Powell Tillmans „Spoken By The Other“ / Review

Cover: Powell Tillmans „Spoken By The Other“

Spoken By The Other von Powell Tillmans ist eine krasse Mixtur aus Techno, Punk und Rock’n’Roll, bei der der Ursprung im Drum’n’Bass noch durchzuhören ist. Den mächtigen Sound der EP möchte man nur allzu gern im Club hören.

Formal ist Spoken By The Other, das gemeinsame Projekt von Wolfgang Tillmans (Stimme) und Oscar Powell (Musik), weit von House entfernt. Aber der Spirit ist derselbe. Die EP wird mit „Feel The Night“, einer Hymne auf das sich Verschwenden, die spirituelle Dimension des Exzesses auf dem Dancefloor und den positiven Bezug aufs eigene Anderssein eingeleitet: „Feel the night / Use your pride / Not only you is passing out“.

Den mächtigen Sound von Spoken By The Other würde man gern im Club hören, auch wenn Powell bei keinem der sechs Tracks irgendwelche Beats droppt.

Oscar Powell, der den öden Formeln der EDM schon seit einiger Zeit eine krasse Mixtur aus Techno, Punk und Rock’n’Roll entgegenschleudert, begleitet Tillmans Gesang auf Stücken wie „Doucement“ mit rhythmischen Akzenten. In anderen Tracks sind Musik und Gesang beinahe separate Elemente, die unvermittelt aufeinandertreffen. Zugleich wird die Stimme wie ein musikalisches Element behandelt, mit Filtern verzerrt, hoch- und runtergepitcht, auseinandergeschnitten und wieder neu zusammengesetzt. Mal sind es viele Takte lang nur Silben, die zu hören sind. Bis sich plötzlich ein Satz bemerkbar macht: „Rebuilding the future, rebuilding the now“. Da nimmt Tillmans, der zuletzt mit Posterkampagnen gegen den Brexit und die AfD agitiert hat, das Politischsein als Lyriker zu wörtlich. Das praktische Organisieren entfaltet hingegen eine größere Wirkung: Kürzlich konnte man in einem großen, sehr schönen Tillmans-Porträt des New Yorker lesen, dass er seine Non-Profit-Galerie Between Bridges Anfang des Jahres in eine Stiftung umgewandelt hat, die sich für Kunst, Demokratie und LGBTIQ-Rechte einsetzt.

An anderer Stelle zeigt Tillmans jedoch, dass er nicht nur ein hervorragender Fotograf, sondern auch ein Künstler mit lyrischer Sensibilität für einfache Sätze ist: „Make something soft / I love you so much right now“, heißt es etwa an einer Stelle der sechs Songs umfassenden EP. Den mächtigen Sound von Spoken By The Other würde man gern im Club hören, auch wenn Powell bei keinem der sechs Tracks irgendwelche Beats droppt. Und dann liest man, dass Drum’n’Bass die erste musikalische Liebe des Briten war. Ergibt also alles wieder Sinn.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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