Pusha-T „Daytona“ / Review

König des angeekelten Drogendealer-Raps oder Hofnarr von Kanyes Gnaden? Auf seinem dritten Soloalbum ist der ehemalige Clipse-MC Pusha-T beides zugleich.

Das Komischste an Pusha-T ist, dass er manchmal selbst redet, als sei er Kanye Wests Tamagotchi. Auch im Vorfeld seines dritten Soloalbums Daytona war das so: Freimütig berichtete der ehmalige Clipse-MC aus Virginia Beach davon, wie sein Freund und Produzent wieder einmal bis zur letzten Sekunde an Beats und Artwork herumgedoktert und sogar dreimal ganz von vorne begonnen hätte, bis das Album endlich fertig war. Pusha saß indes auf seinem Bürostuhl – als CEO von Wests sogenanntem Boutique-Label G.O.O.D. Music hat er den ultimativen Däumchendreher-Dayjob – und auf einer Sammlung von zeitlosen Drogendeal- und Selbstbehauptungs-Raps, die nun endlich erscheinen dürfen. Von Kanyes Gnaden.

Daytona besteht aus sieben Tracks und dauert 21 Minuten. Kommende Woche soll das ebenfalls sieben Tracks umfassende neue Album von West erscheinen und noch mal eine Woche später ein gemeinsames Sieben-Track-Album von West und Kid Cudi. Man könnte Daytona deshalb als Vorfilm zu diesem nahenden Spektakel verstehen, aber warum sollte man so blöd sein? Sobald Pusha-T seine Stimme erhebt, rücken sich die Verhältnisse von selbst zurecht. Die Welt ist Pushas Tamagotchi. Für die Länge einer Sitcom-Folge duldet der MC unsere Gegenwart. Danach wird er uns wieder die Batterie rausnehmen.

Ekel, Hohn und Verachtung – all das spräche auch dann aus Pusha-Ts Vocals, wenn er „Let’s Get It On“, „I Want You Back“ oder „Sweet Caroline“ sänge. Die Stimme des Rappers ist ein über Jahre abgehärtetes Instrument, Ausdruck von völligem Selbstbewusstsein und einem gerade noch akzeptablen Maß an Anstrengungsverweigerung. In wasserdichten Zwei- bis Vierzeilern frühstückt Pusha das Weltgeschehen ab, #metoo, West und Trump, dann geht es wieder zärtlich um die eigene Tagesplanung (Art Basel) und Geilheit (sehr geil).

Und es stimmt ja auch. Wenn etwa der ehemalige Gefängniswärter und heutige Zweite-Reihe-Rapper Rick Ross in „Hard Piano“ reinschneit, weiß man sogar als white boy, der noch nie gekokst hat, welcher Reim als nächstes kommt. Pusha-T würde das nie passieren. Seine Stärke liegt darin, das immer Gleiche mit immer größerer Intensität zu erzählen. Auch sein politisches Engagement für Hillary Clinton und eine Reform der US-amerikanischen Gefängnisindustrie kommen auf Daytona indirekt zur Sprache. Nichts auf der Platte wirkt jedoch so profund wie der Moment, in dem Pusha endlich sein erstes angewidertes „yuugh“ ausspuckt.

Die Beats von West sind die halbe Miete dazu. In der ersten Hälfte des Albums bleiben sie Soul- und Sample-lastig, bedienen sich im Katalog des Obskuritäten-Labels Numero Group und bauen in „The Games We Play“ den Sound moderner Funkbands wie BadBadNotGood nach. So fest wie hier saß der Produzent zuletzt mit „Bound 2“ vor fünf Jahren im Sattel. Daytona ist jedoch mehr als Oldschool-West: Gegen Ende wird es düsterer und trippiger, wenn West in „What Would Meek Do?“ selbst rappt auch einmal chaotisch. MAGA-Mütze, Nike-Millionen und ein plötzlicher Kindestod im erweiterten Familienkreis kommen dann in 20 wilden Zeilen zusammen. Was ihnen an Kohärenz fehlt, machen Wests Worte mit ihrer absoluten Kanye-West-Haftigkeit wett.

Pusha-T wird hier einerseits überstrahlt und andererseits in dem bestärkt, was er am besten kann. Ein mad scientist wie West ist er nicht: Das limitiert ihn zugleich nach unten und nach oben. Als Dichter und Techniker, der die eigene Stimme und Stimmung unter Kontrolle hat, ist er West jedoch so weit überlegen, dass es beinahe lustig erscheint. Also schmunzelt man am Ende von Daytona. Wer hätte das gedacht.

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