im Leben gescheiterten Künstlern, wie Blind Lemon Jefferson oder Tampa Red, die seit einem dreiviertel Jahrhundert in spartanischen Takten und Zeilen von Entfremdung, dem Kampf um Würde und Todesangst handeln? Sie wirken in ihrer Form zunächst museal, ähnlich dem auch hier bemühten Topos des Vergeblich-auf-den-Zug-Wartens. Die Zeiten haben sich schließlich geändert, dem öffentlichen Personenverkehr geht heutzutage jede Existenzialität und Romantik ab. Denkt man. Aber dann erinnert Elliott uns mit Leroy Carrs »How Long Blues« plötzlich auch an jene vermoosten Regionalbahnhöfe, die man etwa zwischen Hamburg und Berlin mit dem ICE kurz streift, wo zusammenrationalisierte Fahrpläne das Hören der »Train’s Whistle«, ohne je einen Zug erreichen zu können, auch heute noch zu realen, potenziell prägenden Realitäten machen. Das wahre Geheimnis dieser Platte ist aber, dass keine vordergründigen produktionstechnischen Modernismen die zeitlose Gültigkeit des Materials betonen. Henry dirigierte kompetente Mitstreiter wie David Hidalgo von Los Lobos und Van Dyke Parks zu einem komplexen Bandgefüge, in dem ein abwechslungsreiches, zumeist analoges Instrumentarium Elliotts mittlerweile brüchige Stimme und seine sonst sehr dominierende Klampfe zu primae inter pares erklärt, während eine elektrisch verstärke Gitarre in tiefen Lagen für düstere Grundierung sorgt. Oben in der Bar zelebrieren Bottleneck, Violine, Piano, ja, sogar ein Waschbrett und dezentes Schlagwerk einen alten Tanz, bis im Basement die Rückkopplung beginnt. So schleicht sich zeitloses Sounddesign in den traditionellen Countryblues und macht sich da sehr gut.

LABEL: Anti

VERTRIEB: SPV

VÖ: 03.04.2009

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