In der Nacht zum Donnerstag starb in Hamburg 83-jährig der deutsche Theaterregisseur Peter Zadek. Mitte der Achtziger inszenierte Zadek unter großer Aufmerksamkeit der Presse das Musical »Andi« im Hamburger Schauspielhaus – mit den Einstürzenden Neubauten, die ihm die Musik hierfür lieferten. Statt eines Nachrufes gibt es an dieser Stelle ein Kapitel aus dem Buch »Nur was nicht ist ist möglich« von Max Dax und Robert Defcon, in welchem Blixa Bargeld, Mark Chung, Andrew Unruh, Alexander Hacke und einige weitere Protagonisten die gemeinsame, nicht immer leichte Zeit mit Peter Zadek rekapitulieren.

ALFRED HILSBERG Die Neubauten haben 1986 begonnen Hochkultur zu machen. Der erste Schritt in diese Richtung war »Andi« von Peter Zadek. »Andi« war sozusagen der erste Sündenfall: Das war eine gruselige, blöde Revue.
BLIXA BARGELD Die Theaterleute neigen immer dazu, die ständige Erfrischung zu brauchen und suchen sich deshalb die Kräfte von außen, die sie dann ins Theater hinein bringen. Und als genau so eine Erfrischung und Kraft von außen sind wir dort hinein geholt worden. Die Einladung von Peter Zadek an die Neubauten, in diesem Theaterstück »Andi« mitzuwirken, habe ich als erstes schlichtweg abgelehnt, nachdem ich das Script gelesen hatte. Ich fand es furchtbar. Das Stück war von Burkhard Driest. Es hatte eine Stern-Reportage von Kai Hermann zur Vorlage, welcher auch die Reportage über Christiane F. geschrieben hatte. Nun hatte er eine Anschlussreportage über so ein Kid in Hamburg, das von einem aufgebrachten Bürger erschossen worden war, geschrieben. Aus diesem Stoff, der so ähnlich war wie »Ein Mann sieht rot«, hat Burkhard Driest ein völlig verquastes Bühnenscript mit Liedtexten – die wahrscheinlich für uns gedacht gewesen waren – geschrieben. In diesen Texten reimte sich wirklich »Schnee« auf »tut weh«. Ich habe es also gelesen und abgelehnt.
ALEXANDER HACKE Wir haben »Andi« gehasst. Ich meine, das Stück war doch auch totaler Schrott: Die Basis dieser Nummer war ein Stern-Buch namens »Andi Z.« Das sollte das Nachfolgebuch zu dem Stern-Buch namens »Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo« werden. Nachdem man die Geschichte einer drogensüchtigen Jugendlichen aufgeschrieben hatte, damit sehr erfolgreich war und ordentlich Geld eingefahren hatte, haben die sich ein paar Jahre später überlegt, dass es an der Zeit für ein Nachfolgewerk sei. Und dann haben sie sich diesen Schwank von einem Hamburger Prolljungen herausgesucht, der mit seinen Freunden auf der Straße randaliert und von einem Kioskbesitzer erschossen wird. Eine wahre Geschichte. Amen. In genau derselben Aufmachung, wieder mit einem Gesicht auf dem Cover, hieß das dann »Andi Z.« und nicht »Christiane F.«. Das war schon mal scheiße. Und dann hat Burkhard Driest, so ein ganz Harter, Schauspieler und Möchtegern-Intellektueller, ein Theaterstück aus diesem Stoff geschrieben. Wirklich eine tolle Idee. Das Buch war schon so ein unglaublicher Schrott. Das Theaterstück war es umso mehr.
