Essenzielle Fragen

Der Schlagzeuger und Produzent Geoff Barrow wurde bekannt als Gründungsmitglied von Portishead. Dieser Tage veröffentlichte er mit »Recordings 05/01/09 > 17/01/09« ein dunkelgrooviges, weitgehend instrumentales Krautrock-Album, das er mit dem von ihm neugegründeten Trio Beak> eingespielt hat.


Illustration: © Spex

 

Mein liebster Film von John Carpenter …?
    … ist vermutlich »Assault on Precinct 13«. Die Botschaft des Films mag grenzwertig sein, aber dafür ist seine Machart umso brillanter. Dialoge, Licht, Cast und vor allem sein Score sind einfach unfassbar gut. Ich bin aufgewachsen mit diesem Sound. Ich kannte Teile dieser kalten, elektronischen Musik, lange bevor ich den Film überhaupt das erste Mal gesehen hatte, weil irgendeine Hiphop-Gruppe auf irgendeinem Mix-Tape Carpenters Musik gesampelt hatte. Und ich war völlig baff, als ich »Assault – Anschlag bei Nacht« dann später  zum ersten Mal auf Video sah. John Carpenter ist ein Meister des Minimalismus. Er hat uns bei Portishead, wie auch mir selbst bei meinem neuen Projekt Beak> gezeigt, dass es oft viel mehr bringt, einzelne Noten zu spielen als ganze Akkorde. Man lässt einfach alles Überflüssige weg – und hat am Ende mehr.

Das Gedicht, das ich in meinem Herzen trage …?
    … gibt es in meinem Leben nicht, denn ich lese weder Gedichte noch Bücher. Ich bin kein Sprachbegabter. Ich schreibe keine Songs, und ich singe auch keine. Deshalb muss ich auch stets ehrlich passen, wenn ich von Leuten gefragt werde, was Beth mit ihren verrätselten Songtexten bei Portishead wohl aussagen möchte. Honestly: Ich habe keinen blassen Schimmer, aber ich liebe ihre Stimme. Irgendwann stellte ich fest, dass ich meine Stimme ebenfalls mag. Auf dem Beak>-Album singe ich jetzt auf mehreren der Tracks, aber keine Texte, nur Laute. Ich setze ich meine Stimme wie ein Instrument ein. Ich würde also trotz der Präsenz meiner Stimme von einem Instrumentalalbum sprechen.

Meine augenöffnende Krautrock-Erfahrung …?
    … verdanke ich einer Sendung, die Mark E. Smith von The Fall 1990 auf Radio 2 moderierte. Er spielte den Track »Vitamin C« von Cans wegweisenden Album »Ege Bamyası« von 1972. Ich war sprachlos, suchte panisch nach einer Musikkassette und schnitt mit, was ich noch auf Band bekam. Can wurden binnen fünf Minuten zu meiner absoluten Lieblingsband – weil sie mit Jaki Liebezeits Schlagzeug neben den amerikanischen JB’s den ganz anderen, den europäischen Entwurf einer rhythmusbasierten Musik verkörperten. Es bereitete mir später übrigens größte Schwierigkeiten, das Spezifi sche dieses Can-Sounds zu adaptieren. Das gelang mir erst bei Portisheads »Third«-Album. Und bei Beak> tauchen viele repetitive Momente à la Can auf, einfach, weil wir alle total auf diese deutsche Musik stehen. Als Portishead 2007 die künstlerische Leitung des ATP-Festivals übetragen bekamen, buchten wir auch ein Konzert von Damo Suzuki, dem Sänger von Can. Aber ich traute mich nicht, ihn anzusprechen. Ich schaute mir einfach sein Konzert an und genoss die Musik und war glücklich, dass ich Can durch einen Zufall früh in meinem Leben entdeckt hatte.

Mein Lieblingsschneider …?
    … würde verarmen, wenn er mich als Kunden hätte. Ich finde einfach keinen Zugang zur Mode. Mein Stil entspringt bei mir einer reinen Zweckmäßigkeit. Ich muss mir jeden Morgen etwas anziehen, damit ich nicht friere. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass ich mit meinen Klamotten keinen Blumentopf gewinnen kann. Also drehte ich, als wir das Video zu dem Song »Iron Acton« von Beak> schossen, die Farbe aus den Bildern und zog die Kontraste dermaßen hart an, dass der Film nur noch aus hartem Schwarz und hartem Weiß bestand und man uns nicht mehr wirklich erkennen konnte. Der schöne Nebeneffekt war, dass alles schließlich so aussah wie ein New Yorker Underground-Film aus den Sechzigern.

Der Beat, der mein Leben veränderte …?
    … findet sich in dem Song »Rebel Without a Pause« von Public Enemys Jahrhundertalbum »It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back«. Ich hörte »Rebel Without a Pause« zum ersten Mal als Teenager in einem Club in Bristol, der auch von vielen Schwarzen besucht wurde. Der Laden war dafür bekannt, dass er auch Hiphop mit höchster Lautstärke spielte, aber ich war vor allem dort, weil ich mich nach einer Freundin sehnte und dort mein Glück versuchen wollte. Man stelle sich mich vor in meinen besten, herausgeputztesten Ausgehklamotten, mit Bundfaltenhose und Slippern und irgendwie gänzlich fehl am Platze. Ich lungerte verklemmt in der Nähe des DJ-Pultes herum, unterhielt mich mit einem Mädchen, beobachtete aber mit einem Auge, wie jemand dem DJ ein Whitelabel zusteckte, das er sogleich spielte. Der Laden hatte ein fettes Soundsystem, und »Rebel Without a Pause« blies uns alle um. An diesem Abend wurde mir klar: Ein Mädchen wird mir hoffentlich eines Tages über den Weg laufen, aber ich werde jetzt Musiker.

Für Kunst interessiere ich mich …?
    … seit ich im letzten Jahr mit einem Kumpel in Bristol meine Galerie Friend And Co. in der Gloucester Road aufgemacht habe. Wir stellen Underground-Künstler aus, darunter auch Sprayer und Comiczeichner, die wir toll finden – einfach Leute, die uns über den Weg laufen. Ich fürchte, das ist gar nicht intellektuell, und schon gar nicht werden wir jemals erfolgreich auf dem Kunstmarkt agieren. Aber für mich reicht das aus! Mit Portishead habe ich viel Geld verdient. Diese Unabhängigkeit erlaubt es mir, mit Außenseitern, deren Arbeiten ich faszinierend finde, Ausstellungen zu machen. Ich betreibe mit Invada Records auch ein Label, das auf Musikebene nach dem gleichen Prinzip funktioniert, und natürlich erscheint auch das Album von Beak> auf Invada – dem Label für Außenseiter, die sonst keinen Stich landen. Für die Galerie zahle ich im Jahr 700 Pfund Miete. Ich fänd’s toll, wenn wir damit Geld verdienen würden, aber mindestens ebenso wichtig ist: wir verlieren auch keins.

Der perfekte Drink …?
    … ist und bleibt ein eiskaltes, durchgefrostetes Bier nach einem Tag im Studio oder nach einem Konzert. Es löscht den Durst und macht wie ein Aperitif Lust auf mehr. Ich bewundere Leute, die sich mit französischen und italienischen Weinen auskennen, aber ich gehöre nicht zu ihnen. Für mich gibt es nichts Puristischeres als Bier. Und zwar nicht irgendeins: Nur deutsches Bier rinnt so richtig crisp und durchgegletschert durch die Kehle, wenn es im Pub mit Respekt serviert wird. Das perfekte Bier muss in einer kalten, kleinen Flasche serviert werden. Ein Pint ist schon zu viel des Guten. Lieber gleich anschließend eine zweite Flasche nachbestellen. In einem eng lischen Pub fällt mir die Wahl niemals schwer, denn fast immer lautet die Auswahl Foster’s, Carling und Carlsberg, Amstel, Heinecken – und dann gibt es stets noch ein deutsches Bier, das ich dann nehme. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber nur deutsches Bier erscheint mir so richtig überspritzig.

 


VIDEO: Beak> Live at Rough Trade East, 4th Nov 2009

Das Album »Recordings 05/01/09 > 17/01/09« von Beak> ist bereits erschienen, (Invada / Cargo), Anfang Dezember spielen Beak> Live in Köln (06.12.2009, Gebäude 9) und Berlin (07.12.2009, Magnet Club).

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