Performance: Saturn

Saturn: AtemhauchBeim ersten Anschauen fragte ich mich noch, was die da machen. Beim zweiten Mal wurde es schon deutlich. Nobuko Horis Clip zu Christopher Willits rauschbesprenkelten Plinker-Electronica-Track »Saturn« bildet eine Allegorie der Sehnsucht. Ein Junge, ein Mädchen, eine Straße, Bilder der Kälte. Der Junge haucht seinen Atem aus, und aus der Luftwolke heraus materialisiert sich eine archaisch wirkende Figur, ein Körper. Er wird hier ganz schemenhaft dargestellt, und noch bevor diese Gestalt aus Kopf und Leib dem Jungen davonfliegt, hilft er einem zweiten, ähnlich ausschauenden Körper beim Verlassen der Atemwolke. Die beiden schweben miteinander in der Luft: Es sind zwei Seelen, und nun verhelfen sie dem Mädchen über ihre Sehnsucht hinweg, indem sie vor ihren Augen miteinander tanzen. Gemeinsam fahren die beiden Seelen am Ende des Clips zum Himmel empor. Vielleicht aber auch lösen sie sich einfach in Luft auf. Es sind ja Seelen, keine Gottessöhne, geschweige denn Menschen.

Saturn: JungeDie Naivität und das Archetypische lassen den Clip der zwischen New York und Tokio pendelnden Clip-Regisseurin, Grafikerin, Bildenden Künstlerin und Musikerin Nobuko Hori so in mein eigenes System treffen. Das Video triggert nach dem ersten Moment der Rührung so viele Fragen an. Wenn selbst dem Atem eine Seele innewohnt, was ist dann eigentlich mit den Ausdünstungen von Kraftwerk- Schornsteinen, mit den unterirdischen Abwasserkanälen der Städte, mit Babys nächstem Pups? Quatschfragen, Scheinphilosophie, so soll es im Sommer sein, wenn ich auf der Wiese liege, nachdem ich mit den Nachbarskindern Fußball gespielt habe, bummsalle bin und für drei Sekunden über das Leben der Zecke auf der Decke nachdenke. Dann schlage ich die Frankfurter Rundschau auf und Theater-Regisseur Luc Perceval sagt einen hervorragenden Quatschfragen-Scheinphilsophie-Satz. Ich zitiere den Artikel von Peter Michalzik (FR, 24.07.): »Wenn man beim Schälen der Kartoffel an Gott denkt«, sagt der Meister, »hat das mit Erleuchtung nichts zu tun. Erleuchtung ist, wenn man beim Schälen der Kartoffel die Kartoffel schält.« Nobuko Horis Clip wirkt, als habe sie beim Zeichnen der Bilder die Bilder gezeichnet. Ihr krasser Animismus stellt gleichsam die Verbindung her zur Musik von Christopher Willits.

Saturn: Seelenreigen Zwar bedient sich Willits für seinen Freestyle-Pop aller möglicher Klangsprachen, oft genug stellt sich dabei jedoch der Chillout-Effekt ein. Und war es nicht gerade die frühe Ambient-Szene, die mit ihrem Wabern, ihren Wölkchen teilweise die Politik – oder doch besser: Ideologie – des Gaia verband, jener Lehre von der Weltmutter und ihren Kindern, den Menschen, den Tieren, den Pflanzen, den Steinen? Wie sehen es die Gaia-Apologeten denn mit den Schornsteinen der Kraftwerke, wie mit dem Pups? Der Assoziationsschub von Horis »Saturn«-Video jedenfalls liegt gerade in seinem Purismus, in der Konzentration auf eine Visualisierung der Sehnsucht. Die Musik des in San Francisco lebenden Willits lädt ja zum Einsatz leuchtender Farben ein. Das Cover von Willits Album »Surfing Boundaries« erzählt davon ebenso wie die Clips zu »Green And Gold« und »Colours Shifting«, die wie der »Saturn«-Film im soeben veröffentlichten Download »Surf Boundaries Addendum« enthalten sind. Zu »Colours Shifting« hat Regisseur Scott Pagano ein geometrisches Farbenballett inszeniert, während Christina Vantzou »Green And Gold« mit einem Rausch aus Farben, Pflanzen, Dingen bedacht hat. Passt, schön. Nobuko Hori aber hat etwas ganz besonders Zartes, etwas Dringliches gefunden. Ein Anime, mit Anima im Geiste Amiinas.

Nobuko Hori/ Christoher Willits: Saturn. Zum kostenlosen Download auf www.ghostly.com

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