Foto: Ali Ghandtschi

Solche NGOs machen Angebote für langfristiges politisches Engagement. Die gibt es beim ZPS ja nicht. Stattdessen bauen Sie nach eigenen Worten „moralische Hochdruckkammern“. Aber was soll passieren, wenn man aus der Hochdruckkammer herauskommt und etwas tun will? Dann sind die genannten Initiativen eine Option.
Es entsteht gerade Wundervolles. Nach unserer Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ hat ein Unternehmer aus Berlin ein altes Schiff aufgekauft und betreibt seither Seenotrettung im Mittelmeer, „Sea Watch“ heißt das Projekt. Genau das können wir tun, die richtigen Menschen auf bestimmte Verbrechen unserer Zeit aufmerksam machen. Was man dagegen tun kann, fällt den meisten Menschen schon noch selber ein. Mein neues Buch ist deshalb auch keine Gebrauchsanweisung. Es richtet sich an Menschen, die glauben, auf sie komme es nicht an, sie seien eh nur ein Staubkorn im Universum.

Sie haben bei dem bekannten Politikwissenschaftler Herfried Münkler über den Begriff der Ehre promoviert. Tauschen Sie sich mit ihm über die Aktionen des ZPS aus?
Jetzt kann ich es ja sagen: Herfried Münkler steckt hinter dem ZPS und denkt sich all die Aktionen aus!

„Die Frage ist nicht, ob der Holocaust singulär ist. Die Frage ist: ob er es bleiben wird“

Genial, das muss sofort auf den Presseticker! Spaß beiseite: Wie verhält sich Ihre akademische Arbeit zu Ihrer künstlerischen Arbeit?
Da gibt es keinen Zusammenhang. Letztes Jahr habe ich den Schalter endgültig von Wissenschaft auf die Kunst, also genauer: Theater umgelegt. Was ich an der Wissenschaft schätze – die aufwändigen Recherchen –, das lässt sich mühelos bei jeder unserer Aktionen weiterbetreiben. Natürlich sind sechsmonatige Recherchen aber finanziell etwas prekär.

Das ZPS finanziert sich durch Fördermitgliedschaften, oder?
Und durch die eine oder andere Inszenierung am Theater, ja. Dieses Jahr haben wir am Schauspielhaus Dortmund das Stück „2099“ entwickelt. Die Aktionen sind extrem teuer und der Aufwand ist riesig. Wenn man wie bei „Die Toten kommen“ Leichen durch halb Europa karrt, produziert das Regalmeter an Akten, Genehmigungen und Dokumenten. Wir haben da im Grunde keine Kunst produziert, sondern Genehmigungen.

Die Kreuze, mit denen die Teilnehmer von „Die Toten kommen“ durch Berlin gelaufen sind, wirkten düster. Klar, es gibt das skandalöse Massensterben an den Außengrenzen. Gleichzeitig sind Refugees nicht nur Opfer, sondern Individuen, die mit großer Kreativität gegen unglaubliche Widerstände ein besseres Leben suchen und ein Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Haben Sie sich die Frage gestellt, ob Geflüchtete sich in der morbiden Symbolik von „Die Toten kommen“ eigentlich wiederfinden?
Auf jedes Boot, das gerettet wird, kommt eines, das untergeht. Der Tod gehört komplett zur Geschichte der heutigen Fluchtbewegungen dazu. Wir lassen die Leute nicht in Flugzeuge steigen, sie dürfen sich kein Ticket für 800 Euro kaufen, sondern müssen eine illegale Schlepperreise für 10.000 Euro bezahlen, für ein völlig überladenes Boot, in das sie einsteigen und das dann auch noch kentert. Was von Deutschland in den Geschichtsbüchern übrig bleibt, ist die Abschottungspolitik, die jedes Jahr tausende Menschen tötet.

Die Aktionen des ZPS müssen generalstabsmäßig organisiert werden, nichts darf vor Tag X an die Öffentlichkeit dringen. Bei einer Diskussionsveranstaltung im Berliner Gorki-Theater fragte neulich Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, besorgt, ob Sie der Zwang zu Konspiration und Geheimhaltung nicht psychisch deformiere.
Wenn man ein komplettes Denkmal aus dem Regierungsviertel abtransportiert, sollte man das jetzt nicht vorher bei Facebook posten, das ist klar. Aber das ist kein Zwang oder Leiden, sondern eine Wohltat: Man verordnet sich eine Abstinenz in der Öffentlichkeit. Wenn man nur ab und an mit einer Aktion in die öffentliche Debatte eingreift, dann ist das etwas Schönes.

Geheimhaltung ist produktiv?
Es geht da nicht um Geheimhaltung, sondern um künstlerische Intimität. Zudem halte ich es eher mit dem Werkbegriff und mag Autoren und Künstler nicht sonderlich, die von dem, woran sie gerade arbeiten, überall herumerzählen. Kulturschaffende, die von Dingen erzählen, die sie noch gar nicht fertig haben, machen mich misstrauisch.

Sie wollen also nichts über kommende Aktionen verraten?
Nö.

Dieses Interview erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 366, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.