Pet Shop Boys im Interview über Elysium

Pet Shop Boys — Das Interview

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Mitte Juli, der erste regenfreie Tag in London seit Wochen, ein kleines Büro im piekfeinen Londoner Stadtteil Kensington: Hier residiert Becker Brown, jene Managementfirma, die seit einigen Jahren die Pet Shop Boys, namentlich Neil Tennant und Chris Lowe, betreut. Die Managerin und ihre Assistentin verzehren ihr Mittagessen, als plötzlich Lowe hereinplatzt und wissen möchte, wann er am nächsten Tag gebraucht werde, er müsse nämlich unbedingt und ganz dringend zum Friseur. Seine Haare sind raspelkurz. Außerdem würde er gerne noch mal in den Urlaub fahren, bevor das neue Studioalbum Elysium, das mittlerweile elfte des Duos, erscheint. »Wohin soll’s denn gehen?« – »Only the sky’s the limit!« Tennant, mittlerweile dazugestoßen, kichert und zeigt stolz ein Buch vor, das ein englischer Journalist zum Signieren mitgebracht hat. The Dairy Book Of Home Management – Tipps zum Führen eines Haushalts, das Tennant im Jahre 1980 als Redakteur verantwortete. »Gebraucht kann man das Buch immer noch für ein paar Cent kaufen«, sagt er.

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Elysium gehört, wenn ich das sagen darf, zu ihren interessantesten Alben. Es ist einerseits »typisch Pet Shop Boys«, um eine Bemerkung aus unserem letzten Gespräch für SPEX im Jahre 2009, anlässlich der Veröffentlichung von Yes, aufzugreifen – sie mögen dieses deutsche Wort ja sehr gerne. Andererseits …
CHRIS LOWE   Herrlich, wie das auf Deutsch klingt: typisch. Typisch, typisch, typisch!
NEIL TENNANT   Das steht noch immer auf unserer Liste möglicher Albumtitel.

Zurück zum andererseits …
NT   »Untypisch« finde ich diese Musikalität, Wärme und Tiefe, die wir nicht immer in unserer Musik haben, geschweige denn suchen – genau deswegen sind wir nach Los Angeles gereist, um das alles dort zu suchen. Besonders poppig ist Elysium nicht, schon eher soulful, was ebenfalls ungewöhnlich ist, wenn man über die Musik der Pet Shop Boys nachdenkt. Und so ausgesprochen »schön«, fließend und klanglich konsistent ist unsere Musik auch nicht immer gewesen, wobei Ausnahmen auf Elysium, nämlich »Winner«, »Face Like That« und »Ego Music«, die sich klanglich von den anderen neun Stücken stark unterscheiden, die Regel bestätigen. Wir sind so stolz auf dieses Album und so überzeugt von seiner musikalischen Quali­tät, dass es auf der sogenannten Special Edition, ohne die man heute ja nicht mehr auszukommen scheint, das ganze Werk auf der zweiten CD auch noch mal als Instrumental zu hören gibt, wobei sich im Idealfall für den Hörer noch mal ganz neue Aspekte ergeben und das Augenmerk noch mehr auf die Musik an sich und nicht auf den Gesang beziehungsweise die Texte gelegt wird.
CL   Unser erstes Karaoke-­Album!

Sie sagten mir einmal, dass sie in allererster Linie Songwriter seien. ich habe den eindruck, dass auf Elysium ihre kompositorischen Fähigkeiten verstärkt zur Geltung kommen, da die klangliche Oberfläche nicht so stark wie sonst »auf Hochglanz poliert« ist.
NT   Festzustellen ist, dass für unsere Verhältnisse das Album geradezu unterproduziert ist.
CL   Obwohl wir in fast jedem Stück ein echtes Orchester einsetzen! Glücklicherweise dominiert das Orchester aber nie.
NT   Andrew Dawson, unser Produzent, und wir haben es meist sehr subtil platziert, auf der bereits erwähnten Instrumentalversion wiederum kommt es dann viel stärker zur Geltung. Egal wie: Hyper­-Pop, so wie auf Yes, ist auf Elysium nicht zu finden.

Die Stimmung ist eher in sich gekehrt.
NT   Introspektiv, genau. Deswegen werden viele das Album auch mit Behaviour vergleichen.

Sind sie eigentlich aufgeregt, wenn sie, so wie heute, zum ersten Mal mit den Meinungen von dritten, in diesem Falle Journalisten konfrontiert werden?
CL   Schwer zu sagen …

Interessiert sie überhaupt die Meinung eines Journalisten?
CL   Ich lese so gut wie nie Kritiken. Und ich google auch nicht nach »Pet Shop Boys« oder »Chris Lowe«. Andere Leute hingegen …
NT   Wen meinst Du?
CL   Na … Du weißt schon …
NT   Ah! Ich weiß, hihi, den Namen können wir hier nicht nennen. Also: Ich google »Pet Shop Boys«, da ich für die Befüllung der Neuigkeiten-Rubrik auf unserer Website zuständig bin.

