Abstecher zum Primavera Sound

Arcade Fire at Primavera by Dani Canto
FOTOS: Dani Canto (1-3), Eric Pamies / Primavera Sound

Am vergangenen Wochenende ging das Primavera-Festival in Barcelona über insgesamt zwölf Bühnen. Wir haben die Nachlese mit Arcade Fire, Neutral Milk Hotel Kendrick Lamar, Haim und anderen.

Hier mal ein Problem, mit dem deutsche Festivals einen nur selten belasten: Das Line-up des Primavera-Festivals ist dieses Jahr so gut, dass auf jede Band, die man sich frohen Herzens anguckt, noch mal mindestens eine kommt, die man schweren Herzens verpasst. St. Vincent oder Neutral Milk Hotel? FKA twigs oder Slowdive oder beide nicht, sondern Sharon van Etten? Kendrick Lamar oder The Dismemberment Plan? Die kurzfristige Absage von Macaulay Culkins Pizza Underground kommt da ehrlich gesagt wie gerufen.

QOSTA at Primavera by Dani Canto

Man trifft also harte Entscheidungen an so einem Wochenende, und wie immer im Leben gilt es, nichts zu bereuen. Warum der Freakshow von Future Islands nachweinen, wenn zwei Bühnen weiter die Queens Of The Stone Age als Band des gestandenen Mannes so hart, laut und tight aufspielen, dass alle anderen kurz zu Kinderbands werden? Josh Homme steigt tief runter ins Archiv, packt Klassiker aus Rated R und Songs For The Deaf aus und zementiert seinen Ruf als Frontmann der möglicherweise letzten Hardrock-Gruppe, auf die man 2014 noch etwas geben sollte.

Anschließend gibt es eine spannende Fallstudie zu betrachten: Erst spielen Neutral Milk Hotel, die den feierlich ausarrangierten Indie-Rock miterfunden haben, dann sind Arcade Fire dran, die den feierlich ausarrangierten Indie-Rock erfolgreich gemacht haben. Neutral Milk Hotel erleben seit ihrer Wiedervereinigung im letzten Jahr einen merkwürdigen zweiten Frühling als Abfeier-Band der trinkfesten Festivalbesucher. Wenn zehntausende Leute ihre berühmteste Zeile »I love you Jesus Christ« mitgrölen, nimmt die ursprünglich intime, todunglückliche (und von Anne Franks Tagebuch inspirierte) Musik der Band neue Formen an, die auch Quengelsänger und Mastermind Jeff Mangum zu überraschen scheinen. Wir sind mal vorsichtig gegen diese Umdeutung des Ausgangsmaterials und freuen uns trotzdem auf zwei weitere Deutschland-Konzerte, die im August in einem hoffentlich angemesseneren Rahmen stattfinden werden. Finden Sie jetzt vielleicht griesgrämig, liebe Gröler und/oder Leser, aber dafür sind wir ja da.

Arcade Fire 2 at Primavera by Dani Canto

Bei Arcade Fire muss man sich längst nicht mehr mit solchen Luxusproblemen herumschlagen. Die Band hat genau das gewollt, was sie nun bekommt: Ihr Auftritt ist das Event des Festivals, die größte Bühnenshow, das Konzert mit dem meisten Andrang, eigentlich das meiste Konzert überhaupt. Arcade Fire kleiden sich inzwischen wie André Agassi Ende der Achtzigerjahre auf dem Tennisplatz. Ihre Lichtshow braucht vermutlich ein eigenes Kraftwerk, ihre Songs sind auch in den größten denkbaren Versionen noch das mitreißendste Erlebnis des Wochenendes. Ob Arcade Fire im Sommer 2014 den Höhepunkt ihrer Schaffenskraft erreicht haben, ließe sich prima diskutieren. Kein Zweifel kann aber daran bestehen, dass die Strahlkraft der Band nie größer war.

Möglicherweise auch weil man das noch im Kopf hat, wirken die eingeübten Rockstar-Posen von Haim am letzten Festivaltag überraschend hölzern. Vor allem das berühmte entgleiste »bass face« von Este Haim ist an Albernheit kaum zu überbieten. Dass die Band den smarten Pop ihres Debütalbums Days Are Gone auf der Bühne mit Metallica-Mindset vorführt, mag publikumsfreundlich gedacht sein, ist aber breitbeiniges Rock-Gedöns. Hamilton Leithauser hat sich genau diesem immer verwehrt: Erst als Sänger der tollen Leidensmänner-Gruppe The Walkmen, nun als Sänger unter eigenem Namen, der seine unnachahmlich schlechte Indierock-Laune auf der »Hidden Stage« des Festivals verbreitet. Könnte es eine schönere Metapher für die Karriere dieses tapferen Mannes geben? Seine Freunde bei The National spendieren ihm dann doch noch einen großen Auftritt und holen ihn als Gastsänger für ihr Headliner-Set auf die Bühne.

Rap ist ansonsten auch noch: Kendrick Lamar erspielt sich mit engagierter Band und basslastigem Sound die beste Stimmung des Wochenendes. Earl Sweatshirt setzt auf no bullshit und Kontrastprogramm: Ein MC, ein DJ und die Gewissheit, dem besten Rapper des Wochenendes zuzuhören. Unter dem Strich ergibt das dann ein technisches Unentschieden. Passt ja zum Festival der schweren Entscheidungen.

The National at Primavera by Eric Pamies