Zur Klage der Nation

Vanity Fair als seismographische Registraturmaschine der auf ihn einfließenden medialen, politischen und kulturellen Reizströme: Seine vor zehn Jahren mit dem Prototyp des literarischen Blogs, »Abfall für alle«, erlangte Reputation als Chronist des bundesrepublikanischen Lebens hat Rainald Goetz in siebzehn Monaten mit dem elektronischen Diarium »Klage« untermauert. Weshalb sein Reflexionstagebuch so wichtig ist und welche widerstreitenden Kräfte die Goetz’sche Textproduktion befeuern, erklärt Thomas Hübener anlässlich der Buchveröffentlichung.

Rainald Goetz

»Da würde man gerne in großem Schwall hinein kotzen, in dieses Gesicht.« (Rainald Goetz in »Klage« über Ursula von der Leyen)

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

»It‘s over – let‘s dance«, so lautet der aufgeräumt endzeitliche Titel des letzten Eintrags im »Klage«-Blog. Er stammt vom 21. Juni 2008 und besteht aus einer Einladung zur Abschlussparty in einem Berliner Künstleratelier. In den knapp siebzehn Monaten davor hat Deutschlands letzter literarischer Ekstatiker im Erfahrungsraum zwischen Sub-, Hoch- und Berliner Politkultur beobachtet, kommentiert, philosophiert und immer wieder auch leidenschaftlich gehasst.

    Dabei leuchtet der böse Furor, mit dem Goetz wütet, aus »Klage« gewiss am grellsten. Gleichwohl weiß der Autor um die Schwierigkeiten des Hassens. In zahlreichen Äußerungen des promovierten Historikers und Mediziners wird die Korruptionsgefahr des persönlichen Kontakts infolge stets drohender Empathie beschworen und gefürchtet. So heißt es schon in dem im Mai 1984 in der Spex veröffentlichten Text »Fleisch«: »Im Umgang mit Menschen gibt es nur Verständnis, Rührung, Zartheit, Takt, Verstehen und nochmal Verstehen.« Goetz zieht daraus die isolationistische Konsequenz, den Nächsten im Dienste der Wahrheit möglichst zu meiden. Da sich die direkte Begegnung mit dem Mitmenschen durch ihre unhintergehbare Einfühlungsdynamik zutiefst analysefeindlich auswirkt, da Takt und Mitgefühl, vielleicht auch nolens volens verinnerlichte bürgerliche Erziehungsregeln, den sensiblen Zeitgenossen daran hindern, noch dem größten Deppen seine Deppenhaftigkeit ins Gesicht zu diagnostizieren, gilt es zum einen, umso nachdrücklicher auf einer textlich-verdinglichten Ebene Fraktur zu reden. »Beim Urteil über Produkte hingegen, Öffentlichgemachtes, Platten, Bücher, Aufsätze, Kritiken, gibt es nur härteste Härte, Unverbindlichkeit, Maßlosigkeit, Exekutionen, Massenexekutionen, Stalinismus.« Zum anderen hilft der kalte Laborblick des Ethnologen: »Das Böse bestand im Kern darin, dass ich einfach nur registrierte, was ich sah«, bloggt Goetz am 16. Februar 2008 anlässlich von Gebaren und Aussehen prominenter Berlinale-Besucher.

