Personal Space — Electronic Soul 1974-1984

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Chocolate Industries / Groove Attack — 13.04.12

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Regression des Hörens: Die Kommentare zum Tod von Amy Winehouse offenbarten eine Geilheit aufs Authentische, die man längst für überwunden gehalten hatte. Soul wurde dabei nochmal als die Ausdrucksform des leidenden Künstlers romantisiert. Dass dagegen gerade Künstlichkeit und Inszenierung den Reiz von Soul ausmachen können, hatten Bands wie ABC oder Scritti Politti schon vor dreißig Jahren kapiert. Spätestens in den Neunzigern hätte dann der artifizielle Cyber-R&B den Authentizisten das Maul stopfen müssen. Dachte man zumindest.

   Schon früh gab es in Soul und Funk prominente Versuche, der Unmittelbarkeitsideologie auch klangästhetisch mithilfe von Drum Machines und Synthesizern zu entrinnen. Man denke an Family Affair von Sly and the Family Stone oder an das Album Inspiration Information von Shuggie Otis. Das oftmals Spacige der Sounds hatte einen metaphorischen Mehrwert: Space als Fluchtort vor den Repräsentationsaufgaben, die dem schwarzen Musiker traditionell aufgehalst wurden.

   Wenn das Label Chocolate Industries jetzt einer Compilation mit obskuren Vertretern des elektronischen Soul den Titel Personal Space gibt, dann ist das als Emblem eines produktiven Eskapismus zu verstehen. Neue billige Produktionsmittel eröffneten damals Freiheitsräume abseits von Ökonomie und Öffentlichkeit, die oft genug Höllen der anderen waren. Damit und mit der nerdigen Liebe zu den Peripherien lässt sich rechtfertigen, dass luxuriös produzierte Hits des Genres auf dieser Zusammenstellung fehlen, Marvin Gayes Sexual Healing (1982) zum Beispiel.

   Dass in elektronischer Einsamkeit ganz neue Stimmungen entstehen können, zeigt gleich zu Anfang von Personal Space der grandiose Jeff Phelps. In Excerpts From Autumn von seinem 1985 erschienenen und vor zwei Jahren bei Tomlab wiederveröffentlichten Home-Recording-Album Magnetic Eyes veredelt er mindere Sounds, an denen sich heutige Produzenten des Schäbigen wie James Ferraro erfreuen dürften. Ausgestattet mit einem Vierspur-Rekorder wendet Phelps eine typische Jazzfunk-Melancholie ins leicht Desolate.

   Phelps ist nicht der Einzige auf dieser Zusammenstellung, der uns gerade heute musikalisch etwas zu sagen hat. Cotillion etwa legt rutschige Synthie-Bettvorleger aus, die von Ariel Pink stammen könnten. Anschlussfähig für eine hypnagogische Ästhetik ist auch das schwermütige Time To Go Home von Otis G. Johnson. Wie hier die gospelige Expressivität der Stimme in ein ultraminimalistisches Home-Recording-Dispositiv gezwängt wird, erzeugt eine eigenartige emotionale Dissonanz. Ein Highlight der Platte und in seiner schrulligen Avanciertheit verstörend ist Shortest Lady von Deborah Washington & the Astros. Bei dem verhallten, nach hinten gemischten Gesang fragt man sich, ob die Frau des Bluesmusikers Albert Washington schon von Postpunk wusste oder ob sie auf eigene Faust in einem fernen parallel space eine ähnliche Sensibilität wie PiL und die Raincoats entwickelte.

   Sicherlich gibt es auf Private Space manch traditionellen Ansatz zu hören, doch selbst ein Stück wie All About Money von Spontaneous Overthrow, das von Chakachas’ Klassiker Jungle Fever inspiriert sein könnte, schafft durch seine arme Ausstattung eine kuriose, verschämte Atmosphäre. Dass die DIY-Idee vor allem gegen Klischees jeder Art gerichtet war, zeigt Private Space einmal aus einer anderen Genre-Perspektive als der gewohnten. Ganz toll und alles andere als privatistisch!

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