Portugal. The Man Church Mouth

Neulich hat mir ein Kollege gestanden, dass er unter einer akuten Musikkrise leide. Schuld daran seien die Produktionsbedingungen, sagte er. Dank digitaler Revolution und erschwinglicher Heimproduktionskosten ist es mittlerweile der talentlosesten Band möglich, eine perfekt produzierte Hochglanzplatte aufzunehmen. Was dazu führt, dass die mickrigste Indie-Kapelle, so er, inzwischen Platten in einer Tonqualität aufnehmen könnten, die sich früher nur fette Majorunternehmen hätten leisten können. Die allgemeine Verflachung und der im Prinzip ja begrüßenswerte Niedergang der alten Schallplattenindustrie, dieses ancien regime (Anm. d. Red.: Der Musikpresse werden ja ähnliche Dilemmata nachgesagt), tragen das ihre zu dieser Krise bei. So werden immer mehr Platten herausgebracht (Anm. d. Red.: »In Deutschland« ungefähr 300 jeden Monat, exklusive Singles und Digital-Releases), alle wie gesagt auf technisch hohem Niveau, besonders auch im so genannten Indie-Bereich. Bedeutete »Indie« früher auch, dass sich hier MusikerInnen das Spielen selbst beigebracht hatten und alles daddelig, schrammelig oder rumpelig klang (man vergleiche nur mal die erste Built to Spill mit der neuen von Portugal. The Man), ist es heutzutage so, dass der neue Produktionsstandard auch das Virtuosentum befördert hat. Es gibt Bands, so er, die könnten alle Led-Zeppelin-Platten nachspielen, nur eben besser. Spielerisch und in der Tonqualität. Was dazu führe, dass die gesamte Musikgeschichte noch einmal neu aufgenommen werde, nur eben konzentrierter, durchmischter, perfekter produziert. So könnte die bleichste Band aus Bolton ein Werk schaffen, das klingt wie das Beste aus The Who und The Guess Who, konzentriert aufs Wesentliche.

    »Ersetzt man Bolton durch Alaska und The Who / The Guess Who mit Led Zeppelin und Santana, kommt dann Portugal. The Man heraus?«, dachte ich später beim Anhören deren zweiten Albums »Church Mouth«. Tatsächlich ist dies eine Platte, bei der man sich ständig erinnert fühlt: »Bellies Are Full« und »Sleeping Sleepers Sleep« klingen nach den White Stripes, die ja ihrerseits oft nach 70er-Rock-Einflüssen klingen; »The Bottom« beginnt wie »Young Folks« von Peter, Björn & John; anderes klingt wie The Bees oder eben Led Zep. Was tun? Obigen Kulturpessimismus widerspruchslos abnicken? Oder dem musikalischen Ist-Zustand der Platte affirmativ begegnen? Ist nämlich schon geil, die Platte. Was interessiert mich Led Zeppelin? Damals habe ich den »Babysitter-Boogie« gehört (mein erstes Lieblingslied). Also kurz: »Church Mouth« ist eine hervorragende Platte, technisch und spielerisch. Besonders mag ich »Shade« (ein sehr gutes Popstück) und »Children«. Hörenswert!

(Anm. d. Red.: Die zweite Meinung zum Album in Spex #310)

LABEL: Defiance Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 20.07.2007

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