Prince – Emancipation ist nicht mehr

Filmstill aus Purple Rain, Warner Bros. 1984

Die Stille vor dem großen Regen. Die Sexiness der Befreiung. Die Hässlichkeit der vollen Kontrolle. Ein Nachruf auf Prince Rogers Nelson, 1958-2016, der am 7. Juni 2018 60 Jahre alt geworden wäre.

Der kleine Prinz hockt in seiner Kellerhöhle. Die Augen weit aufgerissen, die Rebellenschnute in seinem Trotzgesicht verzerrt vor Schmerz. Sein Vater hat sich eben eine Kugel in den Kopf gejagt, Sanitäter und Polizei sind abgezogen, er ist allein. Suizidgedanken überfallen ihn. Er springt auf. Um sich nicht selbst ultimativ Gewalt anzutun, hackt er sein mit allerlei bedeutungsschwangerem Klimbim ausstaffiertes Reich im Souterrain des Elternhauses kurz und klein. Der Gewaltausbruch endet erst, als er bemerkt, wie er in seiner Verzweiflung verschollen geglaubte Notenmanuskripte des Vaters durch die Luft wirbelt. Die Blätter regnen herab wie ein Segen: Musik bringt Heil, Musik ist Rettung.

Es ist der entscheidene Moment in Purple Rain, dem Film, der Prince samt dem zugehörigen Album im Jahr 1984 zum globalen Superstar machte: der Moment der Emanzipation. Bis dahin spult The Kid, der von Prince mindestens halb-autobiografisch angelegte Held des Films, sein Rude-Boy-Programm ab. Er beeindruckt seine Herzdame Apollonia mit Gitarrengewichse, erobert sie mit Motorradgeknatter und Arschloch-Coolness, schlägt sie wenig später bei den ersten Eifersüchteleien zu Boden, wie er es vom gewalttätigen Vater gelernt hat.

Aber von diesem einen Moment an macht er nicht mehr, was der Vater macht. Er schmeißt nicht alles hin. Er stellt sich am nächsten Tag auf die Bühne, angreifbar, erschüttert, stumm. Und in die große Stille hinein singt er jenen »stupid song«, den in der Filmstory die bis dahin wenig beachteten »girls in the band« geschrieben haben: »Purple Rain«. The Kid kehrt sein Innerstes nach außen, ein großes Crescendo aus Verletzlichkeit und Schmerz, ein lila Sturzbach aus Tränen.

Wenn man sich Purple Rain jetzt wieder ansieht, so wie es in den kommenden Wochen noch Millionen Menschen tun werden, mag man nicht glauben, dass diese bis zur vollkommenen Entrücktheit coole Sau auf dem Bildschirm vor wenigen Tagen tatsächlich noch unter uns war. Und dass sie jetzt für immer gegangen ist.

Prince-Emancipation

Cover-Artwork des Albums Emancipation, NPG Records 1996

Emanzipation ist das zentrale Thema im Werk von Prince. Die »Entlassung aus der väterlichen Gewalt« und die »Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit« – so definieren Wikipedia und Duden den Begriff – spielte bei ihm immer zusammen mit seiner ausgeprägten Leidenschaft für Schweinkram. Die Lektion, die Prince auf den Punkt brachte wie keines seiner Vorbilder von Little Richard über Jimi Hendrix bis Sly Stone: Sex ist Befreiung. Von Anfang an stellte er klar, dass er in der Hinsicht nicht mit sich rummachen ließ. Der Vertrag, den er als 19-Jähriger bei Warner Brothers unterzeichnete, garantierte ihm vollkommene künstlerische Freiheit. Und Prince bestand darauf, von der Plattenfirma nicht ins R’n’B-Fach gesteckt, sondern in der Pop-Abteilung geführt zu werden.

Prince wollte immer die volle Kontrolle. Wenn Madonna in ihren besten Zeiten die Casting-Agentin mit goldenem Händchen gab, die sich die jeweils angesagtesten Leute für eine Zusammenarbeit angelte, war Prince der Autorenfilmer, der vom Drehbuch über die Produktion bis zur Kamera alles selbst übernahm und noch nicht mal die Gestaltung der Schlusstitel aus der Hand geben wollte. Legendär (und oft genug legendär hässlich) sind die mitunter von ihm selbst designten Album-Artworks, die auch bei Menschen ohne Violett-Ton-Unverträglichkeit spontan Grauen Star verursachen können.

In dieser Hinsicht kaum zu übertreffen: Emancipation aus dem Jahr 1996, »Computer art and package design by Steve Parke and [Love Symbol]«. Es ist das erste Album nach dem finalen Zerwürfnis zwischen Prince und Warner, er hat vorübergehend die Rechte an seinem Namen verloren. Auf dem Cover des Dreifach-Albums werden Fäuste geballt, das Love Symbol sprengt die Ketten der Unterdrückung.

Prince-Emancipation-Slave

Aus dem Booklet des Albums Emancipation, NPG Records 1996

Im Booklet findet sich das berühmte Foto, das einen zerzausten Künstler mit der Aufschrift »SLAVE« im Gesicht zeigt. Im Jahr, in dem die Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten der USA zu Ende geht, wirkt es absurd, dass ein afroamerikanischer Künstler, der sich das Wort »Sklave« auf die Backe schreibt, damit nicht in erster Linie Rassismus anprangert, sondern ein Gefühl von Bevormundung meint, das sich in den Querelen mit seinen Geschäftspartnern einstellt. Emancipation meint hier vor allem die Befreiung Prince Rogers Nelsons aus einem Zustand, in dem ihm irgendjemand anderes Steine in den Weg legen will. Zugleich erzählt dieses Bild aber auch, wie losgelöst von binären Zuschreibungen Prince – zumindest in seiner Selbstwahrnehmung – längst schon war. »Am I black or white?«, hatte er 1981 gefragt. Seine Antwort: »Controversy«.

Die allgemein geläufige Erzählung behauptet, in den Neunzigerjahren habe Prince seine Innovationsmacht an HipHop abgegeben. Aber das ist höchstens ein Drittel der Wahrheit und unterschlägt, dass zu dieser Zeit viele von Innovation gar nichts wissen wollten. Die in den Weltuntergangsszenarien des Kalten Krieges verflüssigten Geschlechterrollen der Achtziger wurden wieder einkassiert. Die Platten verwahrloster weißer Jungmänner, die in Holzfällerhemden auf Verzerrerpedalen herumsprangen, wurden zu Megasellern und prägten ein Männerbild, in dem Dinge wie Funkiness oder Frisur nicht vorgesehen waren. Zugleich war die aufkommende Rave-Kultur zwar dominiert von der Suche nach jener joy fantastic, die auch Prince am Ende der Neunziger in einem Albumtitel beschwörte, lebte aber von einer kollektiven Friede-Freude-Eierkuchen-Romantik, in der für Starpersönlichkeiten noch kein Platz war.

Im Laufe des Jahrzehnts einigte man sich darauf, den zu jener Zeit Unaussprechlichen als Zwerg Wundersam einfach machen zu lassen und zu belächeln: Narrenfreiheit für den Paradiesvogel – effektiver kann man einen Künstler nicht mundtot machen. Prince wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen. Er strampelte sich mit einer Flut von Veröffentlichungen ab, erprobte unkonventionelle Vertriebswege, legte Plattenfirmen-Stunts hin und stellte zum Beispiel 2007 mit 21 ausverkauften Konzerten in Folge in der O2-Arena in London klar, dass ihn live niemand in die Tasche stecken konnte. Aber das belustigte Kopfschütteln prägte die Wahrnehmung von Prince im Grunde bis zu seinem unerwarteten Tod im Alter von 57 Jahren.

Man belächelte Prince umso mehr, je querdenkerischer seine Ideen waren. »The internet is over«, stellte er 2010 fest. Seine letzten beiden Alben, Hit N Run Phase One & Phase Two, veröffentlichte er 2015 zwar beim Streaming-Dienst Tidal, aber in der Welt von Spotify und Youtube existiert Prince nicht, wie viele Fans oder Möchtegern-Fans in der üblichen Kondolenz-Posting-Routine nach seinem Tod verärgert bemerkten: Wie soll man denn bitte anständig trauern, wenn man nirgendwo Gratis-Stream-Links kopieren kann?

Dass jemand ernsthaft glaubt, sich aus dem Zwang zur Online-Präsenz lösen zu können, scheinen viele für so unbegreiflich und hirnrissig zu halten wie den Versuch, Geschlechtergrenzen und Schwarz-Weiß-Zuschreibungen zu überwinden. Prince tat es. Weil er es konnte. Für das Geschäftliche reichte ihm zuletzt alle zwei, drei Jahre ein Song mit Airplay-Potenzial und hohem Wiedererkennungswert, um die Fans zu erinnern, sich rechtzeitig Tickets für die nächste Tour zu sichern. Für alles andere gilt nach wie vor jene berühmte Zeile aus »I Would Die 4 U«, dem Song, den Prince in Purple Rain nach dem großen lila Sturzbach singt: »I am something that you’ll never understand.«

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