BLIXA BARGELD Die deutsche Theaterlandschaft war in den Achtzigern immer noch eine hochsubventionierte, abgesicherte Institution. Ich machte mir bewusst, dass ich in Berlin in einer Ein-Zimmer-Wohnung saß, die schon gekündigt war und in der der Strom nächste Woche abgestellt werden sollte. Ich machte mir bewusst, dass ich drauf und dran war ein Angebot auszuschlagen, von dem ich wusste, dass ich die nächsten Jahre davon würde leben können.Also habe ich mit Mark telefoniert und klargestellt, unter welchen Bedingungen ich »Andi« zu machen bereit wäre. Mark hat dann mit denen einen Vertrag ausgehandelt, der wirklich vom Feinsten war. Es ging nicht nur um das Geld, das wir dafür bekommen haben, sondern auch um den ganzen technischen Ablauf.
MARK CHUNG »Andi« haben wir wegen des Gelds gemacht. An die Vertragsverhandlungen ging ich als Autodidakt heran. Ich wusste, dass an den hoch subventionierten Theaterbetrieben andere Regeln gelten als in der freien Wirtschaft und hatte sogar herausgefunden, was Zadek verdient, um eine Leitmarke zu haben. Es ist immer gut zu wissen, was der Chef verdient, wenn man in seine eigenen Gehaltsverhandlungen geht.
BLIXA BARGELD Wir haben ja nie einen Manager gehabt, diese Funktion hat meistens Mark ausgefüllt. Und eines muss man ihm wirklich lassen: Er war wirklich gewieft in diesen Sachen – und ist es wahrscheinlich immer noch. Er hatte wirklich ein glückliches Händchen dafür, uns Verträge wie den für »Andi« auszuhandeln. Das war super, das machte er wirklich gut.
MARK CHUNG Ich glaube, dass junge Musiker bereits aufgrund einer ökonomischen Entscheidung zum Bassspielen kamen: Es gibt nur vier statt sechs Saiten wie an der Gitarre, man muss keine Akkorde lernen und kann mit wenigen Tönen große Wirkung erzielen – und die Mädchen bemerkten damals eh keinen Unterschied. Bassisten werden, weil sie von vornherein pragmatisch und ökonomisch geleitet sind, oft auch Band-Manager.
BLIXA BARGELD Wir bekamen ein Rehearsal-Studio in der Größe eines Kinosaals gestellt. Für das ganze halbe Jahr der Proben haben wir den Schlüssel dazu besessen. Wir konnten dort hinfahren, wann wir wollten.Wir konnten dort sowohl proben als auch aufnehmen, wir hatten eine PA, die von vom Deutschen Schauspielhaus dort hingestellt worden war und die uns praktisch die ganze Zeit zur Verfügung stand. Wir konnten immer arbeiten.Als wir in Hamburg »Andi« machten, war das eine Chefsache. Der Intendant höchstpersönlich, Peter Zadek, war zugleich der Regisseur des Stücks und steckte da eben auch all das Geld hinein, das ihm zur Verfügung stand. Der konnte es sich leisten, die Neubauten auf die Bühne zu stellen. Für das Stadttheater Offenbach ist es natürlich nicht möglich, die Neubauten auf die Bühne zu stellen. Heute schon ganz und gar nicht mehr.
ALEXANDER HACKE »Andi« wurde mit den unerschöpflichen Ressourcen des Deutschen Schauspielhauses umgesetzt. Vor einem Peter Zadek hatte man damals ja sogar noch so etwas wie Ehrfurcht. Da dachte man, das könnte ja vielleicht noch etwas werden, weil für die andere Musik immerhin noch Peer Raben, der Fassbinder-Komponist, angestellt war. Wenn schon Hochkultur, dann auch mit erstklassigen Leuten, oder? Wir waren zwar von Anfang an skeptisch, aber es war gutes Geld. Wir wussten auch, dass wir von unseren anderen Aktivitäten, also den Möglichkeiten in Japan, erst mal einen Schritt zurück treten müssten, wenn wir das Stück machen. Aber dann stellte sich schon bei den Proben heraus, dass es ganz, ganz, ganz fürchterlich werden würde. Aber wir haben es mitgemacht und auch unsere ganzen Forderungen in künstlerischer Hinsicht durchgesetzt. Wir haben da keine kleine Kammermusik gespielt, sondern mit unserem brachialen Sound weitergearbeitet. Peinlicherweise gab es als Reaktion darauf Gratis-Ohrenstöpsel vom Schauspielhaus.
