Die große Bilderschwemme

Pharell Williams tanzt durch sein 24-stündiges "Happy"-Video

Pharrell Williams tanzt ein paar Minuten durch sein 24-stündiges »Happy«-Video

Bob Dylan hat eine Video bzw. eine Videoinstallation zu »Like A Rolling Stone« mit insgesamt eineinviertel Stunden Sehzeit veröffentlicht, Pharrell Williams zog gleich mit einem 24-stündigen(!) Video zu »Happy« nach. Wer soll das alles überhaupt noch gucken?

Es scheint sich durchzusetzen, dass die Musik nur noch mit noch mehr Bildern auf die ohnehin bereits bestehende Allgegenwart der selben antworten kann. Nachdem Arcade Fire und David Bowie fröhlich gleich mal zwei Videos pro Song veröffentlichen, tat sich Bob Dylan diese Woche mit dem Regisseur Vania Heymann zusammen, um statt eines klassischen Musikvideos gleich ein ganzes TV-Programm zu seinem 48 Jahre alten Stück »Like A Rolling Stone« (video.bobdylan.com) zu kreieren. 16 Kanäle sind dabei entstanden, vom 24/7-Shoppingsender über Sportnachrichten bis hin zu Reality-TV-Formaten. Und in allen wird das Lied von den Personen vor der Kamera ge-lip-synct. Insgesamt ergibt das mehr als 75 Minuten Material.

Gleich die 19-fache Menge davon kann Pharell Williams zusammen mit dem Team von We Are From LA und Regisseur Yoann »Woodkid« Lemoine präsentieren. Sein »Happy« (24hoursofhappy.com) wird als »the world’s first 24 hours music video« angepriesen und tatsächlich: Während auch dieses Lied in der Dauerschleife läuft tanzen sich unzählige Protagonisten singend durch Tag und Nacht, Supermarkt und Metrostation. Pharrell selbst taucht mehrfach auf, u.a. um 2 PM (wenn man das Video in Deutschland anklickt).

Dylan und Williams eint dabei, dass sie jeweils noch ein zusätzliches »Staraufgebot« einbinden konnten. Während in »Happy« etwa Odd Future, der Basketball-Legende Magic Johnson, Komiker Steve Carrell und Schauspieler Jamie Foxx auftauchen, sind es bei »Like A Rolling Stone« Marc Maron, Drew Carey, Steve Levy, die Zwillingsbrüder Scott und Rick Harrison & Austin Russell, die alle in ihren realen TV-Rollen als Moderator, Spielshowhost, Sportnachrichtenansager, Tine-Wittler-Double und Pfandleiher gezeigt werden. Während bei Pharrell & Co die schieren Ausmaße der Videoinstallation beeindrucken sollen, versucht Dylans Regisseur Heymann nebenbei auch eine Kritik am Habitus des Zappen, des permanenten Umschaltens, zu formulieren. Und mitten drin hat sogar Rapper Danny Brown einen eigenen Kanal.

Nicht wegen solcher Überraschungen fällt das Urteil leicht: Beide Projekte wurden hervorragend gemacht. Komplett angucken wird sie sich wohl kaum jemand (können). Dazu reicht schon allein die Zeit der meisten nicht.  Eher wird es bei einzelnen Stichproben bleiben oder – im Falle von »Happy« – als Hintergrundbildeinsatz für die nächste Party. Nebenbei sind es zwei schöne und kreative Statements gegen eine Zeit, in der ein Videobeitrag etwa nicht länger als drei Minuten sein sollte, damit niemand schon vorab angesichts der Spielzeit wegklickt. Doch die reine Wucht der großen Bilderschwemme kann aber auch erdrückend wirken. Schließlich besteht die Welt nicht nur aus Musikvideos.

Fast erschreckend differenziert nimmt sich da der Kitsch-Minimalismus von Kanye Wests neuem Video »Bound 2« aus, in dem er vor einem Green-Room-Wüstenhimmel mit der halbnackten Kim Kardashian auf dem Motorradtank über eine nicht vorhandene Straße brettert. Einzig allein: Selbst die wenigen Minuten sind kaum zu ertragen.

5 KOMMENTARE

  1. […] gut durchdacht. Und einfach ein großartiger Song! Das 360 Sequenzen vielleicht etwas viel sind, wie die SPEX bemerkt, stimmt zwar, aber wir suchen uns einfach alle unseren Lieblingsclip und schauen den. Meiner ist […]

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