Pixies »Head Carrier« / Review

Pixies‘ Head Carrier ist empfehlenswert für Menschen, die noch nie alternative Gitarrenmusik gehört haben – oder Bassistin Kim Deal für ersetzbar halten.

Sapperlot – da beginne ich diesen Text doch tatsächlich während die Band in meiner Stadt ihr größtes Konzert aller Zeiten spielt. 18. Juli, Zitadelle Berlin-Spandau, Open Air, Fassungsvermögen sicher 8000 Leute. Unvorstellbar, dass so viele dort sind. Ich jedenfalls nicht, nicht nur wegen 70 Euro und auch nicht, weil dies die Band ist, die ihr erstes Album mit Steve Albini aufnahm und ihre letzte Tour im Vorprogramm von U2 bestritt. Wirklich heiß waren die Pixies nur die erste Hälfte ihrer fünfjährigen Lebenszeit, danach wurde recycelt und aufgeblasen und das Ende war das Beste. Bis dieses Ende um 2004 herum ebenfalls zu Ende war und die Band seither Uriah-Heep-mäßig im Dauertour-Modus umhergeistert.

Head Carrier ist nicht das erste Studio-Material seit den goldenen Zeiten. Das war vor gut zwei Jahren die EP-Sammlung Indie Cindy, die schon damals »kein neues Kapitel im Alternative-Rock-Lexikon aufschlägt«, so laut.de. »Aber da stehen die Pixies ja eh schon im Vorwort drin.« Smoke On The Water. Stairway To Heaven. Bleibt nur die Frage, was mit der abwesenden Kim Deal ist. Die bedachte Black Francis schon 2014 im Rolling Stone mit maximalem disrespect: »Sie hat sich mit einer Zigarette auf die Bühne gestellt, ein bisschen Bass gespielt und alle Jungs im Publikum haben sich in sie verliebt. Ihre Rolle und ihr Einfluss wurden komplett überschätzt.«

Auf der pathologischen Deep-Purple-Skala von Null bis Zehn eine 9,5.

Nun ist die »Überschätzte« endgültig weg. Bleiben drei ergraute Ex-MIT-Studenten mit wahrscheinlich lebenslang existenzsicherndem Oldschool-Indierock, der ebenso nach Pixies klingt wie nach dem Chesterfield-Sofa, auf dem sie es sich für das aktuelle Bandfoto bequem gemacht haben. Dazu spackt im Hintergrund die neue Bassistin Paz Lenchantin ab, die der großen Kim erstaunlich ähnlich sieht und auch gesanglich identisch eingesetzt wird. Auf der pathologischen Deep-Purple-Skala von Null bis Zehn verdient dieser künstlerische Entwurf eine 9,5, würde ich sagen.

Head Carrier ist empfehlenswert für Menschen, die noch nie alternative Gitarrenmusik gehört haben, Kim Deal für ersetzbar halten oder auf der Cabrio-Urlaubsreise nach Italien beim Tankstellenstopp zwischen dieser Platte und Biffy Clyro entscheiden müssen (bei den Red Hot Chili Peppers würde ich schwanken). Alle anderen sollten sich im Rahmen ihres Streaming-Abos, inspiriert durch kurzes Anspielen, auf die Suche nach einer Vinyl-Ausgabe von Surfer Rosa machen. Oder auf die Suche nach Kim Deal. Die kann vielleicht nicht super Bass spielen und ist wahrscheinlich sozial schwierig. Hat aber dafür etwas, was den Chesterfield-Herren längst entfallen ist.

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