MARK CHUNG Es war eine der Bedingungen, die ich vertraglich ausgehandelt hatte, dass wir die Kontrolle über die Lautstärke behielten.
BLIXA BARGELD Gleichzeitig durfte uns niemand in unsere Musik hineinreden. Wir machten einen Vorschlag, und wenn dieser nicht gefiel, ließen wir es eben sein. Das wurde immer weiter so hochgeschaukelt zwischen der Band und Peter Zadek. Er beschwerte sich darüber, dass wir zu laut wären und die Leute einen Hörsturz erleiden würden. Aber wir haben auf unseren Vertrag gepocht und darauf bestanden, dass wir unsere Musik so spielen, wie wir sie geschrieben haben, denn das stünde auch so in unserem Vertrag. Selbst wenn es am Ende überhaupt gar keine Musik von uns in dem Stück gegeben hätte, hätten sie uns bezahlen müssen. So war der Vertrag von Mark gebaut worden.
ANDREW UNRUH Wir sind keine Theaterband, aber wir haben nichts gegen Theater. Wir haben Auftritte mit unseren Lautstärkebedingungen im Theater gespielt.
BLIXA BARGELD Nur ohne das Feuer natürlich.
ANDREW UNRUH Die Bühne des Schauspielhauses sah ganz genauso aus wie eine normale Club-Bühne. Wir hatten unsere Monitorboxen, PA und Instrumente neben der Kulisse eines U-Bahn-Eingangsschildes.
BLIXA BARGELD Um uns herum jedoch waren vielleicht 20 junge Kids und Schauspieler, die von einem Choreographen angeleitet wurden, um schließlich einen Tanz zu unserer Musik aufzuführen. Der Choreograph war ein Virtuose in Capoeira, dem brasilianischen Kampfsporttanz. Diese Schauspieler nun begannen ähnlich gefährliche Dinge zu tun wie wir es taten, also mit Stahlteilen zu schmeißen und dergleichen. Das hat der Choreograph dann umgehend unterbunden, hat denen eine Predigt gehalten: »Das könnt ihr so nicht machen! Ihr verletzt euch oder andere.« Bei uns war es ja so, dass Andrew, in meinem Rücken stehend, gerne mal ein großes, schweres, mit einem Pickup versehenes Stahlteil in die Richtung von Mark Chung warf – und ich die Gefahr nicht sehen konnte. Aber sehr wohl sah ich, wie sich Mark intuitiv duckte, wie das Stahlteil über ihn hinweg strich, und wie er sich anschließend wieder aufrichtete, als sei nichts gewesen. Wir haben geradezu eine sprachlose, gestenlose Kommunikation miteinander gehabt, es ist fast nie etwas passiert, während wir miteinander spielten. Viele übernatürlich schöne Momente hat es dadurch gegeben, und keiner hat uns je geglaubt,dass diese Dinge nicht insgeheim doch abgesprochen gewesen waren. Tatsächlich war es ebenso spontan wie gefährlich. Es gab gewissermaßen ein Fluidum, das die Band miteinander verbunden hatte. Und wenn wir einmal dieses hypnotische Level erreicht hatten,dann spielten wir auch gut, dann waren wir auch gut.
MARK CHUNG Die Arbeit war im Übrigen nicht anstrengend, da wir pro Vorstellung lediglich fünf Stücke spielten, eins hieß zum Beispiel »Affenroulette«.
BLIXA BARGELD Während der Phase, in der wir »Andi« gemacht haben,begünstigt durch die Tatsache, dass wir dort mehrmals die Woche zusammengespielt haben, hat sich natürlich auch die Band sehr gut entwickelt.Vom Zusammenspiel und so weiter. Das übersieht man immer schnell, wenn man über »Andi« redet.
