Ra Ra Riot

Es tat ihnen leid, sie baten um Vergebung. Doch jetzt hieß es den Schlussstrich zu ziehen, loszulassen, die Vergangenheit zu bewältigen. Ein Befreiungsschlag: »Everything Must Go«. Mit dem gleichnamigen Album gedachten die Manic Street Preachers Mitte der Neunziger ihres Gitarristen Richey James, der eines Morgens aus dem Hotel lief und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ebenso tragisch und bis heute ungeklärt ist das Ableben von John Pike. Der Schlagzeuger wurde im Juni 2007 nahe einer Bucht im Meer treibend gefunden, die Todesumstände sind nicht bekannt. Es hätte das Ende für die Band Ra Ra Riot sein können. Doch Pikes Bandkollegen entschlossen sich, ähnlich wie einst die Manics, weiter zu machen – immerhin hatte die Karriere eben erst begonnen. Zwei Jahre nach ihrer Gründung veröffentlicht die Gruppe aus dem Bundesstaat New York ein erstes Album, »The Rhumb Line«.

    Sterben gehört zum Leben dazu, das weiß Sänger Wes Miles. Doch er hadert mit dem Unausweichlichen. »You know that dying is fine, but maybe / I wouldn’t like death if death were good / Not even if death were good«, heißt es in dem bezeichnenden Stück »Dying is Fine«. Mit jedem der zehn Lieder versucht sich das Quintett ans Licht zu kämpfen, kann allerdings nur zeitweise der Dämmerung entkommen. Dafür verantwortlich sind in erster Linie Cellistin Alexandra Lawn und Rebecca Zeller an der Violine, die das ansonsten genretypische Indie-Instrumentarium der Band gewinnbringend ergänzen. Sie kolorieren das Album vorsichtig, erst trüb, dann leuchtend. Wie Herbstlaub flattern ihre vollen, sanft brummenden Elegien durch die Songs. Manchmal ziehen sie weiter, lassen sich mitunter aber auch einer zu einer dicken, alles unter sich begrabenden Blätterdecke nieder. Der steten Gefahr, Stücke durch Streicherarrangements zu überfrachten und ihnen eine kitschige Note zu verleihen, erliegt die Band glücklicherweise nicht. Songs wie »Too Too Fast« oder »Each Year«, das auch über ein The-Sea-And-Cake«-Instrumental auf 45 Umdrehungen gesungen sein könnte, profitieren vom sparsamen Umgang mit den Strings und erlangen dadurch mehr Dynamik. Dagegen verleihen erst die mit Bedacht geschwungenen Bögen anderen Tracks ihre Schwermut (»Winter 05«).

    Die zeitweilige Flucht ins stille Kämmerlein, heim vor den Notenständer, bewahrt das zart besaitete »The Rhumb Line« davor, als gelungenes, aber doch letztlich austauschbares Album registriert und vergessen zu werden. Denn auch Ra Ra Riot orientieren sich grundsätzlich an Freidenker-Popmusik der ausgehenden Siebziger und New Wave. Musikstilen also, bei denen sich im Laufe der letzten Jahre, trotz manch nachhaltiger Veröffentlichung, eine Übersättigung bemerkbar macht. Die hier vollführte, wenngleich nicht radikale Abkehr von festgefahrenen Mustern, ist wohltuend. Es muss ja schließlich weitergehen.

LABEL: V2 Records / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 03.10.2008

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