Peter Bjorn And John Seaside Rock

Wer als Arbeiter im industrialisierten England des ausgehenden 19. Jahrhundert funktionierte, der wusste den Tagesausflug ans Meer zu schätzen – näher an ein Urlaubsgefühl kamen in den Knochenmühlen des Kapitalismus die wenigsten. In den Seebädern von Brighton und Hastings naherholte sich die geschundene Arbeiterseele, für die Daheimgebliebenen kaufte man als Souvenir »Seaside Rock«. Die aus Zucker und Glukose bestehende, in zylindrische Form gepresste Hartsüssigkeit trug dabei stets den Namen des betreffenden Seebads im Inneren, die Erinnerung blieb somit auch nach den ersten Bissen erhalten. Biss braucht man auch für das neue Peter, Bjorn And John-Album. Die drei Musiker der schwedischen Gitarrenpop-Band haben ihre vierte Platte nun »Seaside Rock« genannt, es heißt, man wolle sich damit mit der eigenen Herkunft auseinandersetzen: ein auf stehendem Gewässer Steinhüpfen spielender Junge als Artwork, die Titel der rein instrumentalen Stücke sowie drei eingestreute, in verschiedenen schwedischen Dialekten erzählte Anekdötchen sollen’s als Klammer richten. Aber selbst beim besten Willen lässt sich dadurch in »Seaside Rock« nun kein explizites Schwedenalbum heraushören.

    Musikalische Vielfalt und gezielten Dilenttantismus findet man: Schlagzeug, Rasseln, die altbekannte Steeldrum, Synthies aller Formen und Farben, Bassgitarre, Blockflöte, Klavier, Cembalo, Trompeten und Harmonika rangeln während der rund vierzig Minuten um Aufmerksamkeit, oft wählte das Trio dabei für einzelne Tonspuren absichtlich das erste unsauber gespielte Take aus. Der Opener »Inland Empire« erinnert mit seinem wieder holt auftauchenden elektronischen Maschinengroove und der zitternd gespielten Ukulele an einen Bastard aus Portisheads »Machine Gun« und dem Kinderchor aus »Dirty Harry« der Gorillaz – nur eben ohne Gesang. Schon nach dem ersten Stück wird deutlich: Es geht auf diesem Album mehr um den Groove des Ganzen denn um ein konkretes Thema.

    Auf »Seaside Rock« wurde zudem auf Hits wie »Young Folks« verzichtet – auch wenn zur Mitte des Stücks »Needles And Pills« zwischen Bloody-Valentine-Geschrubbe und Grundschulorchester-Instrumentierung und -Talent wieder die gute alte Pfeiferei ausgepackt wird. Alle Stücke – besonders das völlig verschleppte »Favour Of The Season« und das vom Harfenspiel und Möwengeschrei unter malte »Norrlands Riviera« samt müde gesprochener Erzählung einer älteren Friseuse aus dem nordschwedischen Piteå – mäandern dahin, schieben eine vertonte Ahnung vom Leben an der See vor sich her. Viel Gelecke, wenig hastiges Naschen: »Seaside Rock« ist ein netter Dauerlutscher.

LABEL: Wichita / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 24.11.2008

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