Performance

LastDaysCoverDa gilt es natürlich erst einmal zu sagen: »Performance« deshalb, weil ich an dieser Stelle einmal im Monat einen Wahrnehmungsflash mitteilen möchte. Ein prägendes Erlebnis, das ich mit Performances aus allen möglichen Darstellungsweisen hatte: klar kann das auch mal ein Konzert sein. Genauso wichtig aber sind mir Theaterschauspieler und Bühnenbildnerinnen, Videoclips oder von mir aus auch Fußballkommentare. Egal was, die Türen der Wahrnemung stehen offen. Pop ist ja durch den Live-Boom und natürlich durch die neuen Online-Leitmedien MySpace und YouTube längst wieder durch und durch auf die Performances aller Künste angewiesen. Da sollte gerade ein Medium wie spex.de auch die krassen Auffälligkeiten aus dem Geschehen filtern.

    Diesen Monat geht es um einen Blitz, der bereits im Januar erstmalig zuckte und mich seitdem immer wieder in Form fieser Flashbacks erfasst: zu Beginn des Jahres nämlich liefen die Pressevorführungen von Gus van Sants »Last Days«, der es nach dem US-Start 2005 doch noch in die hiesigen Kinos schaffen sollte. Da die deutschsprachige Fassung allerdings doch wieder nur in den Programmkinos der größten Städte lief, bedeutet die Veröffentlichung der DVD eine gute Nachricht. Denn nun muss niemand mehr diesen dritten und abschließenden Teil von Gus van Sants »Trilogie des Todes« für 30 Euro aus England importieren.

    Im Nachfolger von »Gerry« und »Elephant« begleiten die Kameras die letzten Tage eines Rockmusikers. Sein Name ist Blake, und er ist schon rein äußerlich stark an Kurt Cobain angelehnt. Seine fusseligen blonden Strähnen wehen im nordwestamerikanischen Wind, und wenn er versucht zu singen, dann ertöhnt ein heiseres, kehliges Heulen. Der Musiker lebt mit einigen Leuten in einer heruntergekommenen Villa außerhalb einer Kleinstadt. Sie könnten eine Junkie-Kommune sein oder eine Band, die gemeinsam zu viele Drogen nimmt. Blakes Heroin-Sucht wird angedeutet. Musikmanager und Privatdetektive sind auf der Suche nach ihm. Der Film zeigt von Beginn an einen Blake, dessen Konstitution verrät: nicht mehr viel zu machen. Die Kameras sehen diesem Typen zu, wie er stirbt.

DrumkitObenLange nicht mehr hat mich ein Film so lange beschäftigt. Sofort  nach Ansehen wollte ich ihn wieder sehen, wieder hören, wieder eintauchen in diesen finsteren Rausch. Es gibt viele Gründe dafür, warum »Last Days« so haften bleibt im Hirn. Die Kamera-Einstellungen sind voller Überraschungen. Mit Scott Green und Lucas Haas sind die wichtigsten Nebenrollen smart besetzt. Ja, selbst die Ungereimtheiten in »Last Days« tragen zu dem bei, was der Film kreiert: Orientierungsverlust. Wenn etwa Kim Gordon von Sonic Youth bei Blake aufkreuzt, wird dem Publikum nicht klar, welche Rolle sie spielt. Sie könnte sich selbst darstellen sie könnte das fiktive Pendant zu Cobains Ehefrau Courtney Love verkörpern. Kaum etwas deutet auf ihre Rolle als Bandmanagerin hin, zu jeder Zeit aber weisen sich solche Verschwommenheiten aus als klare Entscheidungen des Regisseurs.

    Was den Film aber zusammenhält, seine Sequenzen wellenartig schwappen lässt, das ist eine merkwürdige Koinzidenz von Hauptrolle und Sound Design. Michael Pitt spielt den Blake, und er hat sich in seiner Körpersprache für eine Mischung aus Extremjunkie und den aus MTV bekannten Cobain-Gesten und -Bewegungen entschieden. Blake geht schief auf seinen X-Beinen, sein ganzer Körper drückt sich unter der Last angestauten Rauschgifts ständig nach vorne. Das Beste aber ist bislang unerwähnt geblieben. Viel weniger noch als etwa das Columbine High School-Massaker verarbeitende »Elephant« verlässt sich »Last Days« auf Dialoge. Alle Nebenschauplätze und Nebenrollen dienen nur dazu, die Erfahrung von Blakes Gehen in den Tod zu steigern. Dazu bedarf es eines inneren Monologes, und für den hat van Sant eine Lösung gefunden: Michael Pitt spielt den Blake quasi als Sound Design in Menschengestalt.

LastDaysBunny    Das geht so: Anders als fast alle Spielfilme ist »Last Days« nicht still gedreht worden. Ganz im Gegenteil: Jede Szene wurde von zwei Mikrofonen aufgenommen, eines über dem Set, eines in Sprechhöhe. Diese Art der Produktion rückt die Atmo in den Vordergrund. Hintergrundgeräusche erscheinen überlaut, das Knacken des Lagerfeuers wärmt nicht nur den erschöpften Blake, sondern unmittelbar auch das Filmpublikum. Ebenso aber mutet der Wasserfall zu Beginn wie eine Todesdrohung an. Durch die Tonspur und ihr Arrangement erst wird dieser Film zur Zumutung: viel zu viele Eindrücke, ein Chaos. Hauptfigur Blake spricht ständig vor sich hin, so, als wolle er diese ganzen Sounds wieder ausspucken und so aus seinem Kopf kriegen. Das Publikum hört also seine Gedanken. Sein Murmeln hat aber eben kaum etwas von einer Sprache, vielmehr klingt es wie ein weiteres, zufällig aus dem Mund fließendes Geräusch. Aus dem Noch- einmal-mitschwimmen-wollen im eigenen Bewusstseinsstrom gerinnt so die Selbsterkenntnis Blakes, dass sich alle Bedeutungen in der Luft zerfetzt haben. Die totale Selbstauflösung wird nicht einmal mehr im entscheidenden Moment konkretisiert: Am Ende liegt Blake im Gartenhaus, eine Flinte neben ihm. Der Schuss ist im Film nicht zu sehen. Und zu hören ist er auch nicht.

»Last Days«, USA 2005, 93 Min., R: Gus van Sants
Mit Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Ricky Jay, u.a.
DVD mit Making of, Deleted Scenes, Trailer, Musikvideo, Englisch / Deutsch, Dolby, HiFi Sound, PAL /// HBO Films / Alive!

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