Peter von Poehl

Die Kunstakademie lässt grüßen. Gewollt mies fotografiertes Portrait im offenen Mantel, aus dem das weiche Futter hervorguckt. Schaf-im-Wolfspelz-Look. Hinter Peter von Poehl weisen hunderte von Pfeilen in ebenso viele Richtungen. Wir haben es hier mit einem Ausschnitt aus dem »Arrow Drawing« zu tun, Künstlerin: Charlotte von Poehl. Dann wird die Playtaste gedrückt und als hätte man’s geahnt, gibt’s dumpfen Schlurfbeat, hohe Konzertgitarre und eine Kopfstimme, die auch dem Klon des ganz ganz späten John Lennon entfahren könnte. Bei aller Liebe, da stellt sich der Gehörgang etwas auf Standby. Es gibt soviel, was man nebenbei tun kann: Internetrecherche, Abwasch… Aber dann wirft der wahlberlinernde Mustereuropäer von Poehl seine Angel aus und der studierte Musikwissenschaftler mit deutschschwedischen Eltern und etlichen Produzentenmeriten in Paris zieht einen zurück ans Land.
    Man ist geködert von dem irren Bläsersatz in »Virgin Mountain«: ein in den tiefsten Lagen treibendes Ostinato, wahrscheinlich aus Tuben und Jagdhörner; darüber zwei dissonante Saxofone und noch mal darüber, nicht mal halb so schnell eine Melodie aus der Synthie-Trompete! Ob man da was verpasst hat? Zurück zum ersten Stück: »Going To Where The Tea Trees Are«. Überhaupt: Teebäume kommen aus Australien. Ahnte von Poehl, dass seine Scheibe, erstmal von sich geworfen, zurückkommt wie ein Bumerang? Oder preist er doch nur das alternative Heilmittel Teebaumöl, mit dem man seine gereizte Hautoberfläche so übel riechend, wie nachhaltig beruhigen kann? Schon beim zweiten Hören zeigt sich, wie sich unter der porentief reinen Oberfläche geschickt ein Instrument über das andere schiebt, da taucht ein Harmonium auf, scheint wieder zu verschwinden. Nein, ganz hinten im Mix brodelt es noch und nachdem der John Lennon da vorn am Mikro seinen Milch-und-Honig-Gesang ausgesetzt hat übernimmt ein Altsaxofon noch mal seine Melodie. Und aus.
    Fein gebauter, hintersinniger Kuschelfolkpop über die Distanz einer ganzen CD. Nunja, beinahe: »Scorpion Grass« geht vorüber, als sei nichts gewesen. Dafür treibt von Poehl gleich danach in »The Story Of The Impossible« ein hübsch selbstironisches Spiel mit dem eigenen Stimmumfang, schraubt sich im Refrain eine Oktave zu hoch, ausgerechnet beim Wort »Impossible«, fällt zurück in seine bequemere Stimmlage und überlässt einem lässigen Flötespiel die für ihn zu hohe Melodie.
    Fragt sich noch, ob von Poehls kolportierte Produzententätigkeit für Michel Houellebecq irgendwelche Spuren hinterlassen hat. Verklemmte Sexfantasien? Wird wunderbar viel geblasen auf dieser Platte aber: Nö! Kulturpessimismus? Gern. Nur mit Humor statt Larmoyanz. »Global Conspiracy« beginnt schön unterproduziert, mit Drums wie aus der zweiten Stunde Musikschule und wirft textlich der globalen Verschwörung vor, einem das Gefühl der Machtlosigkeit zu geben, statt einen machtlos zu machen. Und der Eintagsmenschensong »Little Creatures« möge bitte auch von jenen zumindest nachgelesen werden, die John Lennon Stimmen auf den Tod nicht ausstehen können. Danke.

LABEL: Herzog Records

VERTRIEB: Edel

VÖ: 30.03.2007

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