30 Jahre sind seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums Please vergangen. Wurden die Bitten der Pet Shop Boys nun endlich erhört? Sie bekamen das Londoner Royal Opera House als Spielwiese für vier Greatest-Hits-Shows.

Was wir vom Brexit gelernt haben, Teil 53: Wenn im UK jemand recht hat, dann die Gratis-U-Bahn-Gazetten. Am 22. Juli 2016 berichten sie von einer »jubilant demonstration of the communal power of pop music«. Gemeint ist ein Auftritt der Pet Shop Boys am Abend zuvor. Das sozialistische Kampfblatt Metro rückt mit dem Wort »communal« die Kategorie Klasse ins Zentrum der Rezeption. Zurecht natürlich. Das Werk der Pet Shop Boys findet seinen sozialen Ort da, wo die Ausflüsse des Verbildungsbürgerlichten, Intelligenten, Distinguierten sich mit dem Schweiß des Mainstream-Pop-Proletariats mischen. Noch spannender kann es eigentlich nur werden, wenn man das Klassentreffen in einen Kulturtempel des britischen Königshauses verlegt.

Genau das geschah zwischen 20. und 23. Juli. Die Fakten: die ersten Konzerte nach Veröffentlichung des 13. Pet-Shop-Boys-Albums Super, die einzigen im UK in diesem Jahr, vier Abende in Folge im Royal Opera House in London, seit Monaten restlos ausverkauft. Suggestiver Name der Unternehmung: Inner Sanctum, das Vordringen ins Allerheiligste, von dem auch ein Song des neuen Albums handelt. Billigste Tickets: 35 Pfund, einzig verfügbares Restticket am Abend des 21. Juli: 100 Pfund, Programmheft: 7 Pfund, Glas Champagner: 13,50 Pfund, Inner-Sanctum-Zwei- oder wahlweise -Dreigangmenü: 30 beziehungsweise 35 Pfund, ROH-PSB-Teetasse: 12 Pfund.

Die Erwartungen sind entsprechend – haben sich auf die Entscheidungsfreude des Publikums vor dem Kleiderschrank zu Hause aber offensichtlich kaum ausgewirkt. Garderobe kann man das nicht nennen. Die trending items an einem der heißesten Abende des englischen Sommers sind Shorts, Bierbauch und Stirnglatze. Und die PSB-T-Shirts natürlich, die es nicht nur im Ticket- und Souvenir-Shop des ROH um die Ecke gibt, sondern gefühlt auf jedem Treppenabsatz des mehrgeschossig organisierten Prunkbaus. »Pop Kid« steht da zum Beispiel auf der knallpinken Scheibe, die man vom Super-Artwork kennt – angesichts des Altersdurchschnitts der Anwesenden ein kalkuliert nostalgischer Scherz.

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Kurz nach 20:00 geht der Purpurvorhang auf. Die Bühne offenbart zwei Riesenpfirsiche, die wahlweise an ein Paar Arschbacken oder Skrota denken lassen. Zu den Nineties-Rave-Klängen von »Inner Sanctum« drehen sich die Kugeln um die eigene Achse, ihnen entsteigen Neil Tennant und Chris Lowe in schlichter Abendgarderobe, geschmückt von einem Zwitter aus Lorbeerkranz und Taucherhelm auf ihren Köpfen, umrahmt von Farbblitzen und Lasergewitter.

Das Publikum lässt sich vom High-Tech-Bühnenbild und vom edlen Rahmen nicht groß ablenken und macht von Anfang an auf Bierzeltstimmung. Im Sinne eines innereuropäischen Kulturaustauschs ist es schön, zu sehen, dass die international eigentlich als German clap verschriene Praxis, treuherzig auf jeden Metrumschlag mitzuklatschen, sich in der britischen Hauptstadt größter Beliebtheit erfreut. Abgesehen von kurzen Unterbrechungen ist das Publikum vom Clappen überhaupt nicht mehr abzubringen. Es ist schnell klar: Hier klatscht und stampft die Freude am Gewesenen. Hier klopft nicht das Schicksal, sondern die Vergangenheit. Es klopft der ansteigende Dreiklang von »West End Girls«. Hurra! Der erste große Hit der Boys wird schon als zweites Stück des Abends verbraten. Für den weiteren Verlauf eine bedingt gute Nachricht. Denn das bedeutet: Die besondere Idee, die man sich für diesen ein- beziehungsweise viermaligen Anlass hat einfallen lassen, hört auf den Namen Greatest-Hits-Show.

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Etwas später kommt Bewegung in die Sache. Die Lorbeerhelme werden dem Duo vom Bühnenpersonal abgenommen – großer Jubel, sie sind es wirklich! Aber was jetzt: Kostümwechsel? Sonnenbrillendefilee? Schildmützenparade? Fehlanzeige. Erst für die Zugaben rund eineinhalb Stunden später ziehen die Boys neue Westen über. Aber was dann? Tanztheater? Choreografiewettkampf? Der ganz große Budenzauber?

Nope. Die große Kulissenschieberei ist schon vorbei, als auch die Pfirsichärsche von der Bühne gerollt werden. Man tauscht sie absurderweise gegen drei Podeste für Mitmusikerinnen aus, mit Schlagwerk, Perkussion und Zusatzkeyboards, die seit gut drei Jahrzehnten kein Auftritt der Pet Shop Boys je nötig hatte. Auch dieser nicht. Wenn es auf der Welt einen Musiker gibt, der nichts anderes tun muss und von dem auch niemand irgendetwas anderes verlangen wollte, als einmal pro Song auf »Play« zu drücken, um ganze Arenen in Entzücken zu versetzen, dann ist das Chris Lowe. Wenn es eine Band gibt, die abgesehen von ihrer schieren physischen Präsenz nichts weiter performen muss, als eben einfach nur da zu sein, dann diese. Das garantiert ihnen die Freiheit, Menschen wie die Architektin Zaha Hadid, das Künstlerpaar Gilbert & George oder die Bühnenbildnerin Es Devlin (Creative Director von Inner Sanctum) im Grunde machen zu lassen, was immer sie wollen.

Zugegeben, charmant ist es schon, dass Neil Tennant auch »wirklich« singt und am Anfang der zweiten Strophe von »Love Is A Bourgeois Construct« seinen Einsatz versemmelt. Aber da bekommt man einmal im Leben ein Opernhaus als Spielplatz, kann dort vier Nächte lang richtig einen draufmachen – und stellt zu Dekorationszwecken ausgerechnet Musikerinnen auf die Bühne, eine davon sogar mit Geige. Sorry, Boys. Das ist keine Idee, das ist Pflichtschuldigkeit.

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Royal Opera House Music – ab jetzt auch zum Frühstückstee

Aber dann wird eben pflichtschuldig einer draufgemacht. Man spielt Royal Opera House Music, wie es ein Scherz auf den Tassen im ROH-Souvenir-Shop schön auf den Punkt bringt: »Pop Kids«, »New York City Boy«, »Vocal«. Als gegen Ende »It’s A Sin« aus den Boxen schmettert, steht das ganze Haus von den samtenen Klappsitzen auf, wie zum Glaubensbekenntnis: Wir leben in Sünde. Ein großer Moment. Und danach endlich der große Einsatz: Die »Go West«-Fanfaren ertönen, rund 30 Tänzer in pastellfarbenen fat suits entern die Bühne. Tennant und Lowe verschwinden fast in der Massenchoreografie, die kurz nach dem Brexit-Votum die Ratlosigkeit, in welche Richtung die Parole »Go West« denn nun weisen könnte, in Bewegung übersetzt: mal geradeaus nach rechts, mal nach links oben.

Das leichtfüßig-plumpe Fettballett bestimmt auch den Zugabenblock. »Watch them all fall down«, singt Tennant in »Domino Dancing« und versichert am Ende: »You were always on my mind«. Ein grandioses Schlussbild: Das waren sie, die fetten Jahre.