Das Zentrum für Politische Schönheit sorgte dieser Tage mit seinem „Denkmal der Schande“ vor dem Wohnhaus des AfD-Politikers Björn Höcke für Aufsehen. Doch wie tickt einer der Köpfe hinter der Gruppe? SPEX sprach mit dem künstlerischen Leiter Philipp Ruch.

Die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) thematisierten in der Vergangenheit Ungeheuerlichkeiten wie Waffenexporte oder die europäische Abschottungspolitik. Nun sorgte die Gruppe mit einem „Denkmal der Schande“ für Aufsehen – in Bornhagen, einem Dorf an der hessisch-thüringischen Grenze: Das ZPS hatte eine Nachbildung des Denkmals für die ermodeten Juden in Europa in Berlin-Mitte vor dem Wohnhaus des AfD-Politikers Björn Höcke platzert. Wir sprachen bereits in SPEX No. 366 mit Philipp Ruch, dem künstlerischen Leiter des ZPS, über Moral, Geheimhaltung und Politiker in der Kunstgalerie – nun auch in voller Länge online.

In Artikeln über das ZPS taucht oft Christoph Schlingensief als Bezugsgröße auf. Schlingensief war 1998 der erste Nicht-Musiker auf dem Cover von SPEX. Die Titelzeile lautete damals: „Modell Schockintellektueller“. Finden Sie sich in dieser Bezeichnung wieder?
Ein Begriff, wie ein Anzug: passt wie angegossen! Wir verdanken Schlingensief sehr viel. Wir wurden zwar schon „Schocktherapeuten“ genannt. Bei dem, was wir machen, erschrickt der eine oder andere auch übermäßig. Aber während er oder sie denkt, das sei wegen uns – erschreckt ihn in Wirklichkeit die Realität, die wir nur zu ihm bringen.

In Ihrem gerade erschienenen Buch Wenn nicht wir, wer dann? beklagen Sie die Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit der Leute.
Selbstbezogenheit halte ich für eine der größten modernen Krankheiten. Man hört jetzt ständig: Es gibt doch so viele, die helfen. Das sind vielleicht 300.000 Menschen – von 80 Millionen Einwohnern. Die Spiegel-Bestseller-Liste wird angeführt von Das geheime Leben der Bäume. Die allermeisten Menschen lesen solche Bücher oder die Landlust und fühlen sich gelähmt, anstatt moralische Fantasie zu entwickeln.

„Menschen, die ethisch und gerecht handeln, sind unfassbar schön“

Sie sprechen die sogenannte Willkommenskultur an. Die große Solidarität mit Flüchtlingen oder Merkels Wende in der Flüchtlingspolitik haben an Ihrer Lagebeschreibung nichts geändert?
Dass jetzt keine Schutzwälle gebaut oder Panzersperren an der deutschen Grenze errichtet werden, ist doch das Mindeste. Die Mauern werden aber seit zwei Jahren um Europa herum gezogen. Die Menschen fliehen in ihrer Not auf Schlauchbooten über hunderte Kilometer Todesstreifen: das Mittelmeer. Wo bleibt die große Solidarität mit der syrischen Zivilbevölkerung, die jeden Tag in Aleppo und anderen Städten buchstäblich weiterverbrennt? Stattdessen werden rein fiktive Sachen wie „Transitzonen“ diskutiert.

Warum fiktiv?
Man wirft Künstlern gerne vor, ihre Werke seien reine Fiktion. Ich habe noch nie so viel Fiktion wie in der aktuellen politischen Diskussion erlebt. Die Politik scheint die größten Fantasten und Künstler zu beherbergen. Die machen da eine total unpolitische Kunst, die vielleicht im Galeriekontext ihre Berechtigung hätte. Aber im Bundestag?

Das ZPS spricht programmatisch von „aggressivem Humanismus“ und einer „parallelen Außenpolitik“. Was heißt das in Bezug auf Syrien? Militärische Intervention?
Nein, nein. Es hat nicht jeder eine Kalaschnikow zu Hause. Wir sind eher angekränkelte Intellektuelle, die mit anderen Mitteln etwas tun. Die „parallele deutsche Außenpolitik“ besteht darin, etwas Schöneres und Besseres zu tun als die Politiker. Wir alle stellen uns viel zu selten die Frage: Was könnte das Schönste sein, das wir jetzt in diesem Moment tun könnten?

Warum soll Politik schön sein? Muss Politik nicht vielmehr gerecht beziehungsweise schlicht richtig sein?
Wir müssen wegkommen von der Trennung von Ethik und Ästhetik. Menschen, die ethisch und gerecht handeln, sind unfassbar schön.

Der Zynismus ist Ihr Hauptfeind, in Ihrem Buch sprechen Sie auch vom „Hexenkessel des Relativismus“. Oft übersteuert das ZPS in seinem „J’Accuse“ moralisch. Auch die Internetseite ist voll mit Bezugnahmen auf den Holocaust. Warum diese extreme Aufladung dessen, was Sie tun?
Weil noch jedes Jahrhundert das vorangegangene an Katastrophen übertroffen hat. Und weil bisher weder auf der Ebene der Vereinten Nationen, noch im Weltsicherheitsrat etwas passiert ist, um den nächsten Holocaust zu verhindern. Wir werden in Asien und in Afrika Dinge erleben, bei denen uns allen noch Hören und Sehen vergeht. Dinge, die sogar den Holocaust noch übertreffen. Und dann? Was waren das nochmal für akademische Debatten in den Achtzigerjahren, die sich um die Singularität des Holocaust drehten?

Das klingt apokalyptisch und stellt die Singularität des Holocaust in Frage.
Die Frage ist nicht, ob der Holocaust singulär ist. Die Frage ist: ob er es bleiben wird. In meinem Schulunterricht muss ich etwas schrecklich missverstanden haben. Als es hieß „Nie wieder Auschwitz!“, dachte ich, ja klar, das schwöre ich jetzt! Es scheint mir heute wenige zu geben, die wissen, dass solche Schwüre nicht gratis sind, dass sie etwas kosten im eigenen Leben.

In Ihrem Buch tauchen als Vorbilder große, weiße Männer wie Winston Churchill, Willy Brandt oder Bernard-Henri Lévy auf. Gleichzeitig spürt man immer ein ungebrochenes Vertrauen in die westliche Vernunft.
Vernunft? Ich halte es eher mit der großartigen Idee der Humanität. Wenn ich die sehr vernünftigen Menschen von Pro Asyl oder Amnesty International über die größten Verbrechen an der Menschheit sprechen höre, schlafe ich ob ihrer Vernünftigkeit meistens ein. Wenn man einschläft, stimmt etwas nicht. Moral muss wehtun! Amnesty International tut nicht weh. Deshalb hat das Zentrum für Politische Schönheit einen „Eskalationsbeauftragten“. Er ist ein Henry Kissinger der Humanität, ein Mann mit grauenhafter Weitsicht für das Gute.

Ihre Kritik an Pro Asyl und Amnesty International ist heftig.
Denen müsste man sofort das Geld wegnehmen! Es kann nicht angehen, dass die größte Menschenrechtsorganisation der Welt nichts, aber auch gar nichts gegen das Massensterben in Syrien oder im Mittelmeer tut. Ich meine damit nicht: Plakate kleben und irgendwelche Online-Petitionen aufsetzen. Ich meine wirklich: etwas dagegen tun, Widerstand leisten.