Preoccupations „New Material“ / Review

Preoccupations sind wieder einen Schritt weiter. Erkenntnis: Der Sinn des Lebens als Post-Punk-Band steckt in der Suche an sich.

Im Musikfachmagazin Intro gab es mal einen Artikel über Beck mit der schönen Überschrift „Grüße aus dem Marianengraben der guten Laune“. Man glaubt es kaum, aber noch mal zwei, drei Erd- und Gesteinsschichten tiefer angesiedelt als der Marianengraben der guten Laune ist das neue Album von Preoccupations. New Material (die Band ist seit dem ganzen Viet-Cong-Debakel vorsichtig mit allem, was einen Namen braucht) versucht sich an einem Lobgesang auf Depression und Selbstsabotage. Das hätte man auch über die ersten zwei Platten der Band aus Calgary sagen können, aber diesmal gibt sie’s unumwunden zu: Der singende Bassist Matt Flegel beruft sich nicht mehr auf Galgenhumor oder Sarkasmus, er versinkt in einem Hass auf sich und alles andere, den man sonst nur von Beobachtern des Weltgeschehens oder Fans des Hamburger Sportvereins kennt. Yay!

Kein „Wild Boys“ für die Sexfetischparty im Stahlwerk Ihres Vertrauens.

New Material ist ein verlassener Post-Punk-Rohbau. Es gibt graustichige Gitarren und gehässig schiefen Gesang, Bernard-Sumner-Synths und ein Schlagzeug, das nach Blech klingt, maschinell, aber mit eingebauten Systemfehlern. Alles da also. Nur an die Verbindung der Einzelteile will sich diesmal niemand recht ranwagen. Anders als sein unbetitelter Vorgänger ist New Material deshalb keine verkappte Hitplatte, es gibt hier kein „Wild Boys“ für die Sexfetischparty im Stahlwerk Ihres Vertrauens. Stattdessen muss man die Kicks aus den Kleinigkeiten ziehen. Wie etwa Schlagzeug und Gitarren-Loop in „Decompose“ aneinander vorbeistolpern, während im Hintergrund das Intro eines vergessenen Trance-Tracks losgeht: Das ist die hohe Schule der Harmonieverweigerung.

Wovon singt indes der Flegel? Tatsächlich von der Chance auf einen Neuanfang, die in seinen lichtundurchlässigen Worten stecken könnte. Diese Chance aber ist „slim“, wie es schon in der allerersten Zeile auf New Material heißt. Später kommt mit „Disarray“ (ja, es haben alle Stücke solche Titel) zwar doch noch ein verhältnismäßig flotter Song, doch sein Text handelt nur vordergründig von Sinnsuche und -stiftung. Tatsächlich sind Preoccupations schon einen Schritt weiter, denn sie haben erkannt: Der Sinn des Lebens als Post-Punk-Band steckt in der Suche an sich. Zu finden oder gewinnen gibt es nichts.

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