Pole »Wald« / Review

Poles mal stoisch klickernde, mal verschliert-sumpfige, dann wieder psychedelisch wabernde Hainelektronik auf Dub-Basis klingt nicht zwingend gehölzaffin.

Über unser metaphysisches Verhältnis zum Wald könnte man so viele Bände schreiben, dass dafür an einen stattlichen Teil von ihm die Axt angelegt werden müsste. Seit der Romantik sucht der Deutsche im Wald seine Identität und Zuflucht vor Zivilisationszumutungen. Der Slogan »Zurück zur Natur!« wird zwar Rousseau zugeschrieben, de facto aber wurde er nicht nur nirgends intensiver mit Leben erfüllt als hierzulande, sondern er richtete sich zunächst vor allem auch gegen die Artifizialität der französischen Großstadtkultur. Die oberflächlichen Kontakte, ohne die eine Agglomeration einander Fremder, wie sie eine Stadt bildet, nicht aggressionslos funktionieren kann, interpretierte man diesseits des Rheins als Kälte. Der Oberfläche setzte man Tiefe entgegen. Dann ist die Liebe inniger und der Hass auch. Die Leidtragenden solcher Bipolarität heißen Dazwischen, Weiß-ich-nicht und Mir-doch-egal.

Vielleicht hat die Tradition deeper Waldverehrung damit zu tun, dass es in Deutschland so selten lässigen, sich nicht zerquält hinterfragenden Pop gibt. Denn Pop ist ja die Situation, in der Oberflächen tief werden. Der deutsche Wald erwies sich nicht zuletzt für die NS-Blut-und-Boden-Ideologie als überaus anschlussfähig. Sind Bäume also rechts und sollte das Tätervolk lieber nicht in den Wald gehen, um über die eigenen Wurzeln zu stolpern? I wo! Das hieße Schokolade boykottieren, weil auch Nazis naschten. Den konnotativen Resonanzraum des deutschen Waldes zwischen Wandervögeln und Heidegger’schen Holzwegen wird man dennoch nicht so leicht los.

Vor kurzem hat Wolfgang Voigt der Eröffnung des rheinland-pfälzischen Nationalparks Hunsrück-Hochwald einen Teil seiner Konzeptreihe mit dem ziemlich nach 116. Athenäums-Fragment klingenden Titel Rückverzauberung gewidmet. Jetzt legt Stefan Betke alias Pole das in drei »Akte« gegliederte Klangergebnis ausgedehnter Waldspaziergänge durch das Isartal und die Alpen vor. Die Stücke tragen Fauna und Flora des Waldes aufrufende Titel wie »Wurzel«, »Moos« oder »Eichelhäher«. Anders als Voigts elegische Walderkundung mit ihren verfremdeten Klassiksamples klingt Poles mal stoisch klickernde, mal verschliert-sumpfige, dann wieder psychedelisch wabernde Hainelektronik auf Dub-Basis erstaunlicherweise nicht zwingend gehölzaffin. Ein Stück wie »Salamander« hätte durchaus auch »Umgehungsstraße im Abendlicht« heißen können, ohne dass es zu einem öffentlichen Aufschrei gekommen wäre.

Betkes hypnotischer, mit deftigen How-low-can-you-go?-Bässen unterlegter Minimalismus ist mit seinen jamaikanischen, aber dennoch dezidiert unbekifften, von tagheller Präzisionsmystik informierten Hallräumen nicht nur tranceinduzierend, sondern gewinnt auch mit jedem Hören an Komplexität. Die Stücke sind keine tonmalerische Programmmusik, der Wald scheint eher als Inspirations- denn als Samplequelle gedient zu haben. Ist es nicht ohnehin nur eine Frage des Abstraktionsniveaus, ab wann sich die vertikalen und horizontalen Strukturen von Stadt und Wald gleichen?

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