Planningtorock „Powerhouse“ / Review

Cover: Planningtorock „Powerhouse“

Die aktuelle Veröffentlichung von Planningtorock, der britischen Musiker_in, Performance- und Multimediakünstler_in, klingt, anders als die Vorgängeralben, weniger nach Befreiungsschlag als vielmehr nach einer persönlichen Rückschau. Einer, die markante Stationen auf ihrem Weg von damaliger gesellschaftlich-sozialer Repression bis zur heutigen Unbefangenheit beleuchtet. 

Für die nicht-binäre, genderqueere Wahlberliner_in Jam Rostron alias Planningtorock war das Spiel mit verschiedenen Rollen und Geschlechtern, die Maskierung und gleichzeitige Demaskierung, jahrelang vor allem Überlebensstrategie. Ein zäher Abnutzungskampf, den sie vor allem für sich selbst bestritten. Nun hat Rostron allerdings einen Durchbruch zu vermelden: „I feel a transformation in me / All those empty spaces in me / Are filling up with me“, singen sie auf ihrem neuen Album Powerhouse. Klingt nach geglückter Selbstfindung, zurückzuführen auf Durchhaltevermögen, Disziplin und jeder Menge Mut.

Und ja, die Brit_in klingt auf ihrem vierten Album tatsächlich wie befreit: New House, lebensbejahender Queer-Art-Pop, Sprechgesang aus der bekannten Entfremdungsküche und ein an The Neptunes erinnerndes R’n’B-Amalgam geben den Ton an, während sich Powerhouse an den biografisch gefärbten Stationen einer ganz realen Transformation entlang hangelt. Das liefert faszinierende Einblicke in die Gedankenwelt einer Künstler_in, die ihre Reflexionen über gesellschaftliche Funktionen von Geschlechtern (nämlich keine) längst zu Ende gedacht haben – und sich nun an einem wesentlich schwierigeren Feld versuchen: dem Alltäglichen.

Powerhouse schlüsselt im Laufe seiner zehn Tracks Familiengeschichten, Liebesszenen und -praktiken, Empfindungen und Erinnerungen der emotionalen Formung und Neuzusammensetzung der eigenen Identität auf. Ganz besonders der Song „Much To Touch“, der mithilfe von Co-Produzent und Langzeitfreund Olof Dreijer von The Knife entstand, hat einen unglaublichen Mehrwert für das Album. Ebenso zentral: die beiden Songs „Beulah Loves Dancing“ und „Powerhouse“, zwei Oden an zwei starke Persönlichkeiten im Leben der 47-Jährigen. Schwester und Mutter, zwei Menschen, deren Liebe zueinander weder am fehlenden Geld noch am Autismus von Rostrons Schwester zerbrach. Rostron honorieren dies auf besondere Weise mit ihren feinfühligen und ausnahmsweise unverschleierten Stimme. Ob diese ihnen auf dem Rest des Albums nicht auch gut gestanden hätte, werden wir leider nie erfahren. Aber dieses ungehörte Versprechen ist für Powerhouse letztlich zweitrangig.

Rostron, die im Speckgürtel des rauen, industriell geprägten Manchester aufwuchsen, hatten lange Zeit damit zu kämpfen, nicht den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau zu entsprechen. Einigen wird dieses Gefühl vielleicht bekannt vorkommen: Zu laut, zu wild, zu emotional und viel zu tough für all die eingeschüchterten Männer da draußen. Das haben sie natürlich längst hinter sich gelassen. Trotzdem markiert Powerhouse eine wichtige Zäsur. Die alten Wunden sind verheilt, das Ich gefestigt – und es scheint für Rostron an der Zeit, ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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