Primal Scream »Chaosmosis« / Review

Nachmittags, presented by Nickelodeon: hier kommt Chaosmosis.

Allein um die größte Musikfachsimpelei aller Zeiten loszutreten, sollte es geplant werden: das Impossible-Without-Bowie-Festival, drei Tage, drei Bühnen (Pop-Soul-Dance, Psychedelic Rock, Elektronikkunst), darunter geht’s nicht. Die Diskussionen um die Fragen, wer dort wann und warum einen Slot verdienen würde – ein Projekt historischer Dimension. Öffnen wir nur eine britische Schublade, hätten wir gleich drei Großanwärter: Jarvis Cocker, Brett Anderson und Bobby Gillespie. Während Pulp und Suede sicher auf die »Pop«-Bühne gehören, ist der Fall bei Primal Scream angenehm unklar. Oberflächlich betrachtet müsste die Band wegen ihres 1991er Opus Magnum Screamadelica a.k.a. »the druggiest album ever« (NME) als Psychedelic-Headliner her, aber wie man weiß, blieb dieser geile Exzess ein Solitär in Gillespies 30-jährigem Schaffen. Shoegaze, Psychedelia, Dance, Rock, Elektro, Depression, benebelt, klar, nach vorne und wieder zurück.

Mindestens genauso wichtig wie die Genannten ist auch »der Rest« der genuin britischen oder anno damals angeeigneten Popkultur – Beatles, Stones, Woodstock, Krautrock, Chicago House –, der in immer neuen Mischverhältnissen zu Madchester und Rave führte, jenem Happy Mondays/Stone Roses/Charlatans-Ding, dem Primal Scream, wenn überhaupt, dann nur als unsteter Trabant zuzurechnen waren. Sind schließlich Schotten. Kevin Shields von My Bloody Valentine war mal Bandmitglied, kam später, so wie die halbe Liverpool-Manchester-Szene, noch mal wieder, um mit dem mehr oder minder zurechnungsfähigen Mastermind Gillespie mehr oder minder würdevoll nicht zu altern.

Bizarr, niedlich, unglaublich gestrig, erfrischend positiv.

Die Primal-Scream-Alben Vanishing Point (1997) und XTRMNTR (2000) habe ich noch desinteressiert wahrgenommen, bei Evil Heat (2002) war ich draußen. Was für Musik Beautiful Future von 2008 und More Light von 2013 enthalten – keine Ahnung. Dafür gibt es jetzt aber die Gelegenheit, das pupillensprengend hässlich gestaltete Album Chaosmosis nahezu unbelastet zu hören. Erste Spekulation: Gillespie muss Nachwuchs haben. Würde jemand verkünden, eine Allstar-Band der genannten Rave-Szene hätte ein Konzeptalbum gemacht, um die Happy-Hippo-Dance-Stimmung der frühen Neunziger mit nur leichten Anflügen von Drogen und Exzess als zu 90 Prozent kindertaugliches Retro-Album zu recyceln – exakt das würde ich mir darunter vorstellen. 4/4-getragener Wave-Pop, Disco-Trockennebel, Gerassel und Geschingel, grelle Farben, kein Song ohne »Und jetzt alle!«-Refrain. Mal klingen Primal Scream wie fröhliche Sisters Of Mercy (»100% Or Nothing«), mal wie eine übertherapierte Version von The Cure (»Autumn In Paradise«), meistens nach Happy Charlatans. Das ist bizarr, niedlich, unglaublich gestrig, erfrischend positiv. Womit bei dem utopischen Bowie-Event eine neue Bühne aufgemacht wäre. Nachmittags, presented by Nickelodeon.

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