Pet Shop Boys »Super« / Review

Bewundernswert: Die Boys, mittlerweile knapp dies- und jenseits der 60-Jahre-Schallmauer, versuchen es noch einmal.

Neil Tennant und Chris Lowe waren immer die Maskottchen des guten schlechten Geschmacks. Ihre Pylonenhüte, die Boy-Käppis, das tausendste crazy Nasenfahrrad signalisierten jederzeit: Wir sind in Stilfragen hypersensibel und dürfen genau deswegen jeden Fashion-Schmarren derart auf die Spitze treiben und durch die Mangel drehen, dass hinten wieder was Ikonisches dabei rauskommt. Dasselbe gilt für die Musik der Pet Shop Boys. Ihre größten Momente seit spätestens Very (1993, das Album mit dem »Go West«-Cover) folgen einer zwingenden Logik: So eindeutig drüber sein und volle Kanone abtröten, dass auch Elektrophobiker und dem Ulf-Kevin sein Zahnarzt das drollig finden.

Das letzte Album Electric setzte in dieser Hinsicht eine kaum zu toppende Marke. Es ist bewundernswert, dass die Boys, mittlerweile knapp dies- und jenseits der 60-Jahre-Schallmauer, es dennoch versuchen: Super ist eine weitere Partykeule. Und es ist kein Wunder, dass der Versuch ganz schön in die Schlaghose geht, die sie in Erinnerung an selige Groß-Rave-Hochzeiten aus der Mottenkiste holten.

Es ist jammerschade um all das schöne Gebolze, aber am Ende ist es doch zu geschmackvoll.

Dabei sind die Voraussetzungen fast identisch. Super handelt, wie auch Electric, von den Problemen hauptsächlich bourgeoiser Heranwachsender und Ex-Heranwachsender. Es geht um die Fragen, wo man nach der verpassten Vorlesung stilvoll einen draufmacht, wie man dort am schnellsten Einlass ins Allerheiligste findet, wo man die Kohle für den Trubel auftreibt und wie das verflixte Ding mit der Liebe allem in die Quere kommt. (Markanter Ausreißer: »The Dictator Decides« a.k.a. die Ballade vom traurigen Despoten, den Neil Tennant zeichnet wie einen lebensmüden Pierrot in Pjöngjang.) Für Super durfte, wie auch für Electric, Produzent Stuart Price wieder sein liebstes Pauspapier (Qualität: supertransparent) und sein Malen-nach-Zahlen-Buch aus der Neunzigerjahre-Kinderstube holen.

Herausgekommen sind dabei: Jippie-yeah-Country auf fetten Beats (»Happiness«), Sinatra-Chanson auf hibbeligen, fetten Beats (»Twenty-something«) und der tolle, fette Retro-House-Hit »The Pop Kids«. Am Willen zu einem gemeinsamen Nenner fehlt es diesem Album nicht. Was fehlt, ist der Wille, der Angst vor der eigenen Courage ins Auge zu sehen. Anders gesagt: Die Trötung trötet nicht genug. Es ist jammerschade um all das schöne Gebolze, aber am Ende ist es doch zu geschmackvoll. Ziemlich vielversprechend klingt daher die im vorletzten Song mit Basskompressorpumpe untermauerte Ankündigung, den Ort des Geschehens rechtzeitig abzufackeln: »We gonna burn this disco down before the morning comes.«

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