Contra
Hans Nieswandt: „Verwundbarkeit, die vor Narzissmus und Exhibitionismus nur so trieft“

Dios mio! Schwuler Cruising-Sex auf dem Friedhof und Stierkampf als Metapher für ebenjenen, aber auch für den Kampf mit sich selbst – ein gewisses Interesse an diesem Themenspektrum ist hilfreich, um das dritte Album des venezolanischen Musikproduzenten Arca so richtig zu genießen.

Zu großer, womöglich sogar übertriebener Berühmtheit gelangte Arca durch seine plakativ-futuristischen Produktionen für Künstlerinnen wie Björk und FKA Twigs; jetzt, auf Arca, verschiebt beziehungsweise erweitert er seine Ausdrucksmittel vor allem um die Ebene der eigenen Stimme. Arca singt nun also auch, vorzugsweise auf Spanisch, und zwar keine profanen Popsongs, sondern eine Art todessehnsüchtiger Opernarien, in einem sofort an Anohni erinnernden, vehement postproduzierten Stil, den er gut, oder sagen wir: ausreichend beherrscht oder zu simulieren in der Lage ist, den man allerdings mögen muss (aber durchaus kann).

der dramatische, schwülstige Ausdruck einer existentiellen, sexdurchtränkten, theatralischen Traurigkeit.

Es ist der dramatische, um nicht zu sagen schwülstige Ausdruck einer existentiellen, sexdurchtränkten, theatralischen Traurigkeit, die durch ihre Erdung in Oper und Stierkampf natürlich auch stark auf hispanisches kulturelles Erbe verweist. Der kontrastierende Modernismus zeigt sich in der wie gewohnt detailreichen, geräusch­lastigen Produktion: Emsiges Schaben, Kratzen, Klackern und Rattern sind da wieder zu Gange, der Sound von Dystopia also, wie Arca ihn auch schon auf seinen ersten beiden Alben kultiviert hat und der ihn weiterhin im Feld der interessantesten zeitgenössischen Elektronikproduzenten verortet. Wenn er allerdings im von Jesse Kanda realisierten Video zur ersten Single „Reverie“ auf untergeschnallten Hufen, mit Torero-Jäckchen, Stierhorn-Phallus und Blut am Po verzweifelt herumstakst, verlässt er den geschützten Aktionsraum des Musikstudios mit ganz großen Schritten hin zu einer auf offener Showbühne ausgestellten Verwundbarkeit, die vor Narzissmus und Exhibitionismus nur so trieft.

So manchen mag das peinlich berühren, vielleicht sogar abschrecken. Jedoch verkennt eine solche Reaktion, dass genau darin ja auch einer der potenziellen Jobs des Künstlers liegt: das stellvertretende, öffentliche Ausagieren und Darstellen von grenzüberschreitenden Trieben und Impulsen. Ein Zurschaustellen der eigenen Bruchstellen, in einer Form, wie es sich die meisten in ihrem Leben niemals trauen würden.