PJ Harvey White Chalk

Vor drei Jahren, nach der Veröffentlichung von »Uh Huh Her«, verkündete die heute 37-jährige PJ Harvey ihren Rückzug aus dem Aufnahmestudio. Offenbar ein Scherz, denn jetzt erscheint mit ihrem achten Studioalbum »White Chalk« ein ebenso gigantisches wie kammermusikalisches Comeback. Harvey singt, flüstert und haucht Texte von Bergmannscher Zerklüftung, die Worte bleiben schwer verständlich. Harvey lässt ihr lyrisches Ich von Verlust, Trennung, Einsamkeit, wenn nicht sogar von einem verlorenen Kind berichten.

    Vieles bleibt auch bei wiederholtem Hören der elf Songs unverständlich, die Wahrnehmung erfolgt bruchstückhaft. »White Chalk« heißt weiße Kreide in unserer Sprache. Weiße Kreide an den  Schuhen, »blood on my hands«. Ein Spaziergang an der Kreideküste Südenglands in Dorset, wo PJ Harvey als Kind auf einer Schafsfarm aufwuchs und angeblich auch heute wieder lebt: »Blood on my hands / (…) / While I walk our unborn child in me.« Die Lieder scheinen wie von einem konzeptuellen roten Faden verbunden. In einem fort wird um Verständnis gefleht, um Verzeihung gebeten, Selbstzerfleischung in Sprachgittern.

    Harveys Lieder sind an abwesende Vertraute gerichtet. »The Devil« heißt das Eröffnungsstück, eine verschleppte Ballade im Spielbudenrhythmus. »Dear Darkness« (Songtitel) »… will you cover me from the sun?« (Songzeile). Der Refrain in »Silence« geht: »Silence / Silence / Silence / Silence / Silence…« »The Mountain« schließlich ist abermals eine Ballade, das Album endet mit den Zeilen: »Every tree is broken / (…) / Since you betrayed me so.« Die Silbe »so« zieht Harvey in wilder stimmlicher Überdehnung bis in alle Ewigkeit.

    Die wenigen Instrumente dieses mit 33 Minuten Spielzeit sehr kurzen Albums sind allesamt kunstvoll verstimmt. Erst im Nachklang finden die angeschlagenen Tasten eines verstimmten Klaviers und die gezupften Saiten eines verstimmten Banjos zur Harmonie. Das Schlagzeug, gespielt von Jim White (The Dirty Three/Nina Nastasia), treibt nichts an, es funktioniert wie von Auslassungen im Spiel geprägter Jazz. Die verstimmten Instrumente ziehen die Stimmung von »White Chalk« in melancholische bis depressive Tiefen. Das ist ein Effekt, den man aus dem Kino kennt, der subtil-suggestiv-bedrohliche Effekt einer leicht schiefen Kameraeinstellung, wenn der Held in sein Verderben läuft.

    All dies sind Details und Deutungsebenen, die dank der phantastisch-minimalistischen Produktion dieses Albums von Industrial-Sound-Pionier Flood und PJ Harveys langjährigem Komplementär John Parish hörbar offen gelegt werden. »White Chalk« ist so perfekt arrangiert, musikalisch so verdichtet und textlich so substanziell, dass sich beim Hören des Albums die Zeitwahrnehmung unweigerlich intensiviert.

LABEL: Island

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 21.09.2007

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