ALEXANDER HACKE Wir hatten eben die Möglichkeit, über den Zeitraum von mindestens einem Jahr sehr gut zu leben und zu arbeiten. Wir haben immer schon, wenn wir Auftragsarbeiten gemacht haben, die sich daraus ergebende Zeit und die verfügbaren Ressourcen mitbenutzt, um an eigenen Sachen zu arbeiten. Parallel zu »Andi« haben wir angefangen an »Fünf auf der nach oben offenen Richterskala« zu arbeiten. Der finanzielle Rückhalt war da, um das zu machen, was wir machen wollten und gleichzeitig gut zu leben. Hinzu kamen noch diese ganzen angenehmen Boni, dass man etwa mehrmals in der Woche von Berlin nach Hamburg und zurück fliegen konnte – wir hatten vom Schauspielhaus Freiflugtickets in rauhen Mengen erhalten.
BLIXA BARGELD Aus dieser Erfahrung und diesem Zusammenspiel hat sich letztlich das Album »Haus der Lüge« entwickelt. Das Stück selbst zwar nicht, aber zum Beispiel ist das, was später zu »Feurio!« wurde, direkt aus diesem »Andi«-Stück heraus entstanden. Der Song war eigentlich schon ein Bestandteil der Aufführung und hat sich dann im Studio nur noch ein bisschen weiterentwickelt.
ANDREW UNRUH Für diese Theaterproduktion entstand das Stück »Feurio!«, das 1986 zunächst »U-Bahn« hieß, weil es eine U-Bahn-Szene im Stück abschloss. Erst vier Jahre später wurde es zu »Feurio!«. Es wurde entwickelt mit einem teurenSampler, den Mufti vom Theater gestellt bekommen hatte. Er verwendete in dem Song das Startergeräusch einer Leuchtstoffröhre. Denn das Gerät machte auch Sounds, die man eigentlich nicht hören konnte, hörbar. Und die haben wir dann verstärkt.
BLIXA BARGELD Als dann die erste Spielzeit abgeliefert war und unser Vertrag auslief, hat es Mark tatsächlich geschafft, für die ganze nächste Spielzeit unsere Gage zu erhöhen.Das lief also alles wunderbar.
ALEXANDER HACKE Wir haben sehr viel Geld mit »Andi« verdient. Wir haben eine Probenpauschale und eine Abendgage bekommen. In der zweiten Spielzeit haben wir dann die Abendgage sogar noch verdoppelt bekommen und noch mehr Flüge gekriegt. Wir waren plötzlich in der Lage, Leute einfach mal für einen Abend nach Hamburg einzufliegen.
BLIXA BARGELD Fast ein Jahr lang oder noch länger bin ich zwischen Berlin und Hamburg hin und her geflogen. Mit den Jets der PanAm, die gab es damals noch, diese Flugverbindung war super.
ALEXANDER HACKE Bis dahin war es ja so gewesen, dass wir uns gewissermaßen ins Fäustchen gelacht hatten, wenn wir mal anständig für etwas bezahlt wurden. Als hätte man soeben einen genialen Betrug zustande gebracht.
ANDREW UNRUH »Andi« haben wir jede Woche in Zweier- oder Dreier-Blocks gespielt. Für uns war es der reinste Pendelverkehr zwischen Hamburg und Berlin – zum Schluss hatten wir insgesamt um die 100 Vorstellungen gespielt. Bis dato hatten wir uns nie groß Equipment gekauft. Auch keine sonderlichen Investitionen getätigt. Mufti hat sich mit dem Geld aus »Andi« Apple-Computer und Aufnahmeequipment gekauft.