    Goetz, zu dessen ersten publizistischen Betätigungen ab 1976 das Verfassen von Kinder- und Jugendbuchrezensionen für die Süddeutsche Zeitung zählt, ist wie Michel Houellebecq und Joachim Lottmann ein Virtuose auf dem Gebiet der mit Klarnamen operierenden Verbalinjurie. So ist dann am 21. März 2007 vom »Dreschflegelhirn« des damaligen Kulturchefs des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Matthias Matussek, die Rede, während sich FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher im Eintrag vom 8. Juni 2007 als »Boulevardprolet« apostrophieren lassen muss. Im »starr aufgedunsenen Gesicht« der Fernsehjournaistin Sandra Maischberger sieht er optische Parallelen zu »Friedbert Pfl üger vor der Hungerkur« (16.02.08). Der Schriftsteller Daniel Kehlmann vertritt »mit seinen praktisch textfreien Büchern die gehobene Angestelltenkultur« (19.04.07), während es dem Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Volker Weidermann, wenig nützt, dass er für Goetz in seinem kurzen Abriss der deutschen Nachkriegsliteratur, »Lichtjahre« (2006), nur lobende Worte fand: In »Klage« ist er ein »Schleimemphatiker« (03.04.07). Überhaupt findet das bloggende Ich für das Phänomen des Lobens wenig lobende Worte: »Das stricherhaft Abgefuckte des Lobens, Lobnutten, Lobtrottel, Trottelkartelle gegenseitigen Lobens. Keine schönere Art von Zustimmung zur eigenen Bemühung und den Resultaten gibt es, als die Ablehnung durch die, die man selber für totale Deppen hält«, giftet es am 3. April 2007 knapp. Vom Olymp seines Blogs herab formuliert Goetz vernichtende Urteile für die in radikalsubjektivistischer Perlentaucher-Manier zutage geförderten Erzeugnisse deutscher Medienschaffender. Dabei funktioniert die Netzwelt in mediumimmanentem Widerspruch keineswegs dialogisch: Die Erniedrigten und Beleidigten dürfen nicht blogintern kommentieren, sondern können nur zurückbloggen oder, wie Nils Minkmar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22. Juni 2008, indigniert zurücktexten. Bei seinen Wortsalven ist Goetz durch maximale Exposition stets bereit, sich in fast schon masochistischer Einsamkeitsgier Feinde zu schaffen. Diese ganze monologische Draufhauerei findet oft, aber nicht immer ihre Begründungen. Sie liest sich sehr kurzweilig, und der kleine, nicht mit vergleichbarer Medienaufmerksamkeitsmacht ausgestattete Salonsarkast von nebenan freut sich in einem Affekt, den man durchaus niedrig nennen kann, darüber, dass hier endlich einmal ein altersfleckenloser Suhrkamp-Autor die komplett rücksichtsfreie Traute aufbringt, beispielsweise anlässlich einer beobachteten Bundestagsdebatte über Familienministerin Ursula von der Leyen zu schreiben: »Da würde man gerne in großem Schwall hinein kotzen, in dieses Gesicht.« (01.03.07)

    Ginge es in »Klage« allein um solche mit manischer Energie und einer ziemlich nonchalancefreien Erbitterung geführte Scharmützel, könnte man zur Tagesordnung übergehen oder Lottmann lesen. Aber der Blog des 54-Jährigen ist mehr als nur ein Abwatschforum für Protagonisten des öffentlichen Lebens. Er ist sehr vieles zugleich, unter anderem ein beredtes Kuriositätenkabinett aus Reflexionen zur Dichtkunst, auf ihre Poetizität untersuchten Trouvaillen aus der Jetztwelt, Zitaten, Besprechungen von Theater-, Kino-, Museums- und Konzertbesuchen, Erfahrungsberichten von Galeriebegehungen, Literatursichtungen, Kommentaren zum eigenen Œuvre, überscharfen Beobachtungen über Haupt- und Nebenfiguren des deutschen Politlebens, Traumprotokollen und neoexpressionistischer Lyrik. Gut möglich, dass die eingestreuten Reportagen aus dem Deutschen Bundestag, auf dessen Pressetribüne das Phantom Goetz hin und wieder gesichtet worden ist, und die Berichte vom Kurnaz-Untersuchungsausschuss mit dem legendären Goetz-Roman über den deutschen Politikbetrieb zu tun haben, von dem das Feuilleton – Manuskriptverbrennungsgerüchte eingeschlossen – seit ungefähr zehn Jahren munkelt.

