Phoria – Nichts überstürzen

Foto: Thom Undrell

Sieben Jahre lang haben Phoria in einem gemeinsamen Haus in Brighton an ihrem Sound getüftelt. Herausgekommen ist ein unglaublich detailverliebtes und gleichzeitig rundes Debütalbum. Im SPEX-Gespräch erzählen Trewin Howard und Ed Sanderson vom Entstehungsprozess des Albums und den Vorzügen ihrer Wahlheimat.

Es gibt sie noch, die Bands, die sich dem immer schnelleren Rhythmus der Musikindustrie verweigern, perfektionistisch an ihrem Sound feilen und das Albumformat als höchste Form ihres künstlerischen Ausdrucks betrachten. Radiohead sind so eine Band. Ja, Phoria sind es auch. Ed Sanderson, Pianist der letztgenannten, will sich lieber nicht mit den großen Vorbildern aus Oxford vergleichen. »Aber wir sind wirklich große Fans, und sie haben uns auf dem Weg, den wir mit unserem Album gehen, stark beeinflusst.« Sanderson ist zurückhaltend, wählt seine Worte bedächtig, ist aber verglichen mit Sänger Trewin Howard dennoch der redseligere. Jener spricht leise, führt seine Sätze manchmal nicht zu Ende. Ihm ist anzumerken, dass er sich in Interviewsituationen nicht allzu wohl fühlt. Howard ist Synästhetiker, seine Wahrnehmung von Musik ist mit Farben und Texturen verknüpft. Vor wenigen Jahren wurde er krank, seine akustische und optische Wahrnehmung wandelte sich zur ständigen Reizüberflutung. Bis heute hat er sich nicht ganz davon erholt.

Dies mag einer der Gründe sein, warum man so lange auf Volition, das Debütalbum der Jugendfreunde aus der Kleinstadt Salisbury, warten musste. Bereits vor sechs Jahren erschien die Debüt-EP, die erste Single des Albums wurde 2014 veröffentlicht, die zweite im Jahr darauf. Volition kam dann im Juni dieses Jahres. Ein anderer Grund ist sicherlich der erwähnte Perfektionismus. Dem Werk ist anzuhören, dass hier alles von vorne bis hinten durchdacht wurde: Es stecken hunderte Ideen in jedem Song, die zu kleinen Sound-Details verdichtet wurden. Zusammen ergeben sie ein großes Ganzes: Überbordendes Soundgefrickel in perfekte und runde Popsongs verpackt. Das klingt nach harter Arbeit, was Howard bestätigt: »Es ist nicht einfach, einen Song zu schreiben, der einen fortträgt.« Volition war für ihn eine klare Wegmarke: »Beim ersten Album will man sich im Klaren darüber sein, wer man ist und wie man klingen möchte. Es hat eine Weile gedauert, wir haben uns durch hunderte Stückchen Musik gearbeitet, um unseren Klang zu finden. Wir hatten vor ungefähr einem Jahr eine Playlist auf Soundcloud, von der wir dachten: Das wird jetzt das Album. Davon blieb am Ende nur ein Song unverändert bestehen.«

»Brighton ist die größte Stadt, in der wir leben können, ohne verrückt oder krank zu werden.«

Auch für Sanderson ist das Albumformat eine ganz eigene Herausforderung: »Unserer Art zu arbeiten zeichnet sich dadurch aus, dass wir die ganze Zeit über Songs schreiben. Das ist zwar toll, heißt aber auch, dass wir die ganze Zeit schon über den nächsten Song nachdenken. Das dann irgendwann festzuhalten, war wirklich schwierig. Bei den EPs war das anders. Da bringt man einfach seine Gedanken raus, es braucht kein großes Konzept. Beim Album muss das passen, das ist unser erstes wirkliches Statement als Band.«

Die Bandmitglieder leben alle in Brighton, wo sie sich drei Jahre lang ein Haus teilten. Bis heute wohnt nach wie vor mindestens ein Musiker in diesem »Phoria House«. Sanderson nennt es das »spirituelle Zuhause der Band«. Insgesamt sieben Jahre haben sie Howard zufolge dort am eigenen Klang gefeilt. »Mit Freunden zusammenzuarbeiten, ist eine der besten und gleichzeitig auch eine der schwierigsten Herausforderungen. Dass wir immer noch zusammen in einer Band und befreundet sind zeigt, wie tief unsere Verbindung ist«, glaubt Sanderson.

Warum Phoria sich ausgerechnet Brighton als Ort ausgesucht haben, werden sie oft gefragt. »Unser musikalischer Einfluss kommt aus der ganzen Welt und quer durch die Geschichte, da gibt es keine besondere Verbindung zu Brighton. Der Ort fühlt sich eher wie ein natürliches Zuhause an. Es lässt sich leicht leben dort. Brighton gibt uns den mentalen Raum, das zu tun, was wir tun wollen. Man muss nicht aufpassen, besonders cool zu sein. Es gibt keine Trends, denen man hinterherjagen muss – im musikalischen Sinne«, meint Trewin Howard. In Brighton gäbe es keine Szene, ergänzt Ed Sanderson. »Wie London zum Beispiel seine spezifischen Szenen hat. Wenn man dort ist, muss man auch irgendwie Teil des Ganzen sein. Brighton dagegen ist unglaublich vielseitig. Ich denke, das ist der Grund, warum es in Brighton so viele seltsame und gleichzeitig schöne Projekte gibt. Es soll ja auch kreativitätsfördernd sein, möglichst isoliert zu arbeiten. Wir wollten eigentlich nie in London leben. Wir kommen aus kleinen Dörfern, Brighton ist für uns groß genug.« Howard bringt es auf den Punkt: »Es ist die größte Stadt, in der wir leben können, ohne verrückt oder krank zu werden.«

Phoria live
21.10. Köln – Cardinal Sessions Festival
22.10. Hamburg – Cardinal Sessions Festival
24.10. Berlin – Berghain Kantine
25.10. Dresden – Beatpol
28.10. München – Milla
29.10. Nürnberg – Nürnberg Pop Festival

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