BLIXA BARGELD Für mich war es das erste Mal in meinem erwachsenen Leben, dass ich über ausreichend finanzielle Mittel verfügte, so dass ich ganz normal leben konnte. Ohne mir Gedanken über Miete oder dergleichen machen zu müssen. Es war das erste Mal, dass ich mir anstatt eines gebrauchten Fernsehers aus einem Secondhand-Laden einen neuen Fernseher und gleich noch einen Videorecorder dazu kaufen konnte. Ich habe das Geld bar auf den Tisch gelegt und hatte danach trotzdem nicht weniger. Ich hatte genug Geld.
ANDREW UNRUH Ich habe mit dem verdienten Geld erst mal den Führerschein gemacht.Außerdem habe ich meine Wohnung auf Vordermann gebracht und mir auch sonst ein bisschen was geleistet. Was man halt so mit Geld macht, wenn man es hat.
ALEXANDER HACKE Ich habe da eine Kohle verprasst, das kann man eigentlich niemandem erzählen.
MARK CHUNG Wir haben Drogenprobleme gekriegt, weil wir zu viel Geld und zu wenig zu tun hatten.
FM EINHEIT In der Zeit, in der wir »Andi« machten, haben wir relativ dekadent gelebt.Wir sind rumgehangen, haben Drogen genommen, sind gut essen gegangen, zwischen den Städten hin und her geflogen – und ich habe eine Tochter bekommen.Das war ein Bruch.Von da an war ich nur noch wenig an all diesen Dingen interessiert.Ich interessierte mich nicht für die Filme, die Blixa und Alex sich permanent ausgeliehen haben, und ich nahm immer weniger Drogen. Hamburg war insgesamt einfach eine sehr unkreative Zeit. Und damit auch sehr unbefriedigend.
BLIXA BARGELD Ich habe mir mit Alex eine Wohnung geteilt, die hinterher komplett renoviert werden musste, eil wir sie quasi kaputt gewohnt haben.
ALEXANDER HACKE Das war eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Schmilinskystraße auf St.Georg.
BLIXA BARGELD In dieser Zeit haben wir sehr viel Video-Hunting betrieben. Nur Originalversionen.
ALEXANDER HACKE Anfang der achtziger Jahre habe ich damit aufgehört, mir Platten zu kaufen, weil ich gegen die Musikindustrie war und die Kassette die Alternative zu Vinyl darstellte. Bis »Andi« Geld in die Kassen zu spülen begann, habe ich eigentlich während all der Jahre Musik fast ausschließlich auf Kassetten konsumiert und verbreitet. Dann aber gab es plötzlich dieses Geld, und ich kaufte mir meinen ersten CD-Spieler. Ich fing an, total in dieses neue Medium CD einzutauchen. Zeitgleich begann Blixa damit ganze Filmarchive anzulegen. Mit Filmen in Originalversionen. In jeder Videothek, die Originalversionen hatte, haben wir uns Videos ausgeliehen. Wir hatten mehrere Videorecorder, manchmal bis zu sechs Stück gleichzeitig, und haben uns auf diese Weise Tapes gezogen, Kopien für den Eigengebrauch gemacht.
BLIXA BARGELD Wir hatten zu Hause zwei Videorecorder und konnten somit Filme kopieren.Wir haben systematisch die Originalversionen ausgeliehen und dann kopiert.Das waren haufenweise Filme.Viele davon habe ich immer noch in einer großen Kiste mit der Aufschrift ›VHS‹ zu Hause aufbewahrt.Wir haben alles kopiert, das gut war und das man irgendwie kriegen konnte.