Benutzen sie Google Alert?
CL   Wie bitte?
NT   Vergiss es. Google schickt dir dann jeden neuen Eintrag, der sich mit »Pet Shop Boys« beschäftigt.
CL   Oh mein Gott! Ich finde es besser, nichts mitzubekommen. Ich kann dem Ganzen aber nicht immer aus dem Weg gehen, besonders dann nicht, wenn Neil mich zwingt, den Link zu einer vernichtenden Kritik unseres Ballets The Most Incredible Thing zu öffnen.
NT   Dann wiederum regt sich Chris wahnsinnig auf und erklärt dem Autor sofort den Krieg.
CL   Was mich aber an Interviews interessiert, ist der Zwang zum Formulieren der Gedanken, die wir uns zum jeweiligen Album gemacht haben.

Ein Freund sagte mir einmal: »Wenn ich mich in Wort und Schrift ausdrücken könnte, wäre ich Schriftsteller. So bin ich aber Musiker geworden.«
NT   Auch wir drücken uns mithilfe unserer Musik aus. Darüber wiederum reden oder schreiben wir aber so gut wie nie. Mir geht es so, dass ich meistens bis zur Fertigstellung des Albums nicht weiß, wovon ein Album handelt. Für Elysium hatten wir uns vorgenommen, ein Album in genau einer Stimmung zu schreiben, einer melancholischen, reflektierten – und das in langsamem bis mittlerem Tempo.
CL   Ich wollte ein Statement abgeben.
NT   Nun lagen Andrew Dawson aber sämtliche 25 Stücke vor, die wir komponiert hatten. Als er »Winner« hörte, unsere erste Single, die wir Anfang Juli digital veröffentlichten, eine »große Ballade«, sagte er so etwas ähnliches wie: »Die bezahlt euch das nächste Haus.« Prompt wurde beschlossen, das Stück auf jeden Fall in das Album zu integrieren, und das war’s dann auch schon mit der »einheit­lichen« Stimmung. Lustig!

Ich musste mich erstmal schlau machen, was Elysium bedeutet.
NT   Also wirklich! Ts, ts, ts …
CL   Ich hab’s Dir doch gesagt, dass niemand …
NT   Immerhin ist das Wort in diversen Sprachen identisch.

Es handelt sich um einen Ort in der griechischen Mythologie, der, kurz gesagt, mit der in der sogenannten westlichen Welt gängigen Vorstellung von »Paradies« vergleichbar ist.
NT   Jawohl. Wir kennen ja alle die Avenue des Champs-­Élysées, die elysischen Felder … Der Tod spielt immer wieder eine Rolle auf dem Album. Der Appetithappen »Invisible«, den wir bereits im Juni veröffentlichten und der gleichzeitig auch das Album eröffnet, könnte auch von einem Geist gesungen sein.

Das dachte ich auch. Aber sie sagen »könnte«: Sie wissen selber nicht, wovon ihre Texte handeln?
NT   So würde ich es nicht ausdrücken, aber mir gefällt, dass es unterschiedliche Lesarten geben kann.

Alter und Älterwerden sind auch Themen, die in Elysium mehr als einmal auftauchen.
CL   Ohne dass wir uns dazu auch nur irgendwie geäußert hätten, hat das heute jeder Journalist festgestellt.
NT   Es mag unter anderem daran liegen, dass »Invisible« vom Älterwerden handelt. Man steht auf einer Party und fühlt sich alt und nutzlos. Nachlassende sexuelle Attraktivität, ach … der ganze Kram eben, mit dem man als älterer homosexueller Mann zu tun hat. Wobei sich das für heterosexuelle Männer vielleicht ähnlich anfühlt, das kann ich nicht beurteilen. Der Titel aber wurde von einem Interview inspiriert, das ich in der Zeitung las. Eine Frau sagte, auf sexuelle Aus­strahlung angesprochen, provokant: »Ab 40 könnte man genauso gut unsicht­bar sein.«

Ein Thema, das momentan verschiedenste Großstädter über 35, zumindest in Berlin, wo ich wohne, zu beschäftigen scheint, ist die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land. ich las heute Morgen im Flugzeug, dass das deutsche Magazin Landlust eine verkaufte Auflage von fast einer Millionen Exemplaren hat. Land bedeutet übrigens »country« und Lust »lust«.
NT   Wow! Warum geben wir denen denn kein Interview?
CL   Genau!
NT   (auf deutsch) Landlust mit die Pet Shop Boys.
CL   Genial!

