Performance: Katrin Brack

KathrinBrackKatrin Brack ist Bühnenbilderin. Gerade erst ist sie von einer der beiden maßgeblichen Theaterzeitschriften, von  Theater heute, zum bereits dritten Mal zur »Bühnenbildnerin des Jahres« gekürt worden. Ihre Ästhetik ist in den meisten Inszenierungen auf Anhieb zu erkennen: eine Idee, ein Material. Deshalb wirken die Räume Bracks zunächst leer; nichts, was an ein herkömmliches Bühnenbild erinnern würde. Erst die Art und Weise, wie Regie und Ensemble mit ihren Einrichtungen umgehen, macht daraus überhaupt eine Spielstätte.

    Mit Regisseur Luk Perceval begann Katrin Brack 1990 damit, sich vom konventionellen Theater zu verabschieden – bezogen auf ihr Bühnenbild bedeutet das, vom Illustrieren der Performance weg zu kommen. Bis 1997 sollte es dauern – dann jedoch wurde die gemeinsame Inszenierung »Schlachten!!!« auf Anhieb gefeiert. Brack hatte lediglich drei Holzpodeste gebraucht, um ein komplettes Königsstück zu bebildern. Tatsächlich hat die Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie in der Zeit des Off-Theaters mit Perceval gelernt, mit wenigen Mitteln auszukommen. Im Jahr 2004 aber steigerte sie noch die Präsenz ihrer Bühne – selbstredend ohne, dass die des Stückes geschmälert würde. Mit Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Bernard-Marie Koltès' »Kampf des Negers und der Hunde« hatte sie ihre Eine-Idee-Ästhetik nochmals zugespitzt. Während des ganzen Abends fällt unaufhörlich Konfetti von der Decke auf den Boden.

KathrinBrack    Auch ohne Theater sind diese Bildräume also goutierbar. Schnee treibt, bunte Materialien häufen sich über die Länge eines Theaterabends an, Nebel verweht kunstvoll. Schließlich gelingt es der zwischen den Theatern Hamburgs, Berlins, Frankfurts, Münchens und Wiens pendelnden Brack, den Eindruck der Inszenierungen krass zu steigern. Die scheinbare Leere, die Möglichkeit, manche ihrer wichtigsten Arbeiten schlicht als »Nebel«, »Konfetti«, »Badeschaum« zu bezeichnen, erweist sich mit den passenden Schauspielern und Schauspielerinnen als Assoziationsmaschinerie. Und zwar gleich doppelt: Dem Publikum bleibt jene Luft, die Brack auch ihren meist leichten Materialien lässt. Auch das Theaterensemble wirkt in den besten Momenten wie berauscht von der Freiheit, die ihnen Brack mit ihren abstrakten Räumen lässt.

    Dieser Ansatz, eigene Wirklichkeiten zu kreieren, die den konkreten Bezug zum Theater offen lassen, könnten sich gerne auch mal die Performers of Pop durchdenken, deren Bühnen sich oftmals höchstens durch unterschiedlichen Einsatz von Visuals auszeichnen, und wo ab und an mal lustlos auf die Nebeldüse gedrückt wird. Geht nach Berlin, in die Volksbühne, wo Bracks Bühnenbild zur Gotscheff-Inszenierung »Iwanow« ganz aus Nebel besteht. Er wird durch das Öffnen und Schließen von Theaterbühnen in Gang gesetzt, wird bunt beleuchtet, und lässt in all seinen Erscheinungsformen dann doch die Fülle des Lebens deutlich werden, die den Iwanow so arg gebeutelt hat.

    Eine ganze Kettenreaktion also lösen Katrin Bracks Bühnenbilder aus, die nichts, aber auch gar nichts mit der konventionellen Idee vom Bebildern des Geschehens gemein haben: Erst einmal bespielt, werden diese Luftschlangen, Bonsaibäume, Nebelschwaden zu Erscheinungen mannigfaltiger Opulenz. Zu mannigfaltigen Wirklichkeiten.

In seiner Kolumne »Performance« betrachtet Spex-Autor Christoph Braun einmal monatlich bemerkenswerte Darstellungsformen. Bisher: Gus van Sants »Last Days«, Nobuko Horis / Christopher Willits »Saturn«, Sonic Youths »Daydream Nation« Live.

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