ALEXANDER HACKE Zu dieser Zeit versuchten wir uns ständig zu übertrumpfen.Wenn einer von uns beiden einen guten Film ausgegraben hatte, musste der andere am nächsten Tag drei noch bessere und seltenere Filme präsentieren. Wir haben zum Beispiel die Originalversion von »Badlands« aufgetrieben, oder auch »The Killer Inside Me« und »Out Of The Blue«. Heute bekommt man die in jedem Kaufhaus, aber damals war das immer eine lange Recherche. Man musste Videotheken finden, die erstens diese seltenen Filme und diese zweitens auch noch in der Originalversion hatten. Der Originalton war uns enorm wichtig, denn in Deutschland werden die Filme immer von derselben Gang von vielleicht 15 Schauspielern synchronisiert. Das ist die Rache der Deutschen am verlorenen Krieg, wie man so schön sagt.Obwohl diese Synchronisation auch etwas für sich haben kann: In meiner Kindheit habe ich viele synchronisierte Filme, die im Fernsehen liefen, im Halbschlaf auf dem Sofa liegend gesehen. Wenn man damit aufgewachsen ist, erlebt man diese Synchronisation noch mal auf einer ganz anderen Ebene. Allerdings geht es bei Originalen auch darum, die Zusammenhänge in der eigentlichen Sprache verstehen zu lernen, die Sprache selbst zu lernen.
BLIXA BARGELD Wir haben damals, als wir »Andi« gemacht haben, eine ganz schön lange Zeit in Hamburg verbracht. Das Stück lief eine ganze Weile, und wir hatten in dieser Zeit auch nicht so unglaublich viel zu tun.
ALEXANDER HACKE Eine typische Woche 1987 in Hamburg sah dann so aus, dass ich, sagen wir mal: am Montag nach Berlin zurückgekommen und losgezogen bin, mir Drogen gekauft und mich fürchterlich besoffen habe. Am nächsten Tag bin ich aufgewacht und gleich nach dem Frühstück ins Videodrom in die Zossener Straße gefahren, wo ich mir zehn Filme ausgeliehen habe. Die wurden dann kopiert, und ich habe mich weiter zugeballert. Die Filme habe ich mir dabei gar nicht angeschaut! Ich habe einfach erst mal alle auf Halde aufgenommen. Danach habe ich sie wieder zurückgebracht und weiter Drogen genommen. Dann ist man Mittwoch wieder nach Hamburg geflogen und hat dort, wieder im Vollrausch, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag Shows gespielt. Ich weiß nicht wie und in welchem Zustand wir das überhaupt hinbekommen haben. Dann sind wir wieder nach Berlin geflogen und haben da weiter Party gemacht.Das ging monatelang so. Ich habe damals noch nicht einmal ein Bankkonto gehabt! Das lief alles auf Bargeldbasis. Ich weiß noch, wie ich manchmal zum Telefonhörer griff und Chung anrief: »Bring doch mal noch ein paar Tausender mit.«
BLIXA BARGELD In Kreuzberg wohnte Alex mit Mufti zusammen, und in Hamburg wohnte Alex mit mir zusammen. Nach den Proben flogen wir manchmal wirklich geschlossen zurück nach Berlin, nur um in dem ersten Flugzeug am nächsten Morgen wieder zurückzukehren: Mufti,Andrew,Alex und ich, 7:15 Uhr, Flug von Tegel nach Hamburg. Und vom Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel sind wir dann alle mit halboffenen Augen direkt ins Theater gefahren. Das haben wir sehr oft so betrieben.
ALEXANDER HACKE Bei »Andi« haben wir das Spiel auf die Spitze getrieben, indem wir erforschten, wo die Grenze liegt, in welchem besinnungslosen Zustand man seinen Job noch machen kann. Das war dann das andere Extrem: Wir haben gemacht,was wir gehasst haben. Wir haben zwar noch immer unsere Musik gespielt, aber in einem Zusammenhang,der eigentlich für uns unerträglich war.
ANDREW UNRUH Das hatte damals auch Peter Zadek sofort erkannt: Der wusste sofort, dass wir ultra-diszipliniert sind. Das muss aber auch so sein. Das geht doch gar nicht anders in einem Theaterbetrieb. »Andi« war zum ersten Mal Akkordarbeit für die Neubauten. Die Aufführung beschäftigte um die 50 Leute allein auf der Bühne. Es war eine dreieinhalbstündige Theaterproduktion. Wir verdienten gut Geld, das war okay, wir sind da schon auf unsere Kosten gekommen. Wir haben uns in Hamburg aber auch öfters gelangweilt, vor allen Dingen während der dreimonatigen Probezeit.Man musste sich trotzdem involvieren, zu einer bestimmten Uhrzeit am Start sein und konzentriert arbeiten. Das Stück war eher zweifelhaft, aber wir arrangierten uns. Es wurde dann mit der Zeit durch die Wiederholung stressig. Routine, Arbeit und Stress sind aber Elemente, die wir als Band natürlich von Anfang an kannten. Warum sollten die Neubauten davon verschont bleiben? Routine gehört zur Professionalität.
