Perfect Pussy

Perfect Pussy   FOTO: Ben Cleeton
FOTO: Ben Cleeton

Perfect Pussy veröffentlichen heute ihr Debütalbum Say Yes To Love. Ein Porträt der US-Punkband und ihrer Sängerin Meredith Graves.

1991 erschien Hal Hartlys Independent-Film Surviving Desire, ein intelligentes, witziges Drama, das die gefährliche Liebschaft der College-Studentin Sofie – gespielt von Mary B. Ward – mit einem zynischen Professor zeigt. Die Protagonistin ist intellektuell, dabei gemein, intrigant, manipulativ. Richtig interessant also. Surviving Desire ist der Lieblingsfilm von Meredith Graves. Die PerfectPussy-Sängerin sieht aus wie eine Wiedergängerin Wards – mit ein paar Tätowierungen mehr: Die Künstlerin, die zum Interview eine rote Team-Zissou-Mütze trägt, scheint dem Film entsprungen zu sein.

Perfect Pussy, neben der 26-jährigen Graves sind da noch Ray McAndrew, Garrett Koloski, Greg Ambler und Shaun Sutku, haben mit einer Vier-Song-Kassette einen Start hingelegt, so spontan und plötzlich, dass sich der aufgewirbelte Staub noch nicht wieder gelegt hat. Und so klingen sie auch: rastlos, schnell, hektisch. Wie ein Fön, der sich auf glühende Kohlen richtet. Sutku spielt – anders als der Rest der Band – nicht in diversen Hardcore-, Grindcore-, Metal- oder Rockbands. Sutku sorgt für Störgeräusche. Epische Störgeräusche, die Graves so beschreibt: »Wenn man hört, was Shaun bei Perfect Pussy macht, stellt man sich vor, er sitze wie Dracula hinter einer riesigen Kirchenorgel, dabei hat er nur ein paar Geräte vor sich liegen, deren Namen ich nicht einmal kenne.« Der wahnwitzig schnellen Musik von Perfect Pussy gibt er damit neben Graves’ Stimme das zweite Alleinstellungsmerkmal.

Sutku ist außerdem Tontechniker. Aus den verschiedenen Hintergründen seiner Mitmusiker hat er einen hyper-verzerrten Sound destilliert, der so entwickelt und einmalig wirkt wie die kunstvolle Handschrift eines Lyrikers der literarischen Moderne. Mit ein bisschen Absinth. Und da – literarische Moderne – gehört auch Graves dazu, die viel liest, viel lacht, offenherzig ihr Leben ausbreitet und dabei immer betont, wie schüchtern sie eigentlich sei. Irgendwo ist da auch ein Abgrund, das suggeriert sie mit den schnellen emotionalen Kurswechseln ihrer Maschinengewehr-Monologe. Später erzählt sie aber, diesen nun überwunden zu haben. Jetzt zahlt sich ihre Kompromisslosigkeit, die sicher oft Schmerzen bedeutet hat, aus.

Perfect Pussy entstanden für die kleine Indie-Produktion Adult World, ein Film mit John Cusack, der auch Parallelen zu Surviving Desire aufweist. Eigentlich sollten Shoppers, eine frühere Band von Graves, darin vorkommen, doch die hatten sich getrennt. Aus dem zunächst zweckmäßig gegründeten Ersatz werden Perfect Pussy, im Namen und Auftreten Statement gegen jeglichen lookism, eine heftige Kopfnuss gegen jene Idioten, die hier ein Frau-mit-Band-Phänomen unterstellen würden. Graves schleudert ihnen rastlos die intimsten Erzählungen entgegen, singt von Scham, Isolation und Lügen, ohne Scham, aus der Isolation ausgebrochen, ohne zu lügen. Ganz im Gegenteil: Sie beschreibt, wie es wirklich ist, in einer Szene groß zu werden, die emanzipiert tut, aber von den gleichen fickwütigen Idioten durchdrungen ist wie jener 90er-Jahre-Ziegenbart-Rock, dessen Jünger doch eigentlich der Feind sind.

Auf eine vermeintlich verwandte Band namens End Of A Year (heute Self Defense Family) angesprochen, reagiert Graves mit überraschtem lauten Lachen. Auch deren Sänger Patrick Kindlon singt meistens in hohen Tonlagen, hat eine vergleichbare Sozialisation durchlebt und stellt sich ähnlich intim den Fragestellungen aus Existentialismus und Alltag. Der Unterschied?

»Als ich End Of A Year das erste Mal sah, hielt Patrick Kindlon zwischen den Songs lange Ansprachen. Er lobte die Hardcore-Szene, den Zusammenhalt, das Engagement. Er sagte immer wieder, wie sehr er alle Anwesenden liebe und respektiere. Ich habe ihm das irgendwie nicht abgekauft. Dann plötzlich sagte er, dass er jeden einzelnen Konzertbesucher ohne mit der Wimper zu zucken töten würde, um in dieser Nacht noch Sex mit hübschen Frauen zu haben.« Graves ist der Anti-Kindlon, den sie zur Abgrenzung gar nicht nötig hat. Sie hat Charakter. Ohne Atempause erzählt sie von den Geschehnissen der letzten Wochen, bombardiert einen mit Informationen. Ihre Liste an Empfehlungen wird länger und länger.

Über einen Text des undurchsichtigen Astrologen Rob Brezsny kommen wir auf Udo Kier, dessen These, das Böse sei wegen seiner Grenzenlosigkeit interessanter als das Gute, Graves sehr beeinflusst hat. Jahrelang standen die Worte »How dare Udo Kier« an der Wohnungsdecke über ihrem Bett. Als ich ihr von einem Freund berichte, der gut mit Kier bekannt ist, verschlägt es Graves zum ersten Mal die Sprache. Ich scherze, dass sich ein Treffen im Frühling auf der geplanten Europa-Tour von Perfect Pussy sicherlich arrangieren ließe, und mache mir sogleich Sorgen: Schockstarre, Graves spricht nicht mehr. Dann fasst sie sich wieder und heckt einen Plan aus: auf ein Bier mit Udo Kier. How dare Meredith Graves?

Dieser Text erschien zuerst in SPEX N°350. Die Ausgabe ist noch immer im SPEX-Shop erhältlich.

1 KOMMENTAR

  1. […] Aber Perfect Pussy sind natürlich far away davon, eine One-Woman-Show zu sein. Das betont Meredith Graves auch immer wieder, zuletzt erst gestern und sehr eindrucksvoll auf ihrem Blog. Und im August in Berlin und Bad Bonn, wenn Perfect Pussy das einzige Deutschland- respektive Schweizkonzert ihrer Tour geben, wird das ebenfalls zu erleben sein. Unser Porträt der Band findet sich hier. […]

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