Performance: Sonic Youth: Daydream Nation live 2007

DaydreamNationErst kam die Meldung von der neu gemasterten Deluxe-Edition, die ging okay. Doch als Sonic Youth tatsächlich ankündigten, diesen Sommer auf einigen Konzerten das komplette »Daydream Nation« zu spielen, blieb die Frage nach den Motiven.

    Auf dem La Route Du Rock Festival in St Malo, neben der Berliner Columbiahalle einer der ausgesuchten Orte der »Daydream Nation«-Performances, wurde das Unternehmen dann besser zu kapieren. Denn das New Yorker Quartett hatte schon mit der Art und Weise, wie die Deluxe-Ausgabe kompiliert war – als »historisch-kritische Werkausgabe«, wie Max Dax und Jan Kedves in der Einführung zum »Vorspiel für Lee Ranaldo« in Spex #310 zu Recht zusammen fassen – bereits die eigene Passion an den Songs des Albums in den Vordergrund gestellt. Erfreulicherweise machten Sonic Youth aus ihrer »Daydream Nation«-Aufführung eine Komödie. Das war nun wirklich nicht zu erwarten: bereits die Art, wie Thurston Moore mit gereckter Faust gut Jagger-mäßig und ebenso gut gelaunt auf die Bühne hopste, bevor die ersten, trüben Akkorde des »Teenage Riot«-Intros aus den Saiten fielen, unterlief jede Erwartungshaltung.

SonicYouth    Es ging los: »Teenage Riot«, mit Publikumsgejaule untermalt; »Silver Rocket«, da kann sich Moore noch nicht richtig singen hören auf der Bühne; »The Sprawl« mit Kim Gordons simpelsuggestiven Zeilen »In your daddy's store/ You can find some more more more more«. Nach den ersten drei Songs war klar: während Lee Ranaldo und Steve Shelley einfach die Songs spielten, also ihre Musik machten, hatten sich die flamboyanten Gordon und Moore einen Subtext für die »Dadyream Nation«-Darstellungen ausgedacht: Kim Gordon spielte die coole, junge Kim, breitbeinig am Bass, zu keinem Mundzucken zu bringen. Das sollte nach Ende des Sets umso deutlicher werden, als die Band neuere Songs spielte. Da wurde sie verstärkt von Mark Lanegan Mark Ibold am Bass, und die Kim Gordon von heute zog ihre Bassgitarre aus, tanzte ziemlich befreit und befreiend und sprach ab und an sogar kurz mal eine Ansage ins Mikrofon. 

    Ihr Ehemann Thurston Moore dagegen gab den Kommunikatoren, zunächst visuell mit Handheben als Danksagen, später auch mit Lob für Publikum. Es ging souverän zu, und das in doppelter Hinsicht: zwar haben diese tollen Songs längst nicht mehr diese mehr in der Addierung der Soundattitudes vermittelte Dringlichkeit, dafür aber haben Sonic Youth in den zwanzig Jahren »Daydream Nation«-Songs spielen aber für jeden Break noch den idealen Weg gefunden. »Total Trash« zum Beispiel gaben sie reizend langsam her. Das klingt jetzt nach einer abgeschlossenen Geschichte, aber genau das hat die Gruppe während ihrer Performance auch verstärkt: Dadurch, dass die Anordnung haargenau dieselbe war wie auf dem Album und kein Fitzelchen Text verändert war, führten sie die Leute durch die Platte, als sei es ihr eigenes Museum. Sie hatten sichtlich Spaß dabei. Und die Songs nach »Dadyream Nation« klangen umso frischer. Gut vorstellbar, dass Sonic Youth jetzt das Kapitel »Daydream Nation« abschließen und die Songs live überhaupt nicht mehr spielen. Vielleicht wäre diese Geste aber auch zu pathetisch.

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