„Popmusik ist wie Hollywood – meine Musik will die Ordnung zerstören“ – Aïsha Devi im Interview

Bild: Aisha Devi Credit: Emile Barret

Aïsha Devi hat eine Vision. Nicht eine von diesen, die einen großen Wahlspruch brauchen, der Menschen unter sich vereint. Der in seiner Leere erst nach Jahren entlarvt wird, kollektive Hoffnungslosigkeit als Nährboden für leere Versprechungen nutzt. Nein: Eine ganz menschliche, die auf ihrem neuen Album DNA Feelings Ausdruck findet. Ein Gespräch über die Gewissheit, dass die Revolution kommen wird, und die Frage: Wie und von wem denn nur?

Aïsha Devi, bevor wir über Ihr neues Album DNA Feelings sprechen, interessiert mich ganz unabhängig davon, was Spiritualität für Sie bedeutet.
Meine persönliche Definition von Spiritualität ist etwas anders als die allgemein geläufige. In unserer Gesellschaft ist Spiritualität so ein Wort, in das alles gesteckt wird, was man nicht genau versteht. Ich finde das Wort „energetisch“ besser. Energetisch schließt all die Dinge nicht aus, die wir so selten ansprechen. Sogar das Träumen gehört dazu, weil wir das nicht wirklich kontrollieren können. Es passiert uns einfach auf einer höheren Ebene. Nicht physisch, sondern psychisch. Ich meine, wir hören jeden Tag Radio, was praktisch Wellen sind, die durch die Luft schweben. Aber wir haben Probleme damit, so darüber nachzudenken. Musik ist da ein guter Einstiegspunkt. Musik ist wie Massage. Jeder mag Massagen. Pop-Massagen, spirituelle Massagen und solche Massagen möchte ich, oh natürlich Musik, möchte ich machen, die den Geist für andere Dimensionen öffnet. (lacht)

Also würden Sie sagen, dass Religion – ähnlich wie die Gesellschaft – Spiritualität eher in ihrer Dreidimensionalität gefangen hält, als ihr zu helfen?
Klar. Religion ist ja auch ein Produkt des Menschen. Im Endeffekt ist sie dazu da, Massen zu kontrollieren. Religionen nutzen dafür Symbole, die jeder versteht. Damit beschäftige ich mich viel. Es gibt zum Beispiel einheitliche Symbole wie den Heiligenschein. Jesus hat ihn, Shiva hat ihn, Buddha hat ihn, erleuchtete Leute haben ihn – so eine Aura. Für uns heißt das: „Oh, er ist heilig.“ Eigentlich bedeutet es viel mehr.

Also verstehen wir die Symbolik des Heiligenscheins nur oberflächlich?
Genau, er ist magnetisch, energetisch. Erleuchtete Individuen können ihre eigene Energie kontrollieren. Es ist wie diese Glühbirne in Comics. Dieser unerklärliche epileptische Moment, der in deinem Hirn passiert, kurz bevor das Licht kommt. Und Licht wiederum ist auch nur eine sichtbare Frequenz.

„Popmusik stimuliert und hypnotisiert uns, damit wir gute Konsumenten bleiben. alternative Musik sollte andere Türen öffnen.“

Ihr Album DNA Feelings scheint dieses Gefühl der Erleuchtung zu artikulieren. Nach dem Build-Up gehen Ihre Tracks in die Weite, statt in einem Drop zu enden.
Das war die Absicht. Ich mag Popmusik und ich höre wirklich viel unterschiedliche Musik, aber ich glaube, es gibt da Musik, die wenigstens versucht, Räume zu eröffnen. Im offenen Raum organisiert sich der Sound dann irgendwie selbst, wie auf dem Poster eines Grafikdesigners. Da muss man nicht immer viel Information draufpacken, weil die Leere dort genau so wichtig ist wie die Information. Ich war mal Grafikdesignerin und habe im Studium entschieden, dass ich genau diese Erfahrung nachbauen möchte. Ich habe versucht, weniger Ego in meine Musik einfließen zu lassen, was ein ganzes Stück an Übung und Disziplin benötigt und einen gleichzeitig als Mensch wachsen lässt. Je weniger Ego ich in die Musik steckte, desto mehr Platz war dort plötzlich für spezifische Sounds mit spezifischen Frequenzen. Popmusik stimuliert und hypnotisiert uns, damit wir gute Konsumenten bleiben. Alternative Musik sollte andere Türen öffnen.

Es klingt so, als sei Musik für Sie ein Gemeinschaftsgut. Popmusik zur Unterhaltung, Alternativemusik zur Selbstfindung.
Ja, und ich denke, es hängt auch davon ab, wie du dich gerade fühlst. Popmusik wird immer da sein und einen Platz haben. Irgendwie dient sie ja auch dem Menschen, indem sie ihn stimuliert und glücklich macht. Momentan gibt es aber eigentlich nicht viele Dinge, über die man glücklich oder mit denen man zufrieden sein sollte. Ich merke, dass viele Künstler, mit denen ich befreundet bin, momentan versuchen, die Spiritualität zurück in die Musik zu bringen.

Den Konsumenten zum Teilnehmer an der Musik werden zu lassen?
Die Definition gefällt mir, weil ich wirklich denke, dass Menschen dann zu Teilnehmern der Musik werden, die sie gerade hören. Es gibt Musik, die nicht mal vorgibt, etwas anderes zu sein, als passives Konsumgut. Jetzt betreten wir aber eine Ära der Musik, in der Aktivität gefordert ist und gleichzeitig eine spirituelle Trance. Moderne Musik muss spiritueller und politischer werden, sonst wird sich der Mensch nicht aktivieren lassen. Popmusik ist wie Hollywood. Sehr selbstgefällig und egoistisch lässt sie das Geld in ein System fließen, das Zufriedenheit durch Konsum predigt und die Hierarchie konserviert. Meine Musik soll diese Idee der Ordnung zerstören. Als Musiker oder Musikerin wird man dann schnell so dargestellt wie der verrückte Schamane im kleinen Dorf. Aber mit der Rolle bin ich glücklich, wenn ich Leute wirklich aktivieren kann mit meiner Musik.

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