MARK CHUNG Wir waren gewohnt, jedes Konzert anders zu spielen. Im Theater hingegen passiert alles auf Stichwort. Immer das Gleiche. Die Routine war zermürbend. Die Tage verschwommen. Man wusste nicht, ob es Donnerstag war oder Dienstag. Man ist am selben Ort, es fällt dasselbe Stichwort. Wir haben trotzdem versucht, in den vier Minuten, die man nach dem Stichwort dran war, alles zu machen, was man machen konnte. Dann war man gerade ein bisschen warm und musste wieder 23 Minuten in den Gängen rum sitzen bis zum nächsten Stichwort.
FM EINHEIT Peter Zadek hatte uns praktisch für ein Jahr ausgeliehen, wir wurden zu Auftragsmusikanten und haben in dieser ganzen Zeit eigentlich überhaupt nichts gemacht, außer schwachsinnigen Shows zu spielen. Für jede andere Band wäre das sicherlich ein Fressen gewesen, weil es nicht nur das Geld gab, sondern uns auch all die Möglichkeiten einer voll eingerichteten Probebühne zur Verfügung standen, mit einer eigenen PA und allem, was du so zum Aufnehmen brauchst. Wir hätten dort in dem einen Jahr zehn Alben aufnehmen können, ohne dass wir etwas hätten bezahlen müssen. Aber durch das viele Geld, das wir in Hamburg verdienten, waren wir korrumpiert und träge geworden. Das Muster war einfach: Weil das Geld da war, brauchten wir keine Platten mehr aufzunehmen. Wir hatten keine Lust dazu. Es war schon nervig genug, jeden Abend da anzutanzen und den Scheiß runter zu spielen. In dieser Hamburger Zeit versiegte in uns die Lust zu forschen, zu probieren und die Dinge herauszufordern.
ALFRED HILSBERG Meiner Meinung nach sind die Einstürzenden Neubauten zu früh ein Teil der Hochkultur geworden.
MARK CHUNG Wir sind zu früh Hochkultur geworden? Wofür zu früh? Die meisten Bands, die Hilsberg auf seinem Label hatte, gab es gar nicht mehr, als wir »Andi« spielten. Wenn es einen Sündenfall gab, dann war es Palais Schaumburg, nicht die Mitwirkung der Neubauten bei »Andi«. Ich habe ohnehin keine Probleme mit Hochkultur. Ich würde Hochkultur auch nicht unbedingt mit Spießigkeit in Verbindung bringen. Punk kann man auch spießig betreiben. Zur Erinnerung: Es waren Punks, die uns zu Anfang mit Bierdosen bewarfen, weil sie zu engstirnig waren.
BLIXA BARGELD In Interviews wird immer wieder die Frage nach den Neubauten in Verbindung mit dem Theater aufgerollt. Es gibt die Neubauten jetzt seit 25 Jahren. Und in diesen 25 Jahren haben die Neubauten mit »Andi« und »Faust: Mein Brustkorb, mein Helm« zwei Theaterstücke gespielt. Das macht ein Theaterstück alle zwölfeinhalb Jahre. Das rechtfertigt es nicht, die Neubauten immerfort mit Theater in Verbindung zu bringen. Als ich für »Andi« ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg kam, hatte ich seit der Schulzeit kein Theater mehr von innen gesehen. Die letzte Aufführung war der »Prinz von Homburg« von Kleist im Westberliner Schillertheater gewesen – als ich noch mit Andrew aufs Gymnasium ging. Ich kannte Theater seitdem nur als ausrangierte Aufführungsstätten oder als Bühnen, auf denen ich mit einer Rockband gespielt habe. Theaterstücke hatte ich aber seitdem nicht mehr gesehen.
