Princess Chelsea „The Loneliest Girl“ / Review

Zückerwürfel-Pop am Ende des Regenbgens. Irgendwo zwischen der Postapokalypse und märchenhaften Traumszenarien hat Princess Chelsea ihre Realität verortet. Naivität und Zynismus mutieren auf The Loneliest Girl von der Antithese zum Synonym.

Für viele steht Popmusik weiterhin für Realitätsflucht, eine Befreiung aus den Umständen. Ist natürlich Quatsch. Pop ist erstens immer Teil dieser Umstände. Und zweitens verspricht abseits der Charts, die jene Sehnsucht weiterhin zu indexieren versuchen, im Grunde kein Mensch mehr eine andere Realität. Mit einer Ausnahme: Princess Chelsea scheint auf ihrem vierten Album The Loneliest Girl bereits im Zuckerwatteland hinter dem Regenbogen angekommen zu sein, samt blauem Cinderella-Kleid und Schneewittchen-Frisur.

Doch etwas stimmt nicht: Ihre Augen strahlen auf dem Cover vampirisch rot. Eine ähnliche Brüchigkeit, das Durchscheinen vermeintlicher Fehler, findet sich auch in der Musik: In der Single „I Love My Boyfriend“ beispielsweise, bei der es sich nicht etwa um einen schnulzigen tearjerker handelt, sondern um eine zynische Verhandlung monogamer Liebe, dargeboten in nur scheinbar naivem Duktus. Dieser verdrehte Umgang mit romantischem Kitsch, scheinbaren Banalitäten sowie eine gewisse Schwäche für Trash- und Märchenmotive sind typisch für die neuseeländische Musikerin, die bis 2009 mit Jonathan Bree das Twee-Duo The Brunettes bildete und mit „The Cigarette Duet“ sogar einen kleinen Youtube-Hit vorzuweisen hat.

Schwelgerischer Zuckerwürfel-Pop unterfüttert mit reichlich Versatzsstücken

Auf The Loneliest Girl arbeitet Chelsea also weitestgehend mit bewährtem Material, unterfüttert sie ihren schwelgerischen Zuckerwürfel-Pop doch nur stellenweise mit neuen Versatzstücken: Achtziger-Synths, barocke Cembalo-Klänge und trockene Gitarrenbausteine. Die runden ihren Sound zwar ab, ändern aber nichts daran, dass diese zwölf Songs wie eine entrückte Fabel aus irgendeinem parallelen Du-und-ich-Kosmos klingen. Davon sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen. Trotz des regelmäßig auftauchenden Glockenspiels ist The Loneliest Girl kein Fluchtweg aus der Realität. Sondern ein subtiler Soundtrack zur post-apokalyptischen Gegenwart.

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