Powell »Sport« / Review

Ein Album, das schon in den ersten Sekunden nervt, kann gar nicht schlecht sein.

Ein Album, das schon in den ersten Sekunden nervt, kann gar nicht schlecht sein. Schließlich gibt es genug Musik, die sich anbiedert. »Fit 17« heißt der kurze, vorwiegend aus schmerzhaftem Tinnitus-Fiepen bestehende Opener auf dem Debütalbum Sport des britischen Musikers Powell, der als DJ in technoider Clubmusik, kompositorisch aber eher im Punk verankert ist. Fit, also widerstandsfähig zu sein, das empfiehlt sich auch für die nachfolgenden 13 Stücke, die sich ästhetisch irgendwo im Powell’schen Kosmos zwischen digitalem Post-Punk, experimentellem Lo-fi-Pop (»Mad Love«) und Hip-Hop (»Big Keith«) bewegen.

Die Songstrukturen selbst sind zwar eingängig, aber unter der Oberfläche dominiert eine gewisse Holprigkeit, die schwer zu entziffern ist. Ständig fragt man sich: Sind die verdächtig echt klingenden Instrumente eingespielt oder gesampelt? Woher kommen die komischen Vocals? Und: Wie hat Powell es geschafft, die Stücke so collagenhaft klingen zu lassen, ohne dass sie fragmentarisch wirken?

Powell meint es ernst mit seinem Unernst.

In »Fuck you, Oscar« etwa gibt es einen galoppierenden Basslauf, der von einzelnen Schlagzeugschlägen durchlöchert wird, bevor weitgehend unverständliche Vocal-Schnipsel dem Ganzen eine entrückte Menschlichkeit zufügen. Das nachfolgende »Frankie« beginnt mit einem zunächst unrhythmischen Beat, bevor ein Bass übernimmt, der so klingt, als würde ein ambitionierter Bassist die Midi-Spuren eines Kumpels nachspielen, der vor kurzem die Arpeggio-Funktion seines Synthesizers entdeckt hat. Wer das Intro überstanden hat und lieber mit den Füßen stampft, als zu wippen, wird mit einem straighten Post-Punk-Stück belohnt. Ein stoischer Beat trifft auf eine maskuline Frauenstimme, die in monotonem Sprechgesang mehrdeutige Mantras herunterspult, etwa »encounter me, encounter culture“ oder »accelerate culture«. Später schleicht sich dann wie von Geisterhand ein schmieriges E-Gitarrensolo ein.

Ähnlich aufrührerisch sind auch die Songtitel: Besagtes »Fuck You, Oscar« oder »Getting’ Paid To Be Yourself« zeigen: Powell meint es ernst mit seinem Unernst. Und bleibt sich damit treu. Seine Kulturkritik wird nie explizit, dafür aber dadaistisch verpackt. So liegt dem Album ein Waschzettel bei, den sich akzelerationistisch inspirierte Werbehacker nicht hätten besser ausdenken können. Geplant sind Videos mit dem »Powell Man«, der darin »tanzt, trinkt, Drogen nimmt und Sex mit Melonen haben wird«. Außerdem wird es Powell-Socken und Powell-Handtücher geben. Wie schon gesagt, es empfiehlt sich, fit zu sein für Sport.

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