Rainald Goetz

»Goetz ist nicht einfach kritisch im sozialdemokratischen Seventies-Style des Böll lesenden frühpensionierten Sozialkundelehrers, sondern metakritisch: Er ist auch Kritiker des Kritisierens.« (Thomas Hübener)

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

        Zu den erhellendsten Lektüremomenten trägt die von Goetz kultivierte Kunst des aus genauen Einzelbeobachtungen herausinduzierten Aphorimus bei, welcher in »Klage« viel Entfaltungsraum zugestanden wird. Nur ein Beispiel: Anlässlich des Berliner Auftritts der Hamburger Diskursband Blumfeld im Rahmen ihrer Abschiedstour setzt es im Eintrag vom 1. Mai 2007 harsche Kritik an deren Werdegang: »Etwa zwei Stunden und knapp 30 gespielte Lieder später wusste das Publikum: es ist okay, dass die Band sich aufl öst. Es machte ihnen einen Riesenspaß zu spielen, die Hits von früher klangen frisch und toll. Die Entwicklung, die die Band genommen hat, war falsch. Und Jochen Distelmeyer wird sein Leben lang als Musikant auftreten, er wirkte schon jetzt wie ein aktueller Udo Jürgens, der unglaublich elegant in seine Bühnenjahre kommen wird. Aber welche Musik wird er spielen? In sich hat er keine neuen Lieder mehr, er hat keine Haltung zur Welt und keine Worte, keine Melodien, keine Sehnsüchte und keinen Zorn. Ohne all das geht es aber nicht. Statt dessen ließ er sich vom Assistenten, Zitat eines uralten Zitats, eine Gitarre nach der anderen reichen, wie viele waren es eigentlich, und dieser Joke wirkte, inmitten des Immergleichen der anstrengend interessanten Harmoniewechsel, wie ein Schrei nach echter Abwechslung, nach einem Moment von Direktheit und Sinn.«

    Vergessen wir kurz, wie schön und treffend das gesagt ist, in der Rede vom »Immergleichen der anstrengend interessanten Harmoniewechsel«, wie leidenschaftlich sich in solchen Formulierungen Lässigkeit und Präzision in den Armen liegen. Wenden wir uns vielmehr dem aus der Beobachtungssituation Extrahierten zu. In unmittelbarem Anschluss folgt der Transfer auf das Feld der Kunst insgesamt: »Die größte Schwierigkeit für den als Authentoiden startenden Künstler ist seine Entwicklung. Herrlich beginnt das Leben, das Werk, und dann geht es langsam, während der Erfolg anfangs noch zunimmt, stetig bergab. Ist so, auch wenn es tausendundeinmal schon so war, in jeder neuen Künstlerlaufbahn ist dieses Schicksal von grandioser Grausamkeit und Entsetzlichkeit. Gebannt schaut das Publikum zu. Ja, er taumelt, ja, er stürzt. Nein, er kann sich nicht halten, es ist vorbei, er hat sich verloren, die Magie ist dahin. Dann tragen die Betroffenen ihre Gedanken dazu vor, hilflos theoretisieren sie am eigenen Lebensweg herum, haben beste Gründe für alles, die doch komplett uninteressant sind. Ein einziges gelungenes Lied wäre die Antwort, aber Eigensinn und Metierbeherrschung stehen dagegen, […].«

    Was – im Original als angeschlossener Halbsatz – folgt, ist eine Aussage, die alle Merkmale eines perfekten Aphorismus in sich vereinigt: Sie ist prägnant, verdichtet, präzise und klug und steht durch ihre Welthaltigkeit dem bloß selbstverliebt-geist reichen Bonmot fern: »[…] Souveränität, die das Leben dem Künstler zugetragen hat, zerstört in ihm die Basis seines Schaffens, Ungenügen und Negativität.« Ein Satz, wie er auch in Benjamins »Einbahnstraße«, Montaignes »Essais« oder Wittgensteins »Philosophischen Untersuchungen« stehen könnte. Wie jeder gute Aphorismus löst er im Leser das Gefühl aus, etwas auf den Punkt gebracht zu haben, was man sich in diffusem Wabern zwar auch schon immer gedacht hat, nun aber in letztgültiger Mitschreibgestalt zu einer Finalform gefunden hat, die das Schlaue mit dem Simplen auf hinreißende Weise verbindet.

