Radiohead – Ein Beitrag zur Versachlichung: zwei Wochen »In Rainbows«

RadioheadGraphCharts sind schon eine ziemlich langweilige Angelegenheit: Überraschungen gibt es bei Konsensprojekten ja eher selten. So wundert man sich auch kaum, dass in einer der größten Musik-Communities weltweit geschlossene Einigkeit über die Lieblingsmusik herrscht: The Beatles, Red Hot Chili Peppers, Radiohead. So sieht schon seit Wochen, ach was, Monaten, das wöchentliche Resumee der globalen Hörgewohnheiten aus. Wenn in der Nacht von Sonntag auf Montag die Großrechner bei Last.fm aktualisiert werden, dann dürften wenigstens Radiohead eine Woche lang die Spitzenreiter dieser Charts sein. Ende der letzten Woche markierten sie mit 68.900 Hörern und sagenhaften 805.050 gespielten Stücken Platz zwei hinter den Beatles. Das dürfte in den nächsten Tagen anders aussehen. Denn mit ihrem Scoop, das Veröffentlichungs- und Honorierungssystem im Musikgeschäft zu überprüfen (mehr …) haben die britischen Musiker in den letzten zwölf Tagen das Netz erschüttert wie keine andere Band. Der Versuch einer Chronik.
BlogPulseThumb28.09.2007 Amy Philipps berichtet auf Pitchfork Media über die Webseite RadioheadLP7.com, auf der ein Countdown Richtung Wochenende zählt. »Something Maybe Possibly Radiohead-Related Possibly Maybe Happening Saturday Morning, Maybe Possibly?« Um 10 Uhr New Yorker Zeit solle etwas geschehen. Was genau das ist oder ob die Webseite echt ist oder nicht weiß Philipps selbst nicht so recht. Blogger und Presse hadern ebenfalls. Das Radiohead-Management weiß von nichts.

29.09.2007 Das große Schweigen im Netz. Der Countdown ist bei Null angekommen, »The most gigantic lying hoax of all time« bleibt nur zu lesen. Man wurde ›Rick Roll’d‹. Keine Explosion, keine Effekte, keine neue Radiohead. Vorerst.

01.10.2007 Kurz nach Mitternacht britischer Zeit: In den USA meldet Chris Cantalini, Autor des US-Musik-Blogs Gorilla vs. Bear, als einer der Ersten (noch Samstags Abends): »new Radiohead album: in rainbows?« Die Band selbst (bzw. Jonny Greenwood) hatte die Meldung kurz zuvor im eigenen Blog geposted. En detail: Das Album wird bereits für den 10. Oktober angekündigt, der Preis der Downloadvariante als MP3 ist variabel bis Null, gleichzeitig kann eine Disc Box für 40 britische Pfund vorbestellt werden. Der Deich ist durch: Nach und nach geht das MarketingKonzept auf, quer durch die Zeitzonen wird über den von Radiohead eingeführten Marktmechanismus, als Hörer / Fan den Preis der angebotenen Ware selbst zu bestimmen, diskutiert. Die Suchanfragen bei Google, Technorati und Blogpulse steigen schlagartig an. Radiohead, überall.

GoogleTrendsThumb 02.10.2007 Schon sind die Zahlen wieder rückläufig. Nachdem alle Fakten (Veröffentlichungsformat, Preis, Datum, CD-Version Anfang 2008, Preview) genannt sind beruhigt sich die Gemeinde. Zudem habe der Großteil der Interessenten annähernd den Ladenpreis des Downloads bezahlt bzw. sich direkt für die Vorbestellung der Diskbox entschieden. Vorfreude.

04.10.2007 Betrieb auf der Webseite: Kurzzeitig kommt es zu Problemen im »In Rainbows«-Vorbestellungs-Procedere. Desweiteren werde eine passende Plattenfirma für die CD-Veröffentlichung gesucht. Das Album erscheine außerdem nicht bei Parlophone / EMI.

07.10.2007 Thom Yorke wird 39 Jahre alt. Happy Birthday! Frage: Wer darf die »In Rainbows«-CD bringen?

09.10.2007 Scott Plagenhoef lanciert auf Pitchfork Media den »Pitchfork’s Guide to Radiohead’s ›In Rainbows‹«, basierend auf den zehn Stücken, die der NME acht Tage zuvor kompiliert hat. Die Band selbst kündigt derweil das Download-Procedere an: »Thank you for ordering In Rainbows. This is an Update. Your unique activation code(s) will be sent out tomorrow morning (UK Time). This will take you straight to the Download Area. Here is some Information about the Download: The Album will come as a 48,4MB ZIP-File containing 10 x 160kbps DRM free MP3s.« Das offizielle »In Rainbows«-Forum geht online. Die Tiere werden unruhig.

TechnoratiThumb 10.10.2007 Release-Tag. Manche machen durch, andere bloggen live. Um 07:30 Uhr britischer Zeit überträgt Radio XFM das Album in Gänze. Kernbotschaft: jeder will der Erste sein. Das Netz wieder in völliger Bewegung. John Del Signore spricht im Gothamist mit Jonny Greenwood: »We’re just really, really relieved that (›In Rainbows‹ is) out, and people are hearing what we’ve been listening to for so long. (…) (The way of distribution) was kind of an experiment as well; we were just doing it for ourselves and that was all. People are making a big thing about it being against the industry or trying to change things for people but it’s really not what motivated us to do it. It’s more about feeling like it was right for us and feeling bored of what we were doing before.« Gleichzeitig taucht das Making of von »In Rainbows« auf. Taylor Hicks war auch dabei. In die Charts scheint das Album derweil nicht einsteigen zu können: Radiohead veröffentlichen weder Verkaufszahlen noch durchschnittlichen Kaufpreis des Albums. Schließlich meldete sich Thom Yorke: »Its a relief to us all that finally its out there. Its been a mad couple of weeks… As i’m sure you can imagine…« Aber: Was würden eigentlich Morrissey-Fans bei einem ähnlichen Preismodell zahlen?

11.10.2007 Gigwise will es laut einer engen Quelle wissen: »In Rainbows« soll sich 1,2 Millionen Mal verkauft haben. Nach Times-Angaben soll der Großteil der Käufer 4 britische Pfund für die zehn Stücke bezahlt haben, einem Drittel sei das Album als reine MP3 gar kein Geld wert. Alle Zahlen verstehen sich natürlich als unbestätigt und nicht repräsentativ. Andernorts wird die niedrige MP3-Kodierung verteidigt und werden Industrie und Labels gestorben. Geoff Barrow von Portishead stört das ganze Bohei um Radiohead auch so langsam. Im Portishead-Blog meldet er sich leicht genervt von der kollektiven Freude über die Freigiebigkeit von Radiohead: »So then … Music for free is it? Well fuking great. So if you get our album for nothing or very little, does that mean I can get my boiler fixed for free … I could tell the plumber that its all for the love of sharing and its to combat the evil money grabbing corperation that is zanussi. I’m sure he will understand. Also I’m not having a pop at Radiohead they are fuking good and clever with it.« Außerdem: Der erste Remix taucht auf: Mojib bearbeitet »Videotape«.

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