»Kunst durch Drogen? Da lag ich absolut falsch.«

Das Glück hat sich in Mike Hadreas‘ Leben geschlichen: Internationale Anerkennung empfing sein erstes Perfume Genius-Album Learning, dazu kam ein neuer Freund. Seine schwierige Jugend kann das zwar nicht überdecken, aber auf seinem zweiten Album, Put Your Back N 2 It (Matador / Beggars, bereits erschienen), mischen sich unter die Erzählungen über familiäre Gewalt und Drogen auch lockere Themen wie etwa die unsicheren Gesten einer frischen Beziehung. Gleich mehrfach adressiert der zartfühlende Künstler in den Liedern seine Mutter und Schwester, für die er, der selbst oft innerlich Zerrissene, sich verantwortlich fühlt.

Ähnlich verhält es sich beim Interview mit Hadreas in Berlin: Zwischen Anekdoten über die Flohmärkte älterer Damen, James Blake und Halloween-Kostümen aus Essig-getränkten Hemden erzählt er über seine persönliche Entwicklung, den Irrweg der Drogen und den Nutzen der Verletzlichkeit. Heute spielt er das leider bereits ausverkaufte, letzte Konzert seiner von Spex präsentierten Tour im Berliner Privatclub.

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Put Your Back N 2 It pendelt zwischen alltäglichen, fast pubertären Problemen wie das eigene Aussehen oder die Bedeutung einer Hand in der Gesäßtäsche des Freundes einerseits und Problematiken wie Gewalt und Drogensucht andererseits. Sollte ein tragikomisches Panorama des gesamten Lebens entstehen?
MIKE HADREAS:   Das passierte einfach. Wenn man etwas Hoffnungsvolles machen will, gerade in Amerika, dann muss es kitschig sein, dann gibt es Auslassungen. Die Leute wollen nicht das ganze Bild im Kino sehen. Ich aber denke, dass die Hoffnung in den Höhen und Tiefen des Lebens liegt. Man muss nicht nur die heiteren Sachen herausnehmen, um einen happy song zu schreiben.

Das gilt sicherlich auch für die Privatperson Mike Hadreas?
Selbst wenn dir etwas Schlimmes passiert, du deine Schild für einen Moment singen lässt, würde ich lieber so weiter leben wollen, anstatt ständig auf der Hut sein zu müssen. Aber das ist schwer umzusetzen. Du versuchst, zu entspannen, sagst dir, dass alles in Ordnung ist, und dann erwischt dich jemand. Ich habe immer versucht, alles zu reparieren, aber manchen Mist heilt auch die Zeit.

Aus den aktuellen Liedern kann man herauslesen, dass du das Bedürfnis hast, dich um dein gesamtes Umfeld zu müssen.
Das liegt zum Teil daran, dass es für mich sehr einfach ist zu erkennen, ob jemand okay ist. Auch wenn sie etwas wirklich Schreckliches getan hat, kann ich einer Person noch ansehen, dass sie wundervoll ist. Aber bei mir selbst ist das nicht so einfach. Letztendlich steckt dahinter der Gedanke, dass ich durch meine Hilfe irgendwann so für mich selbst fühlen könnte, wie ich es für andere tue. Und das hat sich durchaus schon verbessert in den Jahren. Man denkt sich immer, dass die eigenen Probleme schlimmer und wichtiger sind als die der anderen, auch ich. Aber um mich herum ergeht es niemandem anders, wir haben alle beschissene Phasen. Man muss sich als Teil von etwas sehen, anstatt allein zu bleiben.

Man muss die Balance, zwischen dem Verstehen anderer und der Wunsch, selbst verstanden zu werden, finden.
   Für mich fungiert die Musik als dieser Ausgleich dazu. Beim Schreiben bin ich viel mitfühlender, kann auf den Boden zurückkehren. Ansonsten wäre alles Chaos. Deshalb zwinge ich mich fast täglich produktiv zu sein.

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Du singst auf dem Album Dirge (Original: Dirge without Music), ein Gedicht der 1950 verstorbenen, bisexuellen Lyrikerin Edna St. Vincent Millay, auch bekannt als Nancy Boyd. Ein Vorbild für dich?
Erst durch die Interviews zu diesem Album habe ich erkannt, was für eine coole Person sie eigentlich war. Das wusste ich während der Aufnahmen noch nicht. Ich hatte nur ihre Gedichtbände irgendwo gefunden.

Hast du dennoch eine gewisse Verbindung zu ihr gespürrt?
   Ich bin nicht so selbstbewusst, dass ich mich mit den meisten Sachen, die ich lese, vergleichen könnte. Viele ihrer Gedichte sind sehr kurz, was gefällt mir. Ich versuche selbst so viel wie möglich mit so wenigen Wörtern wie möglich auszudrücken. Mich sprechen dabei die medidativeren Sachen am meisten an. Auch meine Musik kommt immer wieder auf die selben drei Akkorde zurück, ich zwinge mich gerne selbst, das Tempo zu drosseln, gerade im Studio. Ich mag etwa Gang Gang Dance sehr, aber das wäre mir selbst alles viel zu durcheinander.

Dabei darf bei dir im Studio auch experimentiert werden. Das Schlagzeug auf Put Your Back In 2 It klingt, als wäre es in Papier eingepackt.
    Ich war zunächst sehr nervös, weil ich noch nie mit einem aufgenommen hatte. Im Studio habe ich dann wie ein Hippie versucht zu erklären, wie es sich für mich anfühlen soll. Irgendwie hat man mich dann doch verstanden und es gibt einen leichten Blues-Einschlag.

Gang Gang Dance erzählten mir zum letzten Album von seltsamen Geistererscheinungen rund um die Kirche, in der sie Eye Contact aufgenommen hatte.
   Das war eine der besten Erfahrungen, als ich mit dem Trinken aufhörte: Man kann auch so merkwürdige Sachen wie Geister erleben. In meinem alten Apartment sah ich etwa immer ein riesiges Gesicht auf der Wand oder Schuhe wurden verrückt. Aber was war das denn bitte für ein langweiliger Geist, der in meinen Schuhen herumläuft?

Zurück zum Album. Dort gibt es viele Kreuzverbindungen zwischen Liedern der ersten und zweiten Hälfte: Dirge verweist auf Sister Song, 17 und All Waters passen zueinander, ebenso Normal Song und Dark Parts.
   Genau so sollte es sein. Ein Stück sollte die Traurigkeit einer bestimmten Situation ausdrücken und das nächste sich dann wiederum dieser annehmen. Hoffnung und Depression wechseln sich ab. Dieses Gespräch habe ich gesucht.

Beim Vorgängeralbum Learning hattest du dich zum Schreiben noch komplett zurückgezogen und abgenabelt. Wie bist du diesmal an das Album herangegangen?
   Ich war ängstlicher. Weil ich es ja diesmal in jedem Fall einem Label etc. zeigen musste. Deshalb wollte ich zuerst etwas Cooles machen, das beste Album überhaupt, bla bla bla, solange, bis ich mein Scheitern erkannte. Ich musste also wieder für einzelne Personen schreiben und nicht für die Öffentlichkeit. Schließlich bin ich nicht Coldplay.

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Benutzt du also auch einzelne Lieder, um mit bestimmten Menschen zu kommunizieren?
Ich mache mir meistens zu viele Gedanken, was die Leute von mir halten, und will deshalb nichts aufnehmen. Dann bin ich beim Schreiben selbstsüchtig und teenagerhaft, wie bei einem Tagebuch. Daran war ich derzeit aber auch nicht interessiert.

Dafür besingst du in Dark Parts das von Gewalt geprägte Verhältnis deiner Mutter zu ihrem Vater bzw. deinem Großvater. Fiel es dir schwer, ihr dieses Lied zu zeigen?
Es war im Gegenteil sehr einfach. Ich musste es ihr auch zeigen, denn ich hätte es nicht veröffentlichen wollen, wenn es ihr nicht gefallen hätte. Aber dass sie es mochte, machte mich am meisten stolz. Denn meistens hat sie keinen Grund, sich über mich zu freuen.

Haben deine Eltern deinen Wunsch, ein Künstler zu sein, von Anfang an akzeptiert?
   Sie haben zumindest sehr schnell realisiert, dass sie keine Wahl hatten. Ich war ein totaler weirdo und sie wollten wohl am meisten, dass ich mir früh etwas auswähle und dabei bleibe. Ich fing an zu trinken und Drogen zu nehmen, weil ich dachte, dass ein künstlerischer Lebensstil damit einhergehen würde. Aber für mich bedeutete das lediglich, mit vier vollkommen Verrückten vier Tage lang in einem Keller zu hocken. Ich lag also absolut falsch. Erst als ich damit aufhörte, in das Haus meiner Mutter zurückkehrte und einen sehr unbohemianhaften Mittzwanziger abgab, fing ich an, richtige Werke zu schreiben. Durch die schlechten Dinge, die ich erlebt habe, kann ich die schönen jetzt umso mehr schätzen.

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