    Der Goetz’sche Gedankengang hat damit noch nicht zu seinem Ende gefunden. Weiter heißt es: »Jetzt wäre es gut, ein nichtauthentoider reflektierter Künstler zu sein, ein Spieler oder Formexperimentator, der das Exzentrische zu verwerfen die Kraft hat, die individuelle Entwicklung aus seiner Kunst rauszuhalten, der tatsächlich künstlich immer neu ansetzt, als hätte er noch nie etwas gesagt.« Das sind Denkwege, die in der Tradition der Jenaer Romantik stehen: Die Notwendigkeit, wieder zu vergessen, was man schon weiß, wieder Kind zu werden, wieder alles strange, bedrohlich und sinnlos zu finden, die Wahrnehmung von Welt stets aufs Neue zu entautomatisieren, wider sich zu denken – solche Überzeugungen schließen an den großen Theoretiker der romantischen Ironie Friedrich Schlegel und den frühverblichenen Verfechter der poetischen Weltwiederverzauberung Friedrich von Hardenberg aka Novalis an. Damit markieren sie zugleich die gar nicht scharf genug zu ziehende Differenz zwischen dem Grenzgänger Goetz und all dem, was man sich mit leise Verachtung ausdrückender, hochgezogener Braue angewöhnt hat, »Popliteratur« zu nennen und was ja aber doch so unendlich wichtig war. Aus Stuckrad-Barre, Kracht, Meinecke, von Uslar, Lottmann höre ich bisweilen tolle Dinge, aber nicht die Herren Hölderlin, Büchner und Benn. Bei Goetz hör ich die schon. Und gleich danach gibt’s dann aber irgendeinen Quatsch, eine unkommentierte Liste mit Straßen, Plätzen und Cafés zum Beispiel, eine in Verszeilen transformierte Politikerplattitüde oder so etwas wie am 17. Februar 2008, an dem es heißt: »die Musik spielte / wir tanzten / das Glück war da / YEAH !!!«

    Beeindruckend an »Klage« sind immer wieder die subtilen Beobachtungen des Zeitzeugen und Jetztgenossen Goetz, der sich verschiedener Masken bedient, welche mal »Kyritz« oder »Goethe« heißen, seltener auch »Bösor« oder »Kränk«. Nach dem Besuch eines Konzertes des aus Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Thies Mynther (Stella, Superpunk) bestehenden Projektes Phantom/Ghost im Berliner HAU notiert er am 2. April 2007: »Der Mitmusiker und Keyboarder Thies Mynther hat eine fast hysterisch gefasste Intensität in sich eingebunkert, eine hochgespannt elektrisierte Innenenergie, Bewegungen dazu eines eher unharten Körpers. Momente von Beschämung und Heiterkeit, wenn Dirk von Lowtzow sich in den Applaus hinein verbeugt. Gleich zu Beginn des Abends hatte er seinen Kopf in der Verbeugung fast bis auf den Boden hinunter sinken lassen, so ein Verbeugungszitat zur Verbeugung selbst mitgeliefert.« Auch wenn das weit von den aus einer anderen Zeit stammenden impressionistischen Beschreibungsausschweifungen eines Proust oder der neurotischen Rilkeschen »Malte Laurids Brigge«-Verfeinerung des Sehens entfernt ist: Welche tiefenscharfe Genauigkeit braucht doch ein Blick, um diese linkisch-souveräne selbstreferenzielle Verbeugungsgeste in solch hoher Auflösung zu sehen und festzuhalten?

    Man begreift das große Selbstverschriftlichungsprojekt Rainald Goetz erst dann etwas besser, wenn man es als Resultat eines beständigen Kampfes zwischen analytischer Zersetzungskraft und synthetischer Verschmelzungssehnsucht interpretiert. Goetz ist natürlich wie wir alle metaphysisch unbehaust, vom Zentrum ins X gerollt, ohne Heimat, leidend am principium individuationis, klar. Nur ist er eben zu schlau, um das sacrificium intellectus, das Verstandesopfer eines Sprungs in den Glauben, zu erbringen. Auch die restaurative Universalpoesie, mit der Botho ›Bocksgesang‹ Strauß die Entfremdungsschmerzen einer als medial verheert betrachteten Moderne heilen und das schwindende Heilige zumindest in seinen Bruchstücken bergen möchte (auf dass sich aus diesen Fragmenten vielleicht wieder ein Ganzes rekonstruieren lasse), muss der an der Systemtheorie Niklas Luhmanns geschulte Goetz verwerfen. Er weiß, dass es das Eigentliche, Authentische, Wahre, welches Entschleunigungsapostel wie Strauß oder Peter Handke in ihrer ontologisierenden Ästhetik hinter den schlimmen medialen Verstellungen erhaschen zu können glauben, nicht gibt. Und dennoch teilt der Beschleuniger Goetz mit diesen beiden eine ganz ähnlich gerichtete Sehnsucht nach – diesseitiger – Verschmelzung, Auflösung, Sprengung der einschnürenden Bande des Ich, die verhindern, dass man jemals wirklich mit einem anderen eins sein kann.

    Wenn ich mir vom Fernsehen etwas wünschen dürfte, so wäre es eine Folge der Arte-Sendereihe »Durch die Nacht mit…«, in der Rainald Goetz auf Botho Strauß trifft. Goetz würde den widerstrebenden Verfasser des zeitdiagnostischen Prosabandes »Paare, Passanten« (1981), den Goetz bei Erscheinen in einer Mischung aus Unbehagen und Faszination für den Spiegel rezensierte, ins Herz der Finsternis, den Club, führen. Dafür müsste er im Gegenzug den Gegenaufklärer Strauß auf sein mallorquinisches Anwesen begleiten, ornithologische Schwalbensichtung inklusive.

    Die Sehnsucht nach Lebensfeier bleibt im Herzen des Goetz’schen Werkes als Grundrauschen immer hörbar. Man muss »Rave« (1998), diese Hommage an die Techno-Bewegung der neunziger Jahre, welche das ›Ave‹ schon in sich trägt, nicht notwendig als kryptoreligiösen Text lesen, um in den Ekstasen des Erzählers – »Auslöschung, danke« – einen modernisierten Aufschein spiritueller Uniomystica-Erfahrungen zu erblicken. Immer aber, wenn Ekstase und Inbrunst in ihrer ganzen unwiderlegbaren Sprachlosigkeit des ganz großen Ja mit ihm durchzugehen im Begriff sind, haut der ratioide Rainald dem Gefühlsgoetz eine rein. Erstmal was Naturwissenschaftliches oder so lesen um runterzukommen. Das zutiefst Faszinierende an Goetz ist nun, dass dieser Widerspruch, der ihn durchzieht – und der nur aus der Perspektive eines Ganzheitsphantasmas ein Widerspruch überhaupt sein kann –, nie aufgelöst wird. Der kalte, entomologische Ernst-Jünger-Blick auf die Welt, diese désinvolture, die chirurgische Analyse steht unaufgelöst neben Daseinsrausch, Glück, Entgrenzung.

    Man kann auch anderes vermuten: Oft habe ich bei der Goetz-Lektüre den Eindruck: Da kriegt einer, so sehr er es will, einfach sein Hirn nicht aus. Und wenn, dann allenfalls für kurze Zeitintervalle. Dann wieder: Denkzwang, Schreibzwang, Analyse, Zersetzung. Dieser Kampf des Denkens gegen sich selbst ist für die Kunst ein Glücksfall. Es war der dänische Protoexistenzialist Sören Kierkegaard, der 1844 in »Philosophische Brocken« bemerkte, dass es des Verstandes höchste Leidenschaft sei, den »eigenen Untergang zu wollen.« Mit solchen Lüsten ist Goetz vertraut. Wenn Nietzsche 1882 in »Die fröhliche Wissenschaft« euphorisch bermerkt, er wolle »irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein«, so scheint mir dies ein Vorsatz, mit dem sich auch das Lebensprojekt des Rainald Goetz überschreiben ließe. Aber die Negativität des Denkens, die aus der Negativität der mit Differenzen und Abwesenheiten operierenden Sprache resultiert, stellt einem ja immer wieder ein Bein beim Ja-Sagen. In herrlichem Schachtelbeat formulierte Goetz das im Merkur-Artikel »Der Attentäter« 1985 einmal so: »Meine Skepsis ist meine Dummheit, sage ich, ich will endlich alles glauben, glaube nichts, was ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, meine Dummheit Skepsis, gegen die ich kämpfe. Kann ich glauben, bin ich klug, bin ich skeptisch, bin ich dumm, meine Dummheit meine dumme Skepsis, mein kluger Glauben meine Klugheit.« Insofern ist auch klar, dass Goetz nicht einfach Ja zur Welt sagt, sondern Nein zum Nein zur Welt. Das Ja Goetzens ist ein Dialektiker-Ja, kein Knallchargen-Ja. Er ist nicht einfach kritisch im sozialdemokratischen Seventies-Style des Böll lesenden frühpensionierten Sozialkundelehrers, sondern metakritisch: Er ist auch Kritiker des Kritisierens.

    In Wirklichkeit müssen noch die apodiktischsten Goetz’schen Behauptungen als fragende und Widerspruch einfordernde Suchscheinwerfer in der Nacht unseres Wissens über die Welt aufgefasst werden. In »Abfall für alle« drückte Goetz das einmal folgendermaßen aus: »Und wie ich schon beim ersten Buch gemerkt habe, welche Freiheitsverhältnisse genau dadurch in einem Text entstehen, dass man über sehr weite Distanzen hinweg Balancen herstellen kann, dass ein bestimmter krasser Satz nur geht und geil ist und kickt, weil ihm auf der anderen Seite des Buches irgendwo der Gegenteilssatz entgegengehalten wird, entgegengehalten werden kann, so dass einer den anderen hält und versteckt und ermöglicht usw.« Vielleicht ist es dieser Wille zur Nichtaufl ösung – und Nichtauflösung einer Spannung ist immer das Gegenteil von Lust, also Schmerz –, der Goetz so viel wacher, heutiger, mit allen Sinnen rezeptiver erscheinen lässt als seine schriftstellernden Altersgenossen, die es sich kollektiv im kulturpessimistischen Ressentiment gegen die heutige Welt gemütlich gemacht haben, statt immer noch mehr aufzunehmen, zu sammeln, mit weit aufgerissenen Augen zu schauen, zu lesen, zu hören, weil ja nichts von vornherein unwichtig sein kann für die dünne Gegenwartsmembran Rainald Goetz, für den »jedes einzelne Wort, jeder Blick, jede Geste, jeder Tonfall und Gedanke« auf »der Wahrheitswaage des zitternden Aufnehmens aller einem von Weltseite her entgegenkommenden Momente« (10.02.07) liegt.

    Die durch Flüchtigkeit und Fortschreibbarkeit gekennzeichnete Form des literarischen Blogs kommt aufgrund der Schnelligkeit, mit der auf Aktuelles, noch bevor der Glutkern der Erfahrung ganz ausgekühlt ist, gleichsam im Affekt, reagiert werden kann, einem Jäger und Sammler in den Jagdgründen des Jetzt wie Goetz entgegen. Dass »Klage« jetzt auch haptisch erfahrbar wird und damit einen direkten blätternden Zugriff ermöglicht, ist ein Glücksfall. Auch wenn die Eingespanntheit zwischen Buchdeckel eine trügerische textliche Endlichkeits- und damit Bewältigbarkeitssuggestion bewirkt.

»Klage« von Rainald Goetz ist soeben erschienen (Suhrkamp, 300 S.).

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