Und eine gute Idee! Fragen sie ihre Plattenfirma!
CL   Ist die Zeitschrift vergleichbar mit unserem Country Life?
NT   Country Life verkauft vielleicht 60.000 Hefte …

in »Breathing Space« hören wir den Sänger, wie er sich nach ruhe auf dem Land sehnt, nach »Raum zum Atmen«. Und sie, Herr Tennant, posten auf ihrer Website immer wieder Fotos, die sie irgendwo in der Nähe Ihres Ferienhauses im englischen Norden zeigen.
NT   An Ihrer Beobachtung ist etwas Wahres dran, aber ich muss Ihnen auch sagen, dass sich schon diverse Musiker vor mir mit dem »Raum zum Atmen« beschäftigt haben, nicht zuletzt die Beatles auf ihrem Debütalbum Please Please Me in »There’s A Place«: »There is a place / Where I can go / When I feel low / When I feel blue«. Mir geht es um die Flucht vor der Großstadt, hin auf das Land. Womit das Stück, das fällt mir gerade erst auf, genau das Gegenteil von »West End Girls«, unserer ersten Single, darstellt, in der es unter anderem um die Flucht in die Stadt geht.

Sie haben Elysium in L.A. aufgenommen, ihre erste Albumproduktion in Amerika. Inwiefern spiegelt sich solch eine Stadt in der Musik wider?
NT   Die Songs waren komplett auskomponiert, als wir nach L.A. reisten. Uns ging es ganz explizit um Backgroundsänger, die man mit solch musikalischen Fähigkeiten, so viel, nun ja, »Soul«, so viel Präzision nur dort findet. Es gibt dort eine Studiotradition, die unvergleichbar ist. Die Familie Waters, bestehend aus Julia, Oren und Maxine, die nun auf Elysium im Hintergrund singt, ist seit den 70ern im Geschäft und sang unter anderem für Michael Jackson und kürzlich erst für Adele. Kennen Sie die Wrecking Crew?

Rap, frühe 80er?
CL   Nein!
NT   Falsch! Amerikanische Popmusik wurde über viele Jahre hinweg, in den 60ern und frühen 70ern, letztlich – etwas vereinfacht gesagt – von einer einzigen Band aus L.A. eingespielt, die The Wrecking Crew genannt wurde und aus fantastischen Sessionmusikern bestand. Sie arbeitete für Phil Spector, The Carpenters, The Beach Boys, Byrds und so weiter.

Und nun für sie?
CL Nein!
NT   Ich wollte damit nur noch mal klarmachen, welches musikalische Erbe in L.A. zu finden ist. Kaufen Sie sich mal die in diesem Jahr erschienene Biografie: faszinierend.

Wird gemacht. Wo haben sie in L.A. gewohnt?
NT   In einem sehr schönen Haus in den Hügeln von Beverly Hills. Man kann es auf unserem ersten offiziellen Pressefoto begutachten.
CL   Und der Gärtner ist auch zu sehen.

Ich sehe da keinen Gärtner. Wo steckt er denn?
CL   Na, im Garten!

Wo?
CL   Quatsch, der pool man ist zu sehen, entschuldigen Sie.
NT   Aber Sie haben recht, auf dem Pressefoto ist er nicht zu sehen, wohl aber im Booklet des Albums, das Sie wiederum noch nicht kennen.
CL   Haben wir mit dem Mann die Bildrechte geklärt?
NT   Haben wir.
CL   Und war er zufrieden?
NT   War er.
CL   Und wird er im Booklet anständig aufgeführt?
NT   Wollte er nicht.
CL   An seiner Stelle würde ich darauf bestehen.
NT   Er wollte aber nicht!
CL   Na gut.
NT   Warten Sie, ich zeige Ihnen ein paar Fotos auf meinem iPhone.

Oh! Sehr schön! Wer hat wo gewohnt? Sie teilen sich ja wohl kaum ein Zimmer, oder?
NT   Wohl kaum. Chris hat auf der einen Seite gewohnt, ich auf der anderen.

Und wie viel Miete mussten sie zahlen?
NT   Wenn ich das nur wüsste. Unsere Managerin hat uns das nie gesagt.
CL   Wetten, dass ein nicht geringer Teil der Produktionskosten dafür draufging?

Die Wette würden sie vermutlich gewinnen. Haben sie morgens zusammen gefrühstückt?
NT   Nie. Ich stehe gerne etwas früher auf und mache Sport. Ich bin einfach jeden Morgen die Hügel rauf und runter gelaufen und habe den mexikanischen Gärtnern zugewunken, die mich wohl für verrückt hielten.
CL   Und ich schlafe gerne etwas länger.

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SPEX verlost hier noch fünf 7" Singles des Andrew Dawson HappySad Remix' (s.u.) von »Winner« – herausgegeben von der Band, Parlophone und Electronic Beats by Telekom.

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