Peter Silberman „Impermanence“ / Review

Tinnitus und Weltwunderstimme: Antlers-Frontmann Peter Silberman vertont auf seinem Solodebüt Impermanence die eigene Krankenakte – vom Nullpunkt bis zum Neustart.

„I’m too terrified to speak“, klagte Peter Silberman herzerweichend auf Hospice, dem 2009 erschienenen dritten Album seiner Band The Antlers. Fünf Jahre später, noch vor der Veröffentlichung von Familiars, traute er sich dann kaum noch zu sprechen: Ein Tinnitus von der Wucht der Niagarafälle und eine temporäre Taubheit auf dem linken Ohr hatten dazu geführt, dass selbst der Klang seiner eigenen Stimme unerträglich wurde.

Silberman zog vom lärmenden Brooklyn ins ruhigere Upstate New York und schwieg. Seine persönlichen Niagarafälle schlossen sich ihm irgendwann an, und er begann, wieder Songs zu flüstern, zunächst nur begleitet von einer zart nylonbesaiteten Akustikgitarre. Diese einsame Grenzerfahrung musste er konsequenterweise auch musikalisch alleine verarbeiten: Silbermans Solodebüt Impermanence ist eine hochgradig entschleunigte, minimalistische Meditation über die Fragilität jeglicher Existenz und gleichzeitig das anrührende Protokoll eines langwierigen Genesungsprozesses. Dass bereits die instrumentale Ambient-Exkursion seiner 2013 aufgenommenen, aber erst 2016 veröffentlichten EP Transcendless Summer im Slow-Motion-Modus stattfand, erscheint in der Retrospektive geradezu prophetisch.

Alles wirkt so natürlich, dass man sich über sporadisches Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Grillenzirpen gar nicht erst wundert.

Und auch wenn die sechs neuen Stücke, die sich hauptsächlich um eine schwerelos mäandernde Gitarre ranken, in ihren Arrangements und den mantraartig vorgetragenen Texten ausgesprochen intuitiv wirken, überlässt der Künstler nichts dem Zufall. „I need your name, Karuna“, verkündet er gleich zu Beginn seiner Ode an das Sanskrit-Wort für „Mitgefühl“. In „New York“, dem urbanen Sinnbild für steten Wandel, wartet paradoxerweise eine beeindruckende Ruhe. Alles wirkt so natürlich, dass man sich über sporadisches Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Grillenzirpen gar nicht erst wundert. Über Silbermans Jeff-Buckley-Stimme allerdings schon, immer wieder. Im Album-Abspann ertönen noch einmal die besänftigten Niagarafälle. Das mit dem inoffiziellen achten Weltwunder kommt hin.

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