»Plumpe pubertäre Wut«

ja-panik-dmd-kiu-lidt-official-commercialVideo-Standbild: Ja, PanikDMD KIU LIDT (Official Commercial Part 2)

    Die merkwürdige Abwesenheit des politischen Bewusstseins im aktuellen Pop – vor allem dem deutschsprachigen – ist eines der zentralen Themen des Protestsong-Schwerpunkts im aktuellen Spex-Heft. Ob unser Protestsong-Wettbewerb daran etwas ändern kann, ist vor Ende der Teilnahmefrist am 6. Mai noch nicht abzusehen. Unabhängig davon hat aber zumindest der Diskurs über Pop und Politik wieder an Fahrt aufgenommen.

    In der Süddeutschen Zeitung hat Jens-Christian Rabe die Fragestellung des Spex-Schwerpunkts aufgegriffen und auf der Suche nach aktuellen Protestsongs die Texte der Bands 206, 1000 Robota und Ja, Panik auf ihren politischen Gehalt untersucht. Gefunden haben will er dabei vor allem »plumpe pubertäre Wut« und fragt: »Kann man sich wirklich schon allein deshalb glaubhaft als die Gegenwart des Pop präsentieren, weil man eben gerade da, Anfang, Mitte 20 und irgendwie unzufrieden ist?« Die Halbwertszeit einer solchen ziellosen Revolte sei onehin extrem kurz, findet Rabe: »Wer über den Bierberg der Jugend ist, für den führt der Weg nach der Ironie von der Aporie direkt zur Apathie

    In seinem Blog für die Wochenzeitung Freitag kontert Sebastian Dörfler mit einem Zitat aus dem Ja, Panik-Song DMD KIU LIDT:

»Weißt du, ich bin mir langsam sicher und das ist gar nicht personal, die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen, denn was und wie man uns kaputt macht, ist auch etwas, das uns eint, es sind die Ränder einer Zone, die wir im Stillen alle bewohnen.«

    Das Lied sei ein zeitgemässer Protestsong, argumentiert Dörfler, denn es mache »aus der individuellen Apathie eine kollektive Depression […] – der »Kybernetisierung des Empires« kann man nur seinen eigenen Körper entgegenwerfen. Und dann liegen bleiben

    Auf Zeit Online wiederum erklärt Jan Freitag den Protest der von Rabe ins Spiel gebrachten Bands zur puren Pose:

»[…] Systemkritik hat den Nachteil, dass Systemkritisierte ihr nicht zuhören. Und da keiner (außer der CSU) behauptet, das Klima sei für radikale Gesellschaftsentwürfe günstig, wird auch keiner (außer der SZ) behaupten, dass radikale Kräfte mit viel Gerede vorankämen. Soll man da die paar Wutbürger des Indierock der bloßen Pose verdächtigen, nur weil sie, wie Rabe fragt, »nicht Silbermond sind«? Die Antwort: Ja!«

    Die Redaktion der Münchener Stadtzeitung Super Paper glaubt im Editorial ihrer Mai-Ausgabe dagegen weiter an die Kraft des idealistischen Protests:

»Vielleicht ist es an der Zeit, im Widerstand nicht mehr das Pathos zu belächeln. Vielleicht hat wieder mal die SPEX recht und es ist Zeit für die Restitution des Protestsongs. Ein Protestsong von Tugend und Leidenschaft, der Pop wieder seiner ureigenen Bestimmung zurückführt, ein Protestsong, der Verantwortung zum Widerstand preist, der beweist, dass Subjekt und Wahrheit doch existieren.«

    Ob idealistisch, pubertär oder depressiv: Schickt uns weiter neue Protestsongs! (Teilnahmeschluss ist der 6. Mai.)

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