Preoccupations »Preoccupations« / Review

Ein Debüt und gleichzeitig ein zweites Album, außerdem: ein Meisterwerk.

2012 gründete sich aus den Überbleibseln von Women die Band Viet Cong, namentlich quasi in der Tradition der Gang Of Four, eine Kassette und ein selbstbetiteltes Album erscheinen: jeder Song darauf so voll von Spielfreude und ebenso mächtiger Dunkelheit, dass dazwischen ganze Welten zu entstehen vermögen – die Musik des Quartetts aus dem kanadischen Calgary begeistert ab dem ersten Ton. Hinter der oft rauen Oberfläche ihrer Stücke lassen die vier Klangbastler schon damals erahnen, in welch flüssiger Verzweigung sie ihre Musik fühlen, denken und entwickeln. Auf dem Cover des 2014er Albums prangen die Fäuste eines Boxers, eine Hand schneidet die Bandagen auf.

Mit der wachsenden Aufmerksamkeit wird auch die Kritik an ihrem kontroversen Bandnamen größer. Dass hinter dem Viet Cong mehr (realer Schrecken) steckt, als nur die bösen Buben aus A-Team, Rambo und Co., haben die Musiker nicht ausreichend reflektiert, die Reaktionen lähmen nun zusehends ihre Kreativität. Doch die Hände werden statt zum Boxen für ein diplomatisches Händeschütteln genutzt – mit vorübergehender Namenlosigkeit bringt die Vier schließlich die angemessene Empathie auf.

Schön verpackt und mit umwerfendem Inhalt präsentiert sich nun die berauschende Fortsetzung. Das neue, zweite und erneut selbstbetitelte Album der Band erscheint unter dem Namen Preoccupations. Und ist ein Befreiungsschlag: die Titel reflektieren deutlich die Gefühlsklippen, die die Bandmitglieder zuletzt auch privat bewandern mussten. Die Songs selbst zeigen aber weiterhin eine ungebrochene Lust am Musikmachen. Preoccupations haben trotz der Veränderungen ihre Qualität nicht verloren, scheinen sich im Gegenteil auf das fokussiert zu haben, was keine negativen Irritationen hervorrufen kann – Melodien und Rhythmen zusammenbringen, Stimmungen einfangen, und wieder mal: Welten öffnen.

Melodien und Rhythmen zusammenbringen, Stimmungen einfangen, und wieder mal: Welten öffnen.

Der Sound ist noch konsequenter einem kalten Postpunk verpflichtet, auch die retrofuturistische, an große Science-Fiction-Scores erinnernde Flächenverliebtheit findet mehr Raum, etwa im ausufernden »Memories«, das gleich mehrere Songs versammelt. Preoccupations präsentieren sich hier als Musikerzähler, selbstbewusster denn je, die sich in zwei unterteilten Schritten einer Art mathematischen Pops zuwenden, um schließlich in hypnotische, cineastische Ambient-Gefilde abzutauchen.

Das elfeinhalbminütige Triptychon findet sich im Zentrum des Albums, wie die Stange eines Zirkuszeltes hält es aus dem Mittelpunkt eine Plane straff, unter der all die anderen großartigen Songs Platz finden: der beklemmende Auftakt »Anxiety«, das treibende »Zodiac«, die starke zweite Single »Degraded« mit einem als Sänger deutlich gewachsenen Matt Flegel. In der zweiten Albumhälfte folgen dann Miniaturen wie »Sense« und »Forbidden«, die einen darüber hinwegtrösten, dass Interpol ihre beste Zeit wohl direkt am Anfang hatten. Kaum lässt sich ein Highlight setzen, alle Stücke schweben auf gleicher Höhe: Preoccupations, gleichzeitig Debüt und zweites Album der Band Preoccupations, ist ein Meisterwerk.

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