ANDREW UNRUH FM Einheit ist im Theaterkontext danach dann sehr aufgegangen.
BLIXA BARGELD Mufti hat sehr von »Andi« profitiert, er hat Gefallen am Theater gefunden und sich sehr in die Theatermusikschiene reingehängt und schreibt seitdem sehr viele Auftragsarbeiten.Er hat viel mehr mit Theater zu tun,als irgendjemand sonst von uns.
FM EINHEIT Es hat sich dann so ergeben, dass ich seit Beginn der neunziger Jahre viele Sachen am Theater gemacht habe. Ich habe ganz bewusst nach einer anderen Herausforderung für mich gesucht, da es mit den Neubauten so langsam voran ging. Ich interessierte mich nicht dafür solistisch zu arbeiten, sondern brauchte eine neue Art von Gegenüber. Egal, was dieses Gegenüber ist, es kann sich um einen Text, um einen Sänger, um einen Schauspieler, um ein Theaterstück oder einen Film handeln. Es ist unwichtig, was es ist. Sich mit anderen Menschen und einer anderen Gedankenwelt zu beschäftigen, das meine ich mit einem Gegenüber. Irgendetwas, das ich nicht kenne, damit ich nicht einschlafe, denn sonst ist alles recht schnell langweilig.
ALEXANDER HACKE Das Stück war immer ausverkauft und sollte auf eine dritte Spielzeit verlängert werden. Da haben wir die dreifache Gage, Erste-Klasse-Flüge und die Hans-Albers-Suite, die sich über das gesamte Obergeschoss des Hotel Atlantik erstreckt, verlangt. Das konnten die sich glücklicherweise nicht leisten, und damit war das Kapitel »Andi« beendet.
BLIXA BARGELD Nachdem unser Gastspiel in Hamburg beendet war, kam ich zurück nach Berlin, in die Wohnung meiner Freundin, denn eine eigene Wohnung hatte ich immer noch nicht. Auch dort kaufte ich dann einen Fernseher. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich jetzt wohl von der Musik lebte.
ALEXANDER HACKE Für mich fing der ganze Ärger wieder an, denn die Steuer war aufgrund meines hohen Einkommens durch »Andi« auf mich aufmerksam geworden. Aber weil ich permanent drauf war, konnte ich mich in diesem Zustand überhaupt nicht um den ganzen Papierkram kümmern und habe das einige Jahre lang schweifen lassen. Beim Anblick der Stapel von ungeöffneten Briefen dachte ich nur: „Um Gottes Willen, ich gehe lieber etwas trinken.“ Monatelang zog sich das so hin, es war fürchterlich. Danach habe ich sechs Jahre gebraucht, um finanziell wieder auf null zu kommen.
BLIXA BARGELD Man möchte meinen, dass uns dieses Stück viele Türen geöffnet hätte, aber erstens weiß ich nicht, ob es die richtigen Türen waren, die uns tatsächlich offen standen, und zweitens vermag ich schwer beurteilen, ob uns das letzten Endes etwas genützt hat. Es ging damals einmal kurz ein aufmerkendes Raunen durch den Blätterwald, wir wurden wahr- und auch ernst genommen. Doch von da an wurden wir auch abgekartet – was bis heute noch so läuft. Es ist einfach nicht wahr, dass wir damals zu den Lieblingen des Feuilletons wurden.
ANDREW UNRUH Durch die Zusammenarbeit mit Zadek und später Heiner Müller haben wir eine ganz andere Resonanz bekommen. Plötzlich nahm man uns nicht bloß in der Spex wahr, sondern auch ausgiebig in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen.