Quiet Village

Joel Martin und Matt Edwards lieben Soundtracks, beruflich und privat. Kein Wunder, dass ein Gespräch mit den beiden DJs zwar bei ihrem gemeinsamen Projekt Quiet Village beginnt aber bei Doris Wishman und einem indonesischen Kannibalenfilm endet.

Quiet Village

QUIET VILLAGE: Matt Edwards und Joel Martin (rechts)
MP3: Quiet Village – Circus Of Horror

(Foto: © !K7 Records)

»Victoria’s Secret«, der erste Track des ersten Albums von Quiet Village, schaukelt im ruhigen Beat der Meeresbrandung, Streicher und eine Oboe wechseln sich mit der einschmeichelnden Melodie ab, die der Liebesszene aus »Die sieben Samurai« von Kurosawa entstammen könnte. Möwen kreischen, aber die gibt es ja bekanntlich nicht nur am Strand sonder auch auf Müllhalden. Quiet Village befrieden jede Gegend, sei sie von urbaner Hektik, oder von Natur aus aufgewühlt.

    »Entspannter geht es kaum« hat Carlos de Brito seine Rezension von »Silent Movie« in der aktuellen Spex beendet. Das trifft nicht nur auf die Platte zu, sondern auch auf ihre Macher: Joel Martin und Matt Edwards lümmeln sich in den Sofas ihrer Plattenfirma, als wären sie in ihren eigenen Wohnstuben. Zumindest die von Martin darf man sich wohl als Lagerraum eines nerdigen Second-Hand-Händlers vorstellen; er sammelt »alles, was man nicht auf einen Computer laden kann: Magazine, Filmkassetten, Schallplatten…« – »Und Spielzeug!«, wirft Edwards frotzelnd ein. Martin nickt und tut ein wenig, als würde er sich dafür schämen. Als Sohn eines Filmproduzenten war ihm der Zugang zum Film in die Wiege gelegt, er arbeitete als Cutter, bis aus »der ganzen komplizierten Hardware zur Produktion von elektronischer Musik um die Jahrtausendwende einfach zu bedienende Softwarelösungen wurden.« So trat an die Stelle des Bildschnitts zunehmend das Editieren und Produzieren von tanzbaren Sounds. Damit hatte es Edwards, vor allem bekannt unter dem Namen Radio Slave, zu dem Zeitpunkt schon ein Jahrzehnt lang zu internationalem Ruhm gebracht. Beide teilen ein starkes Interesse an Soundtracks: Sie spielten sich gegenseitig ihre Schätze vor, vornehmlich ausgegraben im legendären, mittlerweile geschlossenen Londoner Score-Shop »52 Dean St. Records«.

    Matt Edwards: Soundtracks sind wie Hörbücher. Wir mögen sie so sehr, weil sie Geschichten erzählen.
    Joel Martin: Erinnerst du dich an den von »Raiders of the Lost Ark?
    ME: Mit dem krachenden Soundeffekt?
    JM: Genau. Oder an den von »Star Wars«. Sowas geilt deine Vorstellungskraft auf.
    ME: Wie diese James Bond-Compilation aus den Siebzigern.
    JM: Die blaue?
    ME: Ja, die mit den vielen Fotos.
    JM: Solchen Spaß haben die Kids heutzutage nicht mehr.

    »Erst wurden wir Freunde, dann begannen wir, gemeinsam Musik zu machen«, fasst Martin den Prozess zusammen, der mit der Gründung von Quiet Village und einigen Maxis begann und nun in das erste Album mündete. Die zwölf Tracks von »Silent Movie« sind um die fünf Minuten kurze Symphonien aus gesampelten Soundtrackfragmenten, mal cheesy, mal obskur. Geloopt, verlängert, mit Hall und anderen Effekten versehen verschmelzen sie zu einer Art Meta-Filmmusik, die widerstandslos betört und nach klassischem Chillout klingt, ein Feld das laut Edwards zu lange vor allem von Jazz und Bossa Nova besetzt worden war.

    Während er ein Revival der Ambient Music ausruft (»Brian Eno macht immer noch Platten, sogar Alben von Global Communication werden wieder veröffentlicht«), nennt Martins das ganze »Mood Music« und macht sich Gedanken, wie eine solche dem Club-Publikum präsentiert werden könnte. »Es ist immer enttäuschend, wenn man in einem Club zu guter Musik irgendwelche ideenlosen Visuals geliefert bekommt, die ständig Bilder von wachsenden Blumen projektieren«, seufzt er. Angedacht ist eine Performance mit einem Londoner Künstler, der den Crate Digger- und Editier-Spirit von Quiet Village auf Found Footages aus obskuren Filmen überträgt. Ein rückkoppelnder Prozess, der sich theoretisch ins unendliche wiederholen ließe und den Begriff Club hin zum konzeptkünstlerischen Multimedia-Ort erweitern würde. Auch nichts wirklich Neues, aber ein möglicher Ort für ungewohnte Perspektiven auf vertrautes Material.


Fortsetzung und Musikvideo zu »Victoria’s Secret« auf Seite 2 (vor)

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Quiet Village
QUIET VILLAGE: »Diese ganze technologische Entwicklung hat uns viel gebracht, aber sie verlief so schnell, dass wir jetzt Musik wie unsere als ruhigen Gegenpol brauchen.« (Matt Edwards)

(Foto: © !K7 Records)

    ›New‹ und ›Dated‹  sind sowieso Kategorien, die sich mit Jahreszahlen allein schlecht bedienen lassen. »Wenn Tarantino seinen Film mit Popmusik aus den Siebzigern vollstopft, dann kommen die mit eher ›dated‹ vor, als ein Film aus jener Zeit mit einer ordentlichen Filmmusik« meint Edwards, Martin ergänzt: »Trainspotting« ist ein guter Film, aber durch die Musik von Underworld bekommt er einen Zeitstempel verpasst, der nicht von Vorteil ist.« Darüber, dass es heute wegen seines Soundtracks fast unmöglich sei, »American Gigolo« von Paul Schrader zu ertragen, werden wir allerdings nicht recht einig.

    JM: Okay, mein Lieblings-Soundtrack ist das auch nicht. Für einen Score von Giorgio Moroder geht er allerdings in Ordnung.
    ME: Aber er klingt deshalb heute so altmodisch, weil er damals unbedingt modern sein wollte.
    JM: Modern war er aber damals auch. Er war genauso auf der Höhe der Zeit, wie seine Ausstattung und die Kostüme. Der Film ist ein Zeugnis seiner Zeit. Er hat so nur in den frühen Achtzigern entstehen können und das halte ich für eine gute Sache.

In Quiet Village hingegen löst sich der Zeitbegriff auf.
    JM: »Man soll nicht raushören, wann ›Silent Movie‹ gemacht wurde. Das ist uns vielleicht nicht bei allen Tracks gelungen, aber ›retro‹ zu sein war definitiv nicht das, was wir vorhatten.«


Crate Digger sind Joel Martin und Matt Edwards selbst. Ihr Musikvideo zu »Victoria’s Secret« besteht aus Szenen des Unterwasserspielfilms »Im Rausch der Tiefe« und des James Bond-Films »Der Spion der mich liebte«.

VIDEO: Quiet Village – Victoria’s Secret

    Folgerichtig führt auch die eindeutige Bevorzugung des Musikdatenträgers Vinyl nicht zu einer rückwärts gewandten allgemeinen Verdammung der Moderne. »Ich kaufe Musik zwar nicht im Netz und lade sie auch nicht herunter, aber zur Recherche ist es unentbehrlich geworden«, stellt Martin fest. »Die Zeiten sind vorbei, wo man auf der Suche nach einem obskuren Soundtrack irgendwann maximal die Telefonnummer der Ex-Freundin des Regisseurs bekommt, die mitten in der Nacht anruft, woraufhin sie mit einem ›Fuck Off‹ den Hörer auf die Gabel knallt.« Und Edwards schließt den Kreis: »Diese ganze technologische Entwicklung hat uns viel gebracht, aber sie verlief so schnell, dass wir jetzt Musik wie unsere als ruhigen Gegenpol brauchen. ›Silent Movie‹ erzählt eine Odyssee. Ein Mann hält es zuhause nicht mehr aus, geht auf Reisen, solange, bis er sich freut, zurückzukommen.«

    Die Briten waren eben schon immer eine große Seefahrernation. Edwards lacht, schwärmt von seinen weltbürgerlichen Erfahrungen als DJ, ein Job der es einem ermöglicht, »Teil jeder Gesellschaft zu werden, die man besucht, anstatt sie nur wie ein Tourist von außen zu betrachten.«

Eskapismus live, wir starten ein Experiment. Man schließe die Augen und höre sich »Free Rider« von Quiet Village an. Welcher Film läuft dann ab?
    JM: Definitv eine mediterrane europäische Strandparty, vielleicht in Italien.
    ME: Ja, genau. Und dann geht die Strandszene weiter, wie in der »Weiße Hai«. Es folgt ein Road Movie?
    JM: Ja. Sehr low budget, mit sexy Frauen.

Dicke Dinger? Ein Russ Meyer – Film?
    JM: Das wollte ich so nicht sagen, aber es stimmt.

Schönes Thema.
    JM: Ich habe neulich einen Softcore-Film mit Doris Wishman gesehen, »Keyholes Are for Peeping« von 1972. Ein sehr, sehr guter Film, mit fünf oder sechs Musiktracks pro Szene, jeweils zehn Sekunden lang, reine Library Music. Total Low Budget.
    ME: Damals waren noch Filmemacher am Werk, wie sie in »Boogie Nights« von Paul Thomas Anderson beschrieben wurden.

Zu dessen aktuellem Film »There Will be Blood« hat Johnny Greenwood einen fulminanten Score geschrieben.
    ME: Ich mag Radiohead eigentlich nicht. Aber diesen Soundtrack hat er toll hinkriegt.
    JM: Kennst du eigentlich »Savage Terror«? Ein toller indonesischer Kannibalen-Film im Dschungel. Der Titeltrack ist »We Are The Robots« von Kraftwerk.

    Bei solch einem Filmgeschmack kann man sich kaum vorstellen, dass es lange ruhig im Städtchen bleiben wird. Und tatsächlich: die Reise von Quiet Village, ihre Suche nach frischen Soundtrackschnipseln, ist noch lange nicht vorbei.

»Silent Movie« von Quiet Village ist bereits erschienen (!K7 Records / Alive), einen kostenlosen Albumstream hann man hier anhören. Am 28. Mai spielen Quiet Village ein Live-Set auf der Dachterasse des Berliner Weekend-Clubs.

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