Radio Slave / Boris Dlugosch vs. Radio Slave

Auf seinem Beitrag zur »Misch Masch«-Reihe – es handelt sich nach den Zusammenstellungen von Hell, den Gebrüdern Tiefschwarz und Freeform Five um den mittlerweile vierten Teil – bastelt sich Matthew Edwards sein ganz eigenes Universum. Der 35-Jährige Engländer, der angesichts seiner gefühlten zwei bis drei Releases pro Woche als Rekid, Quiet Village oder eben Radio Slave als einer der momentan eifrigsten Geschäftsmänner gelten darf, schert sich nicht viel um eklektizistische Achterbahnfahrten. Knapp die Hälfte der 21 Stücke sind von ihm selbst angefertigte Remixe / Produktionen, der Rest fügt sich perfekt ein in den zähflüssigen Strom aus Deepness und einlullender Eintönigkeit. Nach einem sanften Start mit Trentemøllers »Moan« mixt sich Edwards mithilfe von Soylent Green, Shackleton, Booka Shade, Roman Flügel oder Marcel Dettmann eine düstere Suppe zusammen, die vollkommen auf stilistische Ausreißer verzichtet. Das Ergebnis ist ein angenehmes pumpendes Sedativum – ein bisschen langweilig finden kann man das Ganze aber natürlich auch. Fein säuberlich getrennt sind auf einer zweiten CD sieben weitere Remixe von Edwards beigegeben. Auch hier zeigen die Bearbeitungen von Pet Shop Boys, Moby oder X-Press2, dass der Mann unnachgiebig an der eigenen Note feilt und seine Lektion in Sachen Moodyness gelernt hat.

    Beinahe zeitgleich erschienen ist ein weiterer Mix, auf dessen Cover der Name Radio Slave prangt, über den Sinn solch einer Veröffentlichungspolitik darf man sich seine Gedanken machen. Bei »Radio Disco« handelt es sich ebenfalls um eine Doppel-CD, wobei sich Edwards hier mit einem der beiden Tonträger begnügt, den zweiten darf der alte Hase Boris Dlugosch bespielen. Pro DJ und Nase eine CD, dann hat sich’s aber auch schon mit thematischen Vorgaben von Seiten des Auftraggebers Ministry Of Sound. Eine merkwürdige Idee, die Mixes von Dlugosch und Radio Slave wollen sich nämlich nicht so recht aufeinander beziehen, die sie verbindenden Elemente stellen die gemeinsame Verpackung und einmal mehr das auf beiden CDs vertretene »Moan« von Trentemøller dar. Vielleicht liegt das Konzept darin, zwei hinsichtlich ihrer jeweiligen Intention möglichst diametral entgegengesetzte Mixes zu produzieren. Oberflächlich betrachtet unterscheidet sich Edwards Beitrag nicht groß von seinem Misch Masch, geringfügige Überschneidungen bei den Stücken inklusive. Deren Anzahl wurde glücklicherweise auf zwölf heruntergeschraubt, so bleibt Platz zum Atmen, die Tracks dürfen sich ausbreiten; Edwards spinnt ein feineres Netz, zum Meister der feinen Klinge wird er auch hier nicht. Während auf »Misch Masch« eine bloße Absicht spürbar ist, gelingt es »Radio Disco« besser, einen Sog zu generieren. Insgesamt mit etwas weniger Radio Slave himself, dafür mit u.a. Toby Tobias, DJ T. vs. Booka Shade, Samim & Michal oder Chikinki im Hagelstein-Remix. Im Zentrum des Mixes steht Martin Buttrichs großartiges »Full Clip«, das über 10 Minuten deep und monoton vor sich hin pulsiert – langweilig wird es nie – und so gerne als symptomatisch für Edwards Vorstellung von Techno gelesen werden darf.
    Etwas ganz anderes macht Boris Dlugosch. Während Edwards in seinem unaufgeregten Mix an so etwas wie »Zeitlosigkeit« arbeitet, verankert Dlugosch seine CD eindeutig im Hier und Heute. Mit seinem wilden Ritt durch Post-Punk-Derivate, elektroide Indie-Disco und Techno wäre er ebenso gut bei Fabric aufgehoben – auf den Mix-CDs des Londoner Labels wird ja in letzter Zeit auch verstärkt auf Dampfhämmer der Marke Ed Banger oder Kitsuné gesetzt. So treffen sich hier The Knife, Audion, Zoot Woman, Cobblestone Jazz, Mr. Oizo, Boys Noize oder SebastiAn zum ekstatischen Freak-Out. Den Abschluss machen Egoexpress und Deichkind, überall massig Platz zum Dancen. Totaler Spaß also, zweifelsfrei, wenn man aber zum x-ten Mal hört wie die Jungs von Jus†ice Franz Ferdinand zershreddern oder Uffie irgendwie was labert, von wegen Sex oder so, wird man schnell wieder an die Halbwertszeit derartig gelagerter Musik erinnert.

LABEL: Fine Records / Ministry Of Sound

VERTRIEB: RTD / Edel

VÖ: 11.05.2007

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