Pet Shop Boys Format

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Zwei Jahre nach dem Album Very (das mit dem Welthit Go West) und noch immer auf der Plateauphase ihres erstaunlich lang anhaltenden Ruhms, veröffentlichten die Pet Shop Boys 1995 eine Doppel-CD, die manche für ihr bestes Album halten: Alternative, eine Sammlung mit dreißig B-Seiten. Darunter der leichtfüßige, melancholische Synthiepop-Ohrwurm Miserablism oder Your Funny Uncle, über das Neil Tennant im Begleitinterview zur CD völlig zu Recht sagte: »It’s a very, very sad song«. Und dann gab es noch Paninaro, entstanden unter dem Eindruck Mailänder Popper der Achtziger – ein Großwerk, in dem das Duo mit den Zwischenrufen »Armani! Armani! A-a-Armani!« und »I don’t like rock music« beiläufig sein Kunstverständnis auf eine griffige, gern zitierte Formel brachte. Als Singleauskopplung von Alternative wurde die B-Seite Paninaro schließlich selbst zur A-Seite und dementsprechend mit einer B-Seite ausgestattet: In The Night (1995).

   Die findet sich nun – im ausgeklügelten, keine Zweitnutzung scheuenden Verwertungskreislauf der Pet Shop Boys nur konsequent – auf Format, der zweiten, 17 Jahre später erscheinenden B-Seiten-Sammlung des Duos. Format ist fast chronologisch aufgebaut, zu Beginn stehen The Truck Driver And His Mate und Hit And Miss, die beiden B-Titel von Before, der Vorabsingle zum Album Bilingual. Man konnte sich damals, noch unter dem Eindruck von Alternative, schon fragen, warum Tennant und Lowe, die doch so stolz auf ihre B-Seiten-Kultur zu sein schienen, zwei derart schwache Titel zur Begleitung des hübschen Before ausgewählt hatten.

   Die auf Bilingual, das letzte große Popalbum der Pet Shop Boys, folgenden Platten Nightlife und Release ließen dann einen, für den Fan zumindest, unguten Verdacht aufkeimen: Selbst die neuen A-Seiten konnten mit den alten B-Seiten nicht mehr mithalten. Das der Karriere des Duos zugrunde liegende Modell stieß musikalisch und ästhetisch zunehmend an seine Grenzen. Gewiss war Neil Tennant gebildeter und selbstironischer als der durchschnittliche Achtziger-Jahre-Popstar und sein Sidekick Chris Lowe ein lustiger Hedonist, der damit kokettierte, auf der Tanzfläche sterben zu wollen (Tennant: »Das lässt sich einrichten…«) – warum aber sollte man sich ihre Platten noch anhören, die immer mehr nach Selbstzitat klangen?

   Bei keinem Lied zeigt sich das so exemplarisch wie bei einer der B-Seiten, die nun auf Format wiederveröffentlicht wird. We’re The Pet Shop Boys heißt der Titel, eine Coverversion des Originals von My Robot Friend, ursprünglich erschienen mit einer der überflüssigsten A-Seiten, die das Duo je aufgenommen hat: Miracles (dem Bonustrack zur Hitsammlung PopArt). Ist das We’re The Pet Shop Boys von My Robot Friend eine liebevolle, subtil heitere Hommage an Tennant und Lowe, so klingt die Coverversion der Pet Shop Boys selbst, als habe man das alte Hitkonzentrat des Duos versehentlich in zehnmal so viel Wasser wie nötig aufgelöst. 

   Heruntergedimmtes Synthieplätschern, Tennants ratlos klingende Stimme, dazu eine Titel- und Refrainzeile, die plötzlich wirkt, als hätte das Duo bereitwillig die Gelegenheit ergriffen, endlich den kreativen Niedergang eingestehen zu können: Man hat nicht mehr zu bieten, als den gut eingeführten Bandnamen – eine Art Potemkin’sches Firmenschild, das Festhalten an besseren, wenn auch vergangenen Tagen. Als Selbstportrait verstanden, zeigt diese Coverversion zwei müde Männer. Das ist ehrlich, hat menschliche Größe und erinnert an die abgewrackten Figuren in den Romanen Graham Greenes. Gerade deshalb allerdings kann man dieses Lied, und mit ihm die gesamte Compilation Format, nur mit besorgter Empörung zurückweisen: Sie sind die Pet Shop Boys? Nein, das darf auf gar keinen Fall wahr sein.

EMI – 06.02.12

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