Pete Doherty: »Ich war konstant beschäftigt mit diesem Autsch!«

Pete Doherty FOTO: Kevin Westenberg

»Wir hätten nicht den Hauch einer Chance!« Die Babyshambles sind ab heute wieder auf Tour. Bei seinem letzten Besuch im Sommer sprach Peter Doherty im Interview mit SPEX über Freiheit, Schmerz und einen möglichen Krieg der Band gegen die US-Regierung.

Ein weicher Körper. Haarlos und etwas käsig, teigig fast. Peter Doherty sitzt in einem Backstage-Container, nur ein Handtuch über den nackten Schultern, aber eine Riesengeschwulst im Gesicht, die seine gesamte Erscheinung verzerrt: Kieferentzündung. Ihm gegenüber Gitarrist Mick Whitnall, beide spielten mit den Babyshambles eben noch einen großen Festivalauftritt beim Melt! voll verstolperter Energie – so wie man ihn erwartet von dieser Band und von ihrem Sänger, der die Rockstarrolle mit erschreckender Konsequenz und Leidenschaft performt. Doherty zündet seine Zigarre nochmals an und beginnt, von Instinkt, Weltverschwörung und Vagabunden zu erzählen.

Mister Doherty, wie geht es Ihnen?

Peter Doherty: Oh, mein Gott! Können Sie die Entzündung sehen? Ich fühle mich wie ein verdammter Elefantenmensch. Es ist schlimm.

Haben Sie den Auftritt eben trotzdem genossen?

PD: Ja, das habe ich. Eine Stunde und fünf Minuten mit den Babyshambles auf der Bühne genieße ich immer, besonders vor deutschem Festivalpublikum. Ein tolles Publikum, finde ich, sehr empfänglich. Nein? Sie sehen nicht überzeugt aus.

Ich habe das Konzert von der Bühne aus verfolgt, am äußeren Rand, und konnte das Publikum kaum sehen.

PD: Das Publikum war großartig. Das ist das Wichtigste. Man zehrt davon. Ich habe die Reaktion der Menschen gesehen, sie waren irre, es hat ihnen gefallen.

Aber hat es Ihnen denn gefallen, mit diesen Schmerzen?

PD: Mein Kiefer leidet Höllenqualen. Vielleicht habe ich es heute nicht so sehr genossen, aber sobald ich sehe, wie andere Leute reagieren, beginne ich mich zu verändern. Ich verwandle mich in ein riesiges Insekt, wie bei einer kafkaesken Metamorphose.

Was für ein Insekt?

PD: Ein Schlurfinsekt! Mit sechs Beinen. Nein, Entschuldigung, sieben Beinen.

Kann Schmerz einen Auftritt besser machen?

PD: Wissen Sie was? Ich glaube, das tut er. Ich denke, man ist dann so sehr mit dem Schmerz beschäftigt, dass die eigene Natur die Performance übernimmt. Wenn man die Kontrolle an sein wahres Wesen abgibt, an seinen Instinkt und nicht an seinen Intellekt, dann wird es normalerweise – ich weiß nicht – gesünder. Ich glaube, es war eine gesündere Show heute Nacht, instinktiver. Ich war konstant beschäftigt mit diesem (greift sich an die Backe) – autsch! Jedes Wort war schmerzhaft.

Verleiht Ihnen das auch eine gewisse Energie?

PD: Ich glaube ja. Es ist wie bei konservativen englischen Parlamentariern: Sie müssen gepeitscht werden, um sich ausdrücken zu können.

Mick Whitnall: Ich habe versucht, nicht daran zu denken. Ich war so nervös. Es ist, wie du sagst: Wenn ich nicht daran denke und einfach spiele, liebe ich es. Aber heute habe ich an jedes kleinste Detail gedacht, es hat mich verrückt gemacht.

PD: Wir haben so lange darauf gewartet, diese Konzerte zu spielen, in Nancy, in Deutschland, nächste Woche in Australien. Wir haben uns so darauf gefreut, dass sich doch ein wenig Druck aufgebaut hat. Aber wir sind verdammt froh, hier zu sein, auf eine Art, wie wir es früher nie waren. Wir haben alles lange Zeit als ganz selbstverständlich gesehen, so auf die Art: Wir können immer überall auftauchen und spielen, yeah, wir sind die Babyshambles! Wir sind die Könige der Welt! Aber in Wahrheit – nein, nun ist die Zeit gekommen, etwas demütiger zu sein.

Sie meinen, man muss konstant arbeiten, sich immer wieder neu aufraffen.

PD: Oh, das tun wir! Wir haben immer weitergearbeitet. Die Jungs kamen nach Paris, wir haben geprobt. Wir sind eine tighte Band.

Trotzdem sind seit der Veröffentlichung des letzten Babyshambles-Albums sechs Jahre vergangen.

PD: Ihr Haar sitzt unglaublich gut!

Interessant, dass Sie das sagen. Wissen Sie, ich vertraue Friseuren nicht.

PD: Das sollten Sie auch nicht!

Aber ich wollte Sie fragen, ob Sie Ärzten vertrauen. Wurden Sie heute von einem Arzt untersucht?

PD: Ein deutscher Arzt kam für eine Visite, ja. Er hat mir Antibiotika gegeben, was soll man machen, er wollte die Geschwulst nicht anstechen. Aber vertrauen Sie mir: Sie wird aufbrechen, und es wird für alle Beteiligten grausam werden. Ich habe große Schmerzen, ich bin nicht glücklich, ich darf nicht trinken – sehen Sie, ich habe nur ein Schlückchen Bier genommen. Normalerweise wäre ich jetzt gar nicht in der Lage, ein Interview zu geben. Ich wäre total besoffen.

Dann habe ich ja Glück!

PD: Oh ja, vermutlich. Das könnte ein sehr interessantes Interview werden, da ich auf Antibiotika bin.

Ich wollte Sie nach Freiheit fragen.

PD: Liberty!

Vor allem danach, was Freiheit in unserer Zeit bedeuten kann. Wenn ich nicht falsch liege, ist George Orwells 1984 eines Ihrer Lieblingsbücher.

PD: Ja, ich liebe dieses Buch. Ein etwas deprimierendes Buch allerdings.

Dieser Tage ist wieder oft die Rede davon, dass Orwells Vision Wirklichkeit geworden sei.

PD: In gewissem Sinne ist sie das. Abgesehen davon, dass der Staat nicht von unseren Kindern Besitz ergriffen hat, wie es im Roman passiert. Im Buch haben wir Angst vor unseren Kindern, aber so weit ist es nicht gekommen. Kinder sind im Gegenteil die letzten verbliebenen Menschen, auf die wir uns verlassen können. Das Schulsystem ist heute derart kaputt. Vereinfacht gesagt: Wer kein Geld hat, um dessen Kinder kümmert sich die Regierung nicht. Man kann Kindern also auf eine Art vertrauen, wie man ihnen in 1984 nicht vertrauen könnte. Ich vertraue meinen Kindern.

Bedeutet Freiheit heute also etwas vollkommen anderes?

PD: Ja. Bei Orwell gibt es eine Elite, die wir im Roman nicht sehen. Aber die Elite unserer Zeit ist absolut sichtbar, man kann über sie in den Boulevardblättern lesen. Dieser Lebensstil, der Glamour, der Kult um Celebrities – das wird alles beworben. Im Grunde heißt es: Du kannst frei sein, du kannst glücklich sein – wenn du reich und schön bist. Das ist das Übel unserer Gesellschaft. Es hat nichts damit zu tun, ob jemand intelligent ist oder ein großes Herz hat oder eine Seele. Wenn man Geld hat und hohe Wangenknochen, dann ist man etwas wert.

Wie gehen Sie selbst damit um?

PD: Oh, es macht mich krank. So gehe ich damit um. Und ich versuche, das von innen her zum Einsturz zu bringen.

Sie sind mitunter auch in der Boulevardpresse …

PD: Ich bin nicht in der Boulevardpresse. Ich lebe in Paris.

… Sie sind schön …

PD: Oh! (springt auf) Oooh! (umarmt den Interviewer und küsst ihn) Sie denken, ich bin schön, aber wenn Sie eine Liste mit all meinen physischen Attributen anfertigen würden, würden Sie merken, dass das nicht stimmt. Sehen Sie mal hier, meine Zähne sind im Arsch. Ich habe schlechte Haut. Mein Kopf ist voller grauer Haare. Ich bin nicht schön.

Aber ich bitte Sie!

PD: Nein, nein. Sie sind befangen. Die haben es geschafft, Sie mit genügend Propagandagewichse vollzupumpen.

MW: Ich war sehr an Politik interessiert, als ich jünger war. Aber ich habe aufgehört, mich damit zu beschäftigen, weil es mich verrückt machte.

Sie beschäftigen sich überhaupt nicht mehr damit?

MW: Ich war weit linksorientiert. Jede kleine Facette des Lebens – sich etwa einen Mars-Riegel zu kaufen – führte in letzter Folge zu der Erkenntnis, dass irgendwo jemand dafür gestorben war. Das hat mich irre gemacht, und ich habe beschlossen, das völlig zur Seite zu schieben. Aber vor kurzem hat Peter mir etwas über die Anschläge auf die Twin Towers erzählt.

PD: Nämlich, dass die amerikanische Regierung dafür verantwortlich ist und dass das in 50 Jahren alle verstehen werden. Es ist so deprimierend, daran zu denken. Aber man kann sich die Fakten nicht ansehen, ohne überzeugt zu sein. Es ist physikalisch unmöglich, dass dieses Gebäude einstürzte, weil ein Flugzeug in der 25. Etage einschlug. Das macht einen verrückt, die verdammten Bastarde!

MW: Sie tun das ihrem eigenen Volk an, damit die Leute richtig Schiss haben, damit sie mit ihnen machen können, was sie wollen.

Ich kenne diese Theorien. Deswegen haben Sie sich vollkommen von Ihrem politischen Interesse abgewandt?

MW: Nun, ich habe wieder begonnen, die Dinge anders zu betrachten.

PD: Was soll man machen? Das einzige, was uns, dem Volk, mit diesem Wissen zu tun bleibt, ist, der amerikanischen Regierung den Krieg zu erklären. Aber wie soll man das machen? Die Babyshambles gegen die amerikanische Regierung! Wir hätten nicht den Hauch einer Chance, mein Freund.

Ist Rock’n’Roll denn eine Art von Krieg, von Attacke?

PD: Nein, nein, nein. Ja, ja, ja, ist es. Aber es ist eine Art von Krieg und eine Kunstform, die dir fünf Minuten Zeit erkauft. Sie gibt dir – (spielt Luftgitarre) Baba baba badaba – fünf Minuten, um deine Miete und deine Rechnungen zu bezahlen und kurz darüber nachzudenken, was als nächstes kommt. Dann noch mal: Baba baba badaba, noch mal fünf Minuten. Letztendlich kann man immer so weitermachen und sich immer wieder fünf Minuten Zeit erkaufen, bis ans Ende seines Lebens. Aber früher oder später wird man sich entscheiden müssen, woran man wirklich glauben will und auf wessen Seite man steht.

Geht es noch um Freiheit bei Rock’n’Roll?

PD: Yeah, natürlich! Es ist ein Ausdruck von Freiheit, der einen von allem anderen erlöst. Rock’n’Roll ist so ein besonderes Ding. Rock’n’Roll ist nur Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Und Poesie vielleicht.

PD: Vielleicht auch noch Poesie. Aber das ist egal. Man könnte einfach singen: »Duwah didi didi dum didi du« – und es ist immer noch Rock’n’Roll. Es muss nicht poetisch sein.

Mögen Sie diese »Duwah didi didi dum didi du«-Art von Rock’n’Roll, ohne wirkliche Texte?

PD: Yeah! Das ist die Perfektion der Kunstform. Und es gibt Leute wie Blondie, die unglaubliche Texte und unglaubliche Melodien haben. Oder The Smiths: unglaubliche Texte und ein unglaublicher Gitarrist; die Stone Roses: großartige Lyrics, umwerfender Gitarrist. Das sind Dinge, die über das Ephemere hinausragen.

Eben, im Idealfall wünscht man sich doch beides: gute Melodien und gute Lyrics.

PD: Ja, aber man will auch keinen zu guten Poeten haben. Ich glaube, das kann einen verrückt machen. Ich denke an jemanden wie Jim Morrison, der den Nagel so präzise auf den Kopf getroffen hat, immer und immer wieder, und an John Lennon. Irgendwann werden sie kommen und dich mitten in der Nacht holen. So wie sie es mit John Lennon gemacht haben, so wie sie es mit Jim Morrison gemacht haben.

Haben Sie Angst, etwas in der Art könnte auch Ihnen zustoßen?

PD: Nein. Ich sehne mich verdammt noch mal danach. Dann bin ich von meinem Elend erlöst. (singt Zeilen aus einem The-Libertines-Song) »Please kill me! Oh baby, don’t kill me!« (flüstert hinter vorgehaltener Hand) Insgeheim habe ich wirklich Angst, dass so etwas passieren wird.

Das neue Babyshambles-Album wird Sequel To The Prequel heißen. Es kommt mir fast ein wenig cheesy vor, aber …

PD: Oh, was erlauben Sie sich? Sie denken, es ist cheesy?

Nein, ich meine die folgende Frage, sie ist angesichts des Albumtitels so offensichtlich: die nach Ihren Ambitionen im Filmbereich.

PD: Das sind keine Ambitionen. Ich mache, was immer ich will. Ich habe einen Film gedreht (Confession Of A Child Of The Century, Anm. d. A.), den die Kritiker in die Scheiße getreten haben, diese herzlosen, verfickten, rücksichtslosen Bastarde. In zehn Jahren wird dieser Film als Meilenstein angesehen werden. Im September werde ich es noch einmal versuchen, mit dem französischen Regisseur Philippe Grandrieux. Er dreht einen Film über einen englischen Crackhead in Paris, der mit Snuff-Pornos zu tun hat.

Ist Ihr Leben in Paris also auch eine Art von Recherche für diesen Film?

PD: Nein. Aber das führt dazu, dass ich Zeit mit Leuten verbringe, die gute Ideen und Drehbücher haben und bei deren Projekten ich beteiligt sein werde. Auch Larry Clark, der amerikanische Filmemacher, tauchte in Paris auf und bat mich, eine Rolle in einem seiner Filme zu spielen. Allerdings, vielleicht habe ich das schon verpasst, ich habe keinen besonderen Sinn für Termine. Es ist ein Jammer, es wäre eine gute Rolle! Ein Penner, der unter einer Skateboardrampe lebt, und die Skate-Kids sehen mich als so etwas wie ihre Stimme der Weisheit an.

Sie würden für Larry Clark einen Penner spielen. Ist der Hobo eine Figur, zu der Sie aufschauen?

PD: Nicht, dass ich zu ihr aufschaue. Aber wenn wir in der Vergangenheit in eine neue Stadt kamen und auf dem Trockenen saßen, sind wir immer zu einem Obdachlosen und haben gefragt, wie man etwas beschaffen könnte. Und er hat uns einen staubigen Pfad hinuntergeführt – nun, ich konnte selbst nicht mitgehen, also hat er Mick geführt – zu einem Zigeunerlager mit einem großen brennenden Gummireifen, der am Ende einer langen Kette durch die Luft schwang, wissen Sie, so Mad-Max-Style. Dann war da ein Mädchen im Bikini, das an der Hüfte eine Pistole trug und Klumpen und ganze Berge von China White und Kokain hervorholte. Oder letztens in Prag – wussten Sie, dass in der Slowakei, in Polen und in der Tschechischen Republik Opium legal ist?

Nein, ich hatte keine Ahnung.

PD: Es ist wahr. Aktuell ist die Gesetzeslage so, dass es legal ist. Daher gehen viele Obdachlose raus auf die Opiumfelder – die Bauern drücken ein Auge zu – und holen den Milchsaft aus den Schlafmohnkapseln. Sie leben unter der Brücke und verarbeiten die getrocknete Milch zu einzelnen Dosen, und ab geht’s, tikiti-boo!

Mister Doherty, darf ich Sie um ein abschließendes Statement zu Freiheit bitten?

PD: Freiheit ist, wonach wir alle so scheißverzweifelt suchen in diesem Zeitalter verdammter, allgegenwärtiger weißer Vorherrschaft.

Haben Sie vielen Dank.

PD: Aber jederzeit.

Babyshambles live
27.01. Köln – Live Music Hall
28.01. Berlin – Huxley's Neue Welt
29.01. Hamburg – Docks
12.03. Hannover – Capitol
13.03. Wiesbaden – Schlachthof
14.03. München – Kesselhaus
07.06. Nürnberg – Rock im Park, Zeppelinfeld
08.06. Nürburg – Rock am